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Ostern: Aufstehen und widerstehen!

Ostern: Aufstehen und widerstehen!

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von Dr. Ulf Häbel, Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Ostern ist das Fest der Auferstehung; das ist der Aufstand des Lebens gegen den Tod. Christen feiern den Widerstand, den Widerstand Gottes gegen den Tod.

Das erzählt die biblische Geschichte vom Ostermorgen. Zwei Frauen waren auf dem Weg zum Grab, in das man den gekreuzigten Jesus gelegt hatte. Das war nun das Ende, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Das war schon damals eine traurige Pflicht. Wenn ein Mensch tot war, wurde er begraben. Die Lebenden, die ihm verbunden waren, besuchten das Grab. Wie diese beiden Frauen, die zum Freundeskreis des gekreuzigten Jesus gehörten. Sie wussten, wo man ihn beigesetzt hatte, in einem Felsengrab, so einer Art Höhle in felsigem Gestein. Sie hatten Salben und Kräuter dabei, um den Leichnam zu balsamieren. Das war damals so üblich. Mehr kann man ja auch für einen Toten nicht mehr tun, als ihn betrauern und vor dem Tod klein beigeben.

Im Leben von Jesus war das einmal ganz anders gedacht. Mit seinen Gleichnissen vom Reich Gottes und durch die Art wie er lebte, hatte Jesus Hoffnungen bei den Menschen geweckt. Er hatte gesagt: Das Leben wird sein wie eine reiche Ernte, und alle werden satt. Wie Schwestern und Brüder werden die Menschen sein. Sie werden  sich untereinander versöhnen, über alle Grenzen hinweg. Solche Hoffnungsbilder hatte er in ihre Seele gebrannt.

Doch nun war er tot, und mit ihm schien auch ihre Hoffnung gestorben. Alles umsonst und vorbei. Enttäuscht und traurig gingen sie den Weg zum Grab. Doch davor lag ein riesiger Felsbrocken. Der Eingang zum Grab war damit verschlossen, damit nicht böse Menschen oder wilde Tiere den Leichnam schänden. Die beiden Frauen haben gesagt: Wer räumt uns den Stein aus dem Weg, damit wir unsere