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"Von allen Seiten umgibst du mich" - über Geborgenheit und Bevormundung

"Von allen Seiten umgibst du mich" - über Geborgenheit und Bevormundung

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Es ist vermutlich eine tiefe Sehnsucht vom ersten Tag an: Sich geborgen zu fühlen. Wohl jeder empfindsame Mensch möchte das. Möchte angesehen und angenommen werden, geliebt, geschützt und gehalten. Wer kann einem etwas von dieser Geborgenheit geben? Klar: Menschen, die einem nahe stehen. Auch die Gesellschaft, zu der man gehört. Aber in einem ganz tiefen Sinne kann wohl nur Gott diese Geborgenheit geben. Wieviel braucht man davon? Und: Gibt es ein Zuviel an Geborgenheit? Um diese Frage geht es in der Bibel im Psalm 139:

 „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das, du, Herr, nicht schon wüsstest.“

Der Beter dieses Psalms ringt um das rechte Maß an Intimität mit Gott. Man spürt es seinen Versen ab: Er ist hin und hergerissen. Ganz offensichtlich kann er vor Gott keine Geheimnisse haben. Und das ist ihm unbehaglich. Zugleich staunt er darüber, wie nah ihm Gott sein kann, wie intensiv er von ihm angeschaut wird und wie ernst ihn Gott nimmt.

So lösen diese Psalmenverse ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Die einen empfinden sie als düstere Drohung oder auch schlicht als Anmaßung. Gott kommt ihnen darin viel zu nahe. Sie fühlen sich beobachtet bei ihren geheimen Gedanken, ertappt mit ihren verborgenen Ängsten und manches mehr. Durchschaut zu werden, zumal von Gott, das mag nicht jeder.

Einer, der darunter sehr gelitten hat, ist der Psychotherapeut Tilmann Moser. Er hat sich seinen Zorn über Gott von der Seele geschrieben, schon vor vielen Jahren. Daraus wurde ein Buch mit dem Titel „Gottesvergiftung“. Darin wendet sich Moser direkt an Gott. Es ist eine Art zorniges Gebet, in dem Moser erzählt, was der Psalm 139 angerichtet hat in ihm, dem wehrlosen Jugendlichen.

 „Aber weißt du, was das Schlimmste ist, was sie mir über dich erzählt haben? Es ist die tückisch ausgestreute Überzeugung, dass du alles hörst und alles siehst und auch die geheimen Gedanken erkennen kannst. …. Vorübergehend mag es gelingen, lauter Sachen zu denken oder zu tun, die dich erfreuen, oder dich zumindest milde stimmen. Ganz wahllos fallen mir ein paar Sachen ein, die dich traurig gemacht haben, und das war ja immer das Schlimmste: Dich traurig machen – ja die ganze Last der Sorge um dein Befinden lag beständig auf mir, du kränkbare, empfindliche Person, die schon depressiv zu werden drohte, wenn ich mir die Zähne nicht geputzt hatte.“

Musik: Instrumental-Variation über „Every Breath you take” von Sting/The Police

Für den jungen Tilmann Moser war Gott der ins Unendliche verlängerte Arm der Eltern. Was man vor Vater und Mutter noch verheimlichen konnte, dass kriegte dieser Gott heraus! „Gott sieht alles“ – das war damals eine durchaus weit verbreitete pädagogische Drohkulisse!

Davon konnten sich andere Jugendliche zum Glück leichter befreien. Sie sagten ironisierend: „Gott sieht alles – aber er verrät mich nicht.“ Darin steckt eine tiefere Wahrheit. Gott ist eben kein Erfüllungsgehilfe für die elterliche Erziehung.

Vielmehr ist Gott ein Wegbegleiter. Er geht mit, macht Mut und teilt mit einem das Leben. Freilich: Unterwegs stellt Gott auch unbequeme Fragen. Fragen, die ich dann in meinem Gewissen höre. Wenn das Leben weh tut, leidet er mit. Wer Gott so erlebt, hört den Psalm 139 anders. Der hört darin stärker eine Sehnsucht: den Wunsch, in Gottes Nähe geborgen zu sein.

