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„Sieben Gedankengänge über Gott im Garten“

„Sieben Gedankengänge über Gott im Garten“

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Ein Garten im Frühling – das ist ein wunderbarer Ort. Schon der kleine eigene, anders noch der großzügige Park. Oder noch größer: das Gelände auf der Landesgartenschau in Gießen. Überall bringen jetzt die Pflanzen saftiges Grün hervor, die Blumen leuchten in Rot, Gelb und Blau, die Luft riecht frisch und die Vögel zwitschern munter – ein Genuss für die Sinne. Und für die Seele. Auch die Gedanken werden angeregt zum Denken und Träumen. Lassen Sie sich einladen zu sieben kurzen Gedanken-Spaziergängen im Garten. Wir werden dort viele Spuren unserer selbst finden – und Spuren Gottes.

Musik: Ottorino Respighi, Il cuccu aus Gli uccelli (Acadamy of St. Martins in the fields unter N. Marriner)

Unser erster Gedankengang beginnt am Gartentor. Ein Schritt hinein – und man ist in einer anderen Welt. Der Lärm des Alltags tritt zurück. Ein friedlicher Platz, so scheint es. Doch der Schein trügt. Die sanfte Natur – das ist ein romantischer Mythos. Auch im scheinbar friedlichen Garten tobt der Überlebenskampf. Im Verborgenen gilt das Recht des Stärkeren, und das lautet: die anderen verdrängen, um selbst zu überleben. Diesem Prinzip unterliegen alle Pflanzen und Tiere. Gottes Schöpfung ist nicht nur friedlich.

Davon bekommen die Menschen im Garten allerdings nur wenig mit. Dort hört für sie als oberste Ebene der Nahrungskette der Überlebenskampf auf. Im Gegenteil: Viele sind im Garten ganz entspannt und glücklich. Berühmte Verse beschreiben es so:

Geh aus mein Herz und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben.
Schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide.

Musik: Ottorino Respighi, Il cuccu aus Gli uccelli (Acadamy of St. Martins in the fields unter N. Marriner)

Im Garten treffen die Spuren der Gärtner auf die Spuren Gottes. Ihnen folgt unser zweiter Gedankengang. Er beginnt bei dem, was die menschlichen Gärtner tun: Sie säen, pflegen – und warten. Sie lassen Sonne und Regen wirken. Und schließlich ernten sie die Früchte ihrer Arbeit. Wie schön leuchten selbst gezüchtete Tomaten! Und wie gut schmecken Kirschen aus dem eigenen Garten!

Dennoch ist so ein Garten oft genug alles andere als ein Traum. Man erlebt darin die Launen der Natur. Mal ist es zu nass, mal zu trocken. Mal zu kalt und mal zu heiß. Mal erntet man kaum etwas, ein andermal so viel, dass man gar nicht weiß, wohin damit.

Garten – das ist viel Arbeit, die auf die Knochen geht. Aber ohne den krummen Rücken, ohne die emsige Hand und den grünen Daumen der Gärtnerinnen und Gärtner gedeiht nicht viel. So kann ein Garten auch zur Last werden – insbesondere für Ältere. Aber sich davon zu verabschieden fällt schwer, gerade wenn man dafür ein Leben lang gearbeitet hat. Das Herz hängt daran.

In einem Garten erlebt man nicht nur die Natur aus erster Hand mit. Man ist auch Teil von etwas ganz großem: man arbeitet mit Gott an seiner Schöpfung. Das macht einem auf handfeste Weise bewusst: Unser Leben hängt von Kräften ab, die wir selbst nicht schaffen können: Von der Sonne, vom Regen, von der Luft und vielem mehr. Dazu gehört das das ganze fein justierte Kräftespiel der Natur, in dem alles ineinander greift und in dem keines ohne das andere auskommt. In der Natur ermöglicht das große Ganze das kleine einzelne. Und wer steckt dahinter? Für Christen ist das Gott. Sie finden seine Spuren im Garten. Ihm sind im Evangelischen Gesangbuch viele Danklieder gewidmet. Eines davon trägt den Titel „Morgenlicht leuchtet“. Ein Kirchenlied, das ursprünglich aus Irland stammt. Berühmt gemacht hat es der Popsänger Cat Stevens unter dem Titel „Morning has broken“. Sein Thema: Dank für Gottes Spuren im Garten.

