Ohne Visionen geht es nicht

Ohne Visionen geht es nicht

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von Michael Tönges-Braungart, Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Vision – sucht man dieses Stichwort im Internet-Lexikon Wikipedia, findet man nicht viel, sondern nur Verweise auf andere Artikel zu Stichworten wie „Erscheinung“ oder „Halluzination“. Immerhin: Es ist auch zu lesen, dass mit Vision ein inneres Bild, eine innere Vorstellung gemeint sein kann, die meist auf die Zukunft bezogen ist. Dann wird das aber gleich auf Unternehmensstrategien bezogen, also darauf, wie Unternehmen in der Zukunft bessere Geschäfte machen können. Eine Engführung, finde ich. Denn bei Visionen geht es hoffentlich um mehr.

Das ist für mich eine Vision: Zwischen Israel und seinen Nachbarn herrscht Frieden, und wo früher der Grenzzaun verlief, ist jetzt ein Grünstreifen. Bald wird man gar nicht mehr erkennen, wo er einmal stand. Es fliegen keine Raketen mehr auf Israel und in den Gazastreifen. Arabische und jüdische Kinder spielen miteinander und finden nichts Besonderes dabei. Die Völker Nordafrikas haben frei gewählte und demokratische Regierungen; der Reichtum aus dem Öl lässt Dörfer und Städte aufblühen.

Und das sind für mich andere starke Visionen: Die Tafeln in den Städten, die günstige Lebensmittel an Bedürftige vermitteln, müssen schließen, weil ihnen die Kunden ausgehen. Oder das: Aktienkurse steigen, wenn Unternehmen Arbeitsplätze schaffen und soziale Standards einhalten – auch in den Ländern mit niedrigen Löhnen. Auch das sind innere Bilder: Terroristen und selbsternannte Glaubenskrieger verstehen sich selber nicht mehr und legen die Waffen nieder. Machthaber und Politiker, die nur noch in den Kategorien von Abschreckung und Vergeltung denken konnten, schütteln fassungslos über sich selber die Köpfe.

Und schließlich das: Die Kirchen füllen sich – nicht nur bei besonderen Anlässen. Die Kirchen füllen sich, weil von den Gemeinden eine Ausstrahlung ausgeht; weil die Menschen spüren: hier bekommen wir Antworten auf ihre Fragen; hier bekommen sie Orientierung fürs Leben; hier können sie sich freuen – und ihre Ängste loslassen; hier wird die Sehnsucht gestillt, die viele spüren und vielleicht gar nicht richtig benennen können – die Sehnsucht nach Gott.

Was für Visionen! Zu schön, um wahr zu sein? Träume sind Schäume, sagt der Volksmund. Und gegen diese Vision stehen die Bilder, die täglich ins Haus kommen; Bilder aus dem Irak und aus Syrien; Bilder von den Flüchtlingsdramen auf dem Mittelmeer. Bilder von Obdachlosen in unseren Städten und von Menschen, die bei den Lebensmittelausgaben anstehen. Dagegen steht auch die eigene Erfahrung mit anderen und mit sich selber. Dass es so viel einfacher ist, als Beobachter aus sicherer Distanz Missstände zu erkennen, Ungerechtigkeit zu beklagen, Fehlverhalten der Verantwortlichen anzuprangern und auf „die da oben“ zu schimpfen, als selber aktiv zu werden; sich selber für eine Sache zu engagieren – und zu erleben, dass das gar nicht so einfach ist, dabei immer alles richtig zu machen und keine schmutzigen Finger zu bekommen. Wie oft bleibe ich im „Da müsste man…“ stecken und wie viele im „Eigentlich sollte ich…“. Wozu also Visionen? Stimmt der Satz von Altkanzler Helmut Schmidt: Wer Visionen hat, soll zum Psychiater gehen?

Musik: Arvo Pärt; Symphony No. 3, Third Movement, Bamberger Sinfoniker unter Neeme Järvi, Frans Helmerson - Cello

Wozu braucht man Visionen? Ich bin nicht Helmut Schmidts Meinung, wer Visionen hat, sollte zum Psychiater gehen. Ich drehe diesen Satz sogar um und sage: Wer keine Visionen hat, muss früher oder später verzweifeln oder verrückt werden. Wer keine Visionen, wer keine Träume hat von einer anderen, besseren Welt, der resigniert und gibt alle Hoffnung auf oder wird zum zynischen Beobachter. Oder er entscheidet sich, das böse Spiel mitzuspielen und für sich selber das Beste herauszuholen - koste es, was oder wen es wolle. Wer keine Visionen hat, wer nicht hofft und so voraus schaut, der muss auch keine Rücksichten mehr nehmen.

Menschen brauchen Visionen, Träume von einer anderen, besseren Welt. Sonst würde sich nie etwas ändern. „I have a dream…“ Ich habe einen Traum. Diese Vision von Martin Luther King hat schwarze und weiße Bürger der USA begeistert und mitgerissen. Und was hat sie letzten Endes bewirkt! Und in Deutschland: Hätten nicht einige Politiker und einige andere an der Vision vom wiedervereinigten Deutschland festgehalten – wer weiß, ob es jemals Wirklichkeit geworden wäre.