Musik: Bass-Variation über „Every Breath you take” von Sting/The Police

Über Nähe und Geborgenheit muss man sich aber nicht nur bei Gott klar werden. Sondern auch ansonsten im Leben. Das gilt insbesondere für Liebende. Manche Liebespaare erwarten von einander sehr viel. Die Partner sollen alle Sehnsucht nach Geborgenheit stillen. Manche wünschen sich gar, alles miteinander zu teilen, alles voneinander zu wissen, ja gerade zu miteinander zu verschmelzen.

Darüber hat der Musiker Sting, Sänger der Popgruppe The Police, ein Lied geschrieben. Es heißt „Every breath you take“, zu Deutsch: Jeder Atemzug, den du nimmst”. Der Text lautet:

 "Jeden Atemzug, den du tust, jede Bewegung, die du machst, jedes Versprechen, das du brichst, und jeden Schritt, den du gehst, werde ich beobachten."

Jedem einzelnen Tag und jedes Wort, das du sagst, jedes Spielchen, das du treibst, und in jeder Nacht, die du bei mir bleibst, werde ich dich beobachten.“

Musik: Ausschnitt aus „Every Breath you take” von Sting/The Police

Das Lied klingt sanft und kuschelig. Deshalb wird es gerne bei Hochzeiten gespielt – manchmal auch in der Kirche bei der Trauung. Verliebte Paare hören darin ihren Wunsch, ganz innig miteinander vertraut zu sein.

Doch der Komponist Sting hat es eigentlich ganz anders gemeint. Er verarbeitet darin die Trennung von einer Frau. Sie hatte versucht, ihn vollkommen zu umschlingen. Ihr umfassender Besitzanspruch auf sein Leben, darum geht es indem Lied. Sing konnte sich ihrer Umklammerung nur durch eine Trennung entziehen.

Menschen sehnen sich nach Geborgenheit, von ihrer Geburt an. Doch miteinander verschmelzen können sie nicht. Beide bleiben eigene Personen. Nicht einmal Liebende können alles voneinander wissen, denn jeder Mensch hat ein eigenes inneres Geheimnis. Es bleibt den anderen verborgen. Und vielleicht sogar einem selbst. Das gilt übrigens auch, wenn man voller Überzeugung von sich sagt: Ich habe nichts zu verbergen! Deshalb: Jemanden zu lieben, bedeutet auch, ihm sein Geheimnis zu lassen. Sonst tritt leicht die dunkle Kehrseite der Geborgenheit zutage: die Bevormundung. Aber die vergiftet allmählich, wonach sie sich so sehr sehnt: Liebe und Geborgenheit.

Musik: „Every Breath you take” von Sting/The Police

 „Begreifst du denn nicht, dass du zu mir gehörst? Wie mir mein armes Herz bricht, bei jedem Schritt, den du gehst? Jede Bewegung, die du machst, jeden Schwur, den du brichst, jedes Lächeln, das du vortäuschst, und jede Forderung, die du stellst, werde ich beobachten.“

Mit seinem Lied warnt Sting Liebende eindrücklich vor einem gefährlichen Irrweg. Doch hat sein Lied heute noch einen ganz anderen Beigeschmack – und zwar einen sehr bitteren. Der Text lässt an die Überwachungstechniken von Geheimdiensten und Online-Diensten denken. In den letzten Monaten ist heraus gekommen, dass nahezu der gesamte elektronische Datenverkehr weltweit abgefischt, gespeichert und nach Bedarf ausgewertet wird. Amerikanische und britische Geheimdienste akzeptieren keine Geheimnisse und respektieren keine Privatsphäre mehr. Sie riskieren längst jeden Blick, den sie in das Leben der Anderen werfen können. Sie lesen mit, was die anderen schreiben. Und sie hören zu, was die anderen sagen: Liebesgeflüster und Familienstreit, Gebete und Geschäftsverhandlungen.