Musik: „Morgenlicht leuchtet“ (Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey)

Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang
Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.
Dank für die Lieder, dank für den Morgen.
Dank für das Wort, dem beides entspringt.

Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet.
So lag auf erstem Gras erster Tau.
Dank für die Spuren Gottes im Garten,
grünende Frische, vollkommnes Blau.

Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen.
Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht.
Dank überschwenglich, Dank Gott am Morgen.
Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.

Für jeden Garten gibt es ein geheimes Vorbild. Darum geht es im dritten Gedankengang. Er führt uns zur Erschaffung der Menschen, wie sie die Bibel gleich am Anfang berichtet. Sie erzählt von Adam und Eva, die in einem Garten leben. Seine Name: Garten Eden. Dort können die beiden sorgenfrei leben. Sie dürfen sich von allem nehmen, was sie brauchen. Nur von zwei Bäumen nicht: vom Baum der Erkenntnis und vom Baum des Lebens. Die Früchte des einen verschaffen umfassendes Wissen, die Früchte des anderen eröffnen unendliches Leben. Beides muss Gott vorbehalten bleiben. Doch Adam und Eva sind zu neugierig. Sie greifen zum Apfel am Baum der Erkenntnis. Und so nimmt die Menschheitsgeschichte ihren Lauf. Gott wirft sie hinaus. Auf sie wartet nun ein harter Überlebenskampf im dürren Land jenseits der Gartenmauern.

Dieser Garten Eden, das verlorene Paradies, steckt bis heute jedem Menschen in der Seele. Nach ihm sehnen sie sich. So wie dort wäre das Leben ideal: im Einklang mit der Natur, mit Gott, miteinander. Ich behaupte: Dieser Garten Eden ist der heimliche Bezugspunkt aller Gärtner. Ein kleines bisschen von diesem Paradies soll der eigene Garten zurückbringen. Etwas von seiner Fülle, etwas von seiner Ordnung, etwas von seiner Entspanntheit. Nur ein kleines bisschen Eden, so lautet die unausgesprochene Sehnsucht vieler Gärtner. Und so deutet es auch das Lied „Morgenlicht leuchtet“ aus dem Evangelischen Gesangbuch an. Der dritte Vers lautet so:

Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen.
Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht.
Dank überschwenglich, Dank Gott am Morgen.
Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.

Musik: Edvard Grieg, „Morgenstimmung“ aus der Peer Gynt Suite No.1, op.46 (Berliner Philharmoniker unter H. v. Karajan)

In einem Garten kann man zu sich selbst kommen. Viele kennen das und genießen es. Doch wissen sie dabei auch: das ist nicht immer schön. Denn das kann auch heißen, dass man dort einsam ist, sich selbst ausgeliefert und manchmal sogar verzweifelt. Das erlebt Jesus. Zu ihm führt uns der vierte Gedankengang. Wir finden ihn vor den Toren der Stadt Jerusalem, in einem Garten am Ölberg. Sein Name: Gethsemane. Dorthin hat sich Jesus zurückgezogen. Es ist ein lauer Abend. Das letzte Licht des Tages vergeht, die Sterne beginnen zu funkeln. Büsche und Bäume werden zu dunklen Schatten.