Hätten nicht Umweltschützer an der Vision vom Ausstieg aus der Kernenergie festgehalten, wäre der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht so schnell vorangegangen. Aber auch Visionen und Träume sind nicht ungefährlich. Denn es kommt darauf an, wie sie konkret aussehen; was sie zum Inhalt haben. Auch die islamischen Fundamentalisten in Syrien und im Irak haben die Vision von einem Kalifat – von einem aus ihrer Sicht besserem Gesellschaftssystem auf dem Fundament der Scharia, des islamischen Rechts. In dieser Gesellschaft ist kein Platz für Andersgläubige; kein Platz für Meinungs- und Religionsfreiheit. Und Frauen haben darin kein Recht auf Selbstbestimmung und auf Bildung. Auch die Nationalsozialisten hatten die Vision von Großdeutschland – und von der Vernichtung des jüdischen Volkes. Die letztere, die Vision von der Vernichtung der Juden, lebt heute andernorts wieder auf. Und wir erschrecken, welches Gedankengut  auch in unserem Land wieder offen geäußert wird. Wenn es auch gewiss nicht mehrheitsfähig ist.

Es kommt darauf an, wie die Visionen von einer anderen, einer besseren Welt konkret aussehen; was ihre Inhalte sind. Ob sie auf die Herrschaft der einen über die anderen aus sind; auf gnadenlose Durchsetzung einer Idee, eines Prinzips, eines Glaubens. Auf die klare Bevorzugung einer Rasse oder Volksgruppe auf Kosten aller anderen. Es kommt darauf an, was Visionen mit den Menschen machen. Wozu sie die Menschen bringen, sie beeinflussen. Wie Menschen daran gehen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Es gibt Visionen, für die offenbar jedes Mittel und jedes Opfer recht ist, um sie zu verwirklichen. Wie solche Schreckensvisionen Realität werden können, wird uns tagtäglich in den Nachrichten vor Augen geführt. Deswegen braucht es andere Visionen. Gegenbilder zu den Schreckensbildern. Visionen von einer besseren Welt für alle Menschen.

Musik: Arvo Pärt; Symphony No. 3, First Movement, Bamberger Sinfoniker unter Neeme Järvi, Frans Helmerson - Cello

Eine bessere Welt für alle - mehr als zweieinhalbtausend Jahre alt ist eine Vision, wie sie im Buch des Propheten Jesaja überliefert ist und die mit dem Traum der Menschen beginnt, die im heißen, trockenen Mittelmeerraum leben. Der Traum, die Wüste möge ein Garten werden.

„Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Die Natur soll ihre Schönheit und ihren Reichtum entfalten können. Außerdem soll sie fruchtbar sein, damit die Menschen sie bebauen und nutzen können.“

Und dann geht es in der Vision um Recht und Gerechtigkeit für alle Menschen. Gerade auch für die, denen die beiden am meisten fehlen. Ein Ausgleich zwischen Arm und Reich: Alle Menschen sollen teilhaben können am Leben.

„Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.“

Vernunft und Gerechtigkeit sollen also herrschen. Und schließlich sollen die Menschen Gott fürchten und seinen Namen heiligen.

„Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.“
Jesaja 29, 17-24

Dass Menschen Gott fürchten und seinen Namen heiligen, genau das ist der Schlüssel dazu, dass diese Vision eine heilsame ist und bleibt. An diesem letzten entscheidet sich nämlich auch, wie Menschen mit dieser Vision umgehen; wie sie ihr Handeln bestimmt; welche Schritte sie unternehmen – angespornt und geleitet von dieser Vision. Gott fürchten und seinen Namen heiligen, das bedeutet doch auch: Gott Gott sein lassen und nach seinem Willen fragen – und nicht immer selber schon ganz genau zu wissen, was sein Wille ist. Gott Gott sein lassen und sich nicht an seine Stelle setzen. Gott Gott sein lassen – und selber Mensch sein und Mensch bleiben – und damit auch die Grenzen akzeptieren, die Menschen gesetzt sind.

Überall da, wo Menschen ihre Visionen von einer anderen, einer besseren Welt um jeden Preis umsetzen wollen; wo ihnen – um der vermeintlich guten Ziele willen – jedes Mittel recht ist; da setzen sich Menschen an Gottes Stelle. Wo sie meinen, die Menschen einteilen zu dürfen oder sogar zu müssen in gute und böse, Freunde und Feinde, Gottesfürchtige und Gottlose; wo sie glauben, die Menschen notfalls zu ihrem Glück zwingen zu müssen und die, die sich nicht zwingen lassen wollen, notfalls aus dem Weg räumen zu dürfen – überall da setzen sich Menschen selber an Gottes Stelle. Und wo sie das tun, werden sie zu Tyrannen – und sei es im Namen einer guten Sache.