Viele sind darüber zutiefst verärgert und auch verunsichert. Zu Recht spüren sie, dass da etwas nicht stimmt. Mit dem Hinweis auf Terrorgefahren wird den Bürgern etwas ganz Elementares genommen: Ihre Intimsphäre, das Recht auf ihr persönliches Geheimnis. Das Recht auf persönliche Gespräche, die niemand hört außer denen, die sie führen.

Dazu gehören gerade auch Gespräche über Gott, über Glaubenszweifel und Glaubensversuche. Die müssen aber möglich sein, ohne dass irgendjemand unbefugt zuhört. Deshalb: Um das rechte Maß zwischen Geborgenheit und Privatsphäre muss heute auch hier gerungen werden: im Verhältnis zwischen uns Bürgern und dem Staat.

Vielen ist das allerdings egal, denn diese elektronische Überwachung bleibt unsichtbar. Was man dagegen sieht, sind ihre Vorteile. Überall telefonieren zu können ist großartig. Dafür akzeptiert man, dass Mobiltelefone immer anzeigen, wo sich ihre Besitzer gerade befinden.

Noch viel weiter gehen moderne Fernseher und Spielkonsolen. In ihnen sind Mikrophone und Kameras fest eingebaut. Sie erkennen, wie viele Personen im Raum sind. Sie erkennen, ob diese Personen in den Bildschirm schauen oder nicht. Ob sie konzentriert sind oder müde. Sie hören auch, was sie sagen. Das alles können sie per Internet an die Hersteller weitergeben. Die wollen damit natürlich nichts Böses, sagen sie. Sie wollen nur wissen, ob die Leute bei der Sache sind oder gelangweilt, damit sie ihre Angebote optimieren können. Beispiel Fernsehen: Vor dem Bildschirm eingeschlafen? – kein Problem, der Fernseher kann den Spielfilm anhalten und warten, bis die Augen wieder aufgehen. Nichts verpasst. Die Werbung wartet dann aber auch.

Hier wird etwas Realität, was George Orwell in seinem Buch „1984“ beschrieben hat. Das Buch ist im Juni 1949, also vor genau 65 Jahren, in England erschienen und wurde in den USA sofort zum Buch des Jahres gewählt. Ausgerechnet in den Ländern also, deren Geheimdienste heute an der Schnüffel-Spitze stehen.

Das Buch erzählt von einem totalitären Staat, der in jedes Zimmer einen Bildschirm gehängt hat. Er ist nicht nur das Symbol der allgegenwärtigen Obrigkeit, die im Buch der sprichwörtlich gewordene „Big Brother“ genannt wird. Der Bildschirm im Zimmer nimmt auch alles wahr, was dort passiert. Als Orwell das Buch schrieb, hatte er Hitler und Stalin vor Augen, also die Diktatoren des 20. Jahrhundert. Die mussten ihren Untertanen die Überwachung noch brutal aufzwingen. Heute bezahlen viele sogar Geld dafür, einen solchen Bildschirm zu haben. Man muss ihnen dafür nur unbeschwerten Komfort versprechen. Dafür geben sie ihre Intimität auf.

Musik: A-Capella-Variation über „Every Breath you take” von Sting/The Police

Wie viel persönliches Geheimnis ist nötig? Wie viel Geborgenheit ist möglich? Diese Fragen müssen heute auf vielen Ebenen beantwortet werden. In der Gesellschaft, insbesondere im Internet. In den Familien und Beziehungen. Und nicht zuletzt auch im persönlichen Verhältnis zu Gott. Anstöße dafür gibt Psalm 139.

 „Herr, von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu hoch und zu wunderbar, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich die Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Der Psalm spricht zu einem Gott, der alles bestimmt, der immer und überall schon da ist, wenn man gerade erst hinkommt. Oder ist es andersherum besser gesagt: Gott ist kein Winkel zu fern und keine Reise zu anstrengend, um nahe bei seinen Menschen zu sein. Beides stimmt. Insofern ringt hier die Sehnsucht nach Geborgenheit mit der Angst vor Bevormundung.