Jesus quälen düstere Gedanken. Im Garten sucht er die Nähe Gottes. Er ahnt, dass sich die Ereignisse zuspitzen, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Er hadert mit seinem Schicksal: Gottes Sohn voller Angst. Ganz allein will er jetzt nicht sein. Er bittet drei Jünger, bei ihm zu bleiben. Doch die schlafen einfach ein, während er verzweifelt mit Gott um sein Leben ringt. So viel hat er für die Menschen getan, doch nun, da er sie einmal braucht, verschlafen sie seine Not. Drei Mal. Dann ist es soweit. Die Feinde Jesu nähern sich. Sie verhaften ihn direkt aus dem Garten heraus. Jesus, der Sohn Gottes, erlebt Angst, Ohnmacht und Schmerzen – wie so viele auf der Welt. An ihrer Seite will Jesus sein, ihnen will er Hoffnung zu machen, Deshalb nimmt er das auf sich, was nun mit ihm geschieht. Die folgenden Verse erzählen davon.

Seht hin, er ist allein im Garten.
Er fürchtet sich in dieser Nacht.
Weil Qual und Sterben auf ihn warten
Und keiner seiner Freunde wacht.
Du hast die Angst auf dich genommen,
du hast erlebt wie schwer das ist.
Wenn über uns die Ängste kommen,
dann sei uns nah, Herr Jesus Christ.

Seht hin, sie haben ihn gefunden.
Sie greifen ihn, er wehrt sich nicht.
Dann führen sie ihn fest gebunden
Dorthin wo man sein Urteil spricht.
Du ließest dich in Bande schlagen,
dass du uns gleich und hilflos bist.
Wenn wir in unserer Schuld verzagen,
dann mach uns frei, Herr Jesus Christ.

Musik: Leos Janácek, Suite (1877), Adagio (Philharmonisches Kammerorchester München unter M. Helmrath)

Der fünfte Gedankengang folgt weiter Jesus. Die Soldaten treiben ihn zuerst durch die Folterkeller der Macht. Weiter führt sein Weg auf einen Hügel namens Golgatha, damals die Hinrichtungsstätte. Dort stirbt Jesus elend am Kreuz. Sein Leichnam wird zu einem Grab gebracht, es liegt in einem Garten. Als der Stein knirschend vor die Grabkammer rollt, ist jede Hoffnung dahin – zumindest nach menschlichem Ermessen.

Doch wartet in diesem Garten die größte Überraschung der Menschheitsgeschichte. Zwei Tage später ist der Stein weggerollt, das Grab ist leer. Die treuen Frauen, die ihn einbalsamieren wollen, treffen im Garten auf einen Mann. Den halten sie für den Gärtner, weil sie die neue Wirklichkeit noch nicht kennen und auch gar nicht fassen können. Doch es ist der auferstandene Jesus, er zeigt sich den Frauen im Garten seines Grabes. Er ist verwandelt. Und doch er selbst, wie die Frauen nach einer Zeit erkennen.

Jesus hat die Grenzen zwischen Leben und Tod durchbrochen. Er sagt: Euch allen blüht nun nicht nur der Tod, sondern euch blüht auch das ewige Leben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Euch blüht das Leben in Gottes himmlischem Garten. So poetisch versucht ein Gesangbuch-Vers zu beschreiben, was nicht in klare Worte zu fassen ist. Er spricht von einem himmlischen Garten. Der ist ohne Schmerz, ohne Schuld, ohne Elend und ohne Gewalt. Stattdessen: selige Stille.

Kreuz und Elende
Das nimmt ein Ende.
Nach Meeresbrausen
Und Windessausen
Leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle und selige Stille
wird mich erwarten im himmlischen Garten.
Dahin sind meine Gedanken gericht´.

Musik: Josef Joachim Raff, Ausschnitt aus Sinfonie Nr. 3 „Im Walde“ (Bamberger Synphoniker unter Hans Stadlmair)

Die Bibel berichtet von einem Garten am Ende der Zeiten, dem Himmlischen Garten. Und sie berichtet vom Garten Eden, der am Anfang steht. Einen weiteren Bogen könnten sie nicht spannen. Fragt sich nur: Was liegt dazwischen? Das erkunden wir auf unserem sechsten Gedankengang. Dabei stoßen wir auf nichts Geringeres als den größten Garten weltweit, denn die Bibel bezeichnet die ganze Welt als Garten Gottes. Ganz real: Darin tummeln sich die Menschen, Pflanzen und Tiere. Und Gott sorgt für sie.