Musik: Georg Neumark, Wer nur den lieben Gott lässt walten, Vocal Concert Dresden

Fragt man, was denn Gottes Wille für die Welt ist, gibt die Vision des Propheten Jesaja die Antwort. Die Vision, dass aus Wüsten Gärten werden. Diese Vision und die vielen anderen Visionen von einer anderen, einer besseren Welt, die in der Bibel, im Alten und im Neuen Testament begegnen. Eines ist ihnen gemeinsam: Der Blick auf die „Armen und Elenden“. Dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt, zieht sich wie ein roter Faden durch alle diese Visionen. Damit ist die Grundfrage beantwortet, was denn Gottes Wille ist. Aber noch nicht die Frage, was das denn jeweils ganz konkret bedeutet. Wenn ich mich in meiner Umgebung umschaue, sehe ich unterschiedliche Antworten.

Es gibt einzelne Christen und auch christliche Gemeinden, die für sich entschieden haben: Die Vision von Gerechtigkeit für die Armen und Elenden bringt uns dazu, uns für Flüchtlinge einzusetzen, die bei uns Zuflucht suchen. Sie nehmen Kontakt auf und lernen sie kennen; sie laden zum Willkommenscafé im Gemeindehaus ein oder begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen; sie bieten Deutschkurse an und vermitteln Kontakt zu Anwälten. Und manche Gemeinden gewähren Flüchtlingen auch Asyl, um sie vor der Rückführung in Länder zu bewahren, in denen sie unter entwürdigenden Bedingungen leben müssen und kaum eine Chance auf ein faires Asylverfahren haben. So geschehen in Friedrichsdorf am Taunus, wo eine evangelische und eine methodistische Gemeinde einen Flüchtling aus Eritrea mehrere Wochen beherbergt haben. So haben sie verhindert, dass er zurück nach Malta gebracht wurde, an den Ort, wo er zuerst europäischen Boden betreten hatte und wo die Situation für die Flüchtlinge menschenunwürdig ist. Jetzt kann sein Asylantrag hier in Deutschland bearbeitet werden.

Andere engagieren sich dafür, dass fair gehandelte Produkte verwendet werden. In den Gemeinden beim Kaffee nach dem Gottesdienst, bei den Seniorennachmittagen, beim Gemeindefest. Aber genauso auch in den kommunalen Behörden und in Betriebskantinen, im Einzelhandel und in der Gastronomie. Ihr Ziel: Fair-Trade-Town werden. In einer Stadt von 70.000 Einwohnern müssen dafür mindestens eine Schule, ein Verein, eine Kirche, und 14 Geschäfte oder Gastronomiebetriebe gewonnen werden, die fair gehandelte Produkte verwenden bzw. anbieten. Städte wie Oberursel haben bereits den Titel erworben, und andere sind auf dem Weg dazu.

Und wieder andere arbeiten bei den Tafeln mit, sortieren und verteilen Lebensmittel an Bedürftige. Und das sind nicht nur Menschen, die keine Arbeit haben und von Sozialhilfe leben müssen. Sondern auch alte Menschen, deren Rente hinten und vorne nicht reicht. Berufstätige, die nicht genug verdienen, um ihre Familie damit über die Runden zu bringen. Sie können bei der Tafel einkaufen. Für die, die bei der Tafel mitarbeiten, ist es wichtig, ihre Kunden auch als Kunden zu behandeln und nicht als Almosenempfänger – und so ihre Würde zu achten.

Musik: Bohuslav Martinu, Sinfonie Nr. 5, 2. Satz, Prague Radi Symphony Orchestra unter Valdimir Válek

Flüchtlinge unterstützen, sich für fairen Handel einsetzen, Hilfe leisten für Menschen, denen das Nötigste fehlt: Christen arbeiten auf ganz unterschiedliche Weise dafür, dass eine andere, einer bessere Welt für alle Wirklichkeit wird. Sie fragen danach, was Gottes Wille ist und orientieren sich dabei an Texten und Visionen aus der Bibel. Und sie fragen damit auch, was dabei denn ihre Aufgabe ist – und was Gottes Sache bleibt. Was Menschen tun können und sollen - und was sie Gott überlassen sollen – und müssen. „Dein Reich komme“ – das ist eine Bitte im Vater Unser. Eine Bitte – und keine Handlungsanweisung. Visionen wie die des Propheten Jesaja voll und ganz Wirklichkeit werden zu lassen, das ist und bleibt Gott überlassen.

Daneben steht aber im Vater Unser die andere Bitte: „Dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auf Erden.“ Wie sollte denn Gottes Wille auf Erden geschehen, wenn nicht Menschen ihn tun? Darauf kommt es an: dass ich die Visionen von einer anderen und besseren Welt zum Maßstab meines Handelns mache – und dabei doch nicht alles von mir und meinem Handeln erwarte. Dass ich darauf hoffe, dass Gott sie nicht ohne mein Handeln verwirklichen will. Aber dass sie auch nicht allein durch das, was Menschen zustande bringen, einmal vollendet werden.

Musik: Einojuhani Rautavaara, Sinfonie Nr. 7 „angel of Light“, 1. Satz, Helsini Phiharmonic Orchesta unter Leif Segersta

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