Mag in der Jugend die Angst überwiegen. Mit den Jahren wächst bei vielen eher die Sehnsucht nach Geborgenheit. Denn die Gefahren und die Unwägbarkeiten des Lebens werden einem immer bewusster. Viele erkennen, wie leicht das eigene Leben aus der Bahn geworfen werden kann. Da wünscht man sich, dass Gott einem beisteht. Dass er in der Not hilft, einen Ausweg zu finden. Der Glaube kann einem Stütze und Halt werden. Viele erleben das so.

Das weiß übrigens auch der religionskritische Psychotherapeut Tilmann Moser. Er hat sich längst vom Spionage-Gott seiner Jugend befreit. Heute schreibt er auf seiner Website, dass der Glaube an Gott durchaus helfen kann, das Leben besser zu meistern. Dabei erzählt er von seiner therapeutischen Arbeit mit einer Patientin, deren Zugang zu Gott verschüttet war. Ihre Familie hatte für Glauben, Religion und Kirche nur Spott übrig. Darunter leidet die Frau. Das erkennt Moser und ermutigt sie, ihren persönlichen Zugang zu Gott zu entdecken – mit Erfolg, wie Moser schreibt:

„So wurde ich eines Tages zum helfenden Zeugen eines ersten vorsichtigen Gebetes, das uns beide sehr bewegte. Wenn man mich früher gefragt hätte, würde ich es lange Jahre in meinem Beruf für unwahrscheinlich, wenn nicht gar absurd gehalten haben, eines Tages therapeutische Ermutigung, ja Unterricht im Gebet zu leisten. Doch beim Zuhören spürte ich, dass sich bei meiner Patientin eine innere Wende andeutete, die ich begrüßen musste, weil ich den Schmerz ihrer Orientierungslosigkeit und die verachtete Frömmigkeit ihrer Seele gut kannte.“

Tilmann Moser sieht sich selbst nicht als gläubigen Menschen. Aber er begreift seine eigene schwierige Geschichte mit Gott als ein Geschenk, mit dem er Patienten helfen kann, ihren eigenen religiösen Grund zu finden.

Musik: Jazz-Variation über „Every Breath you take” von Sting/The Police

In den Worten des Psalms 139 steckt Kraft. Seine poetischen Bilder lassen staunen. Sie können Menschen zutiefst anrühren und ihnen Hoffnung machen.

 „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke. Das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen noch keiner war.“

Gott ist allumfassend in Raum und Zeit. Muss man vor ihm fliehen? Muss man etwas vor ihm geheim halten? Das hatte sich der Beter des Psalms 139 am Anfang gefragt. Dann, Vers für Vers, hatte er sich von seiner Angst entfernt. Nun geht er Schritt für Schritt hinein ins Vertrauen – immer näher kommt er an Gott heran. Oder Gott an ihn? Jedenfalls: Am Ende des Psalms hat sich die Perspektive des Beters komplett gedreht. Die Angst ist gewichen. Nun bittet er sogar Gott, immer bei ihm zu sein:

„Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz. Prüfe mich und erkenne, wie ich es meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“

Der Psalm endet mit einer Entdeckung: Gott steht mir auf dem Weg zu mir selbst nicht im Weg. Im Gegenteil: Er hilft mir, ihn zu gehen. Gott ist wie ein guter Freund, der mich unterstützt, wenn das nötig ist. Wie eine gute Freundin, die mich zu Recht rückt, wenn das nötig ist. Ich kann mich Gott ganz anvertrauen, weil ich von Gott ganz geliebt werde. Deshalb ist Gott der einzige, der mein persönliches Geheimnis kennt und kennen darf. Ja, Gott kennt mich sogar besser, als ich mich selbst kenne. Er ist mir näher, als ich mir selbst nahe bin.

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