Aber dem Bild von der Welt als Garten gibt die Bibel noch eine tiefere Bedeutung. Sie gebraucht es auch als Symbol für menschliches Zusammenleben und Verhalten. Sie stellt damit die Frage: Wer bist du in diesem Garten? Bist du wie das Unkraut oder wie das wohl gelungene Gemüse? Wächst du Richtung Himmel wie ein kraftvoller Baum, oder bleibst du unten am Boden wie die dürre Distel?

In der Natur ist das ziemlich klar vorherbestimmt, festgelegt im Erbgut. Den Rest besorgen Sonne, Regen und der Boden. Beim Menschen ist das anders. Zwar hat auch er ein Erbgut. Auch er steht unter äußeren Einflüssen. Dennoch kann er bewusst mit entscheiden, was und wer er sein will. Darauf spielt die Bibel an. Sie fordert mit dem Bild vom Garten Gottes jeden einzelnen heraus. „Entscheide, wer du sein willst, und lebe, was du sein willst – eine dürre Distel oder ein saftiger Baum.“

Die Erde als Gottes Garten – so betrachtet wird das Leben zum Übungsfeld vor Gott. Die Aufgabe lautet: Gestalte dein Leben so, dass es eine wohlgeratene Pflanze im Garten Gottes ist. Davon handeln auch die beiden letzten Strophen des berühmten Kirchenliedes: „Geh aus mein Herz und suche Freud“.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum
Und lass mich Wurzeln treiben.
Verleihe dass zu deinem Ruhm
Ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis
und lass mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen.

Musik: Thorsten Laux, Orgel-Improvisation über „Geh aus mein Herz“ (Thorsten Laux, Orgel zs. mit Otto Sander und dem Thomanerchor Leipzig)

Im Garten kreuzen sich die Spuren Gottes mit denen der Menschen. Himmlischer Garten trifft irdisches Leben. Zu diesem Treffpunkt führt der siebte und letzte Gedankengang: Mitten hinein in das normale Gartenleben. Dort begegnen viele ja nicht nur der Schönheit der Schöpfung, sondern am Gartenzaun auch ihren Nachbarn. Das ist oft erfreulich und manchmal ein echter Segen.

Doch dabei zeigt sich nicht selten auch, wie schwer sich viele Menschen miteinander und mit sich selbst tun. Da wirft ein Baum zu viel Schatten auf den Nachbargarten, der Rasenmäher macht zu viel Lärm, der Grill stinkt zu sehr. Und manches mehr. Auch im Garten wird spürbar: Leben bedeutet immer auch Konflikte. Viele davon ließen sich lösen. Man braucht dafür nur etwas Güte, eine Prise Nächstenliebe und Verständnis für die anderen. Aber davon gibt es nicht immer genug. Manchmal eskalieren die Konflikte. So zeigt sich auch im Garten, dass der Mensch auf Gottes Hilfe angewiesen ist.

Diese Hilfe gibt es – zum Glück reichlich. Und Nächstenliebe auch. Viele Nachbarn helfen einander und leben großartige Freundschaften. Gemeinsames Gärtnern ist gemeinsames Leben. Dabei kann es schon mal sein, dass sich die Spuren Gottes und die Spuren der Gärtner so vermischen, das man gar nicht mehr genau weiß, welche von wem sind. Und das ist wohl das Beste, was in einem Garten passieren kann.

Musik: Ottorino Respighi, La Galina aus Gli uccelli (Acadamy of St. Martins In the fields unter N. Marriner)

Versnachweis:
EG 503, 1+2
EG 455, 1+2
EG 455, 3
EG 95, 1+2
EG 449, 12
EG 503, 14 (+15)

Textnachweis:
Garten Eden: Genesis 1
Verrat und Festnahme Jesu im Garten Gethsemane: Matthäus 26, 36ff
Kreuzigung: Matthäus 27, 31ff / Johannes 19,16ff
Auferstehung: Johannes 20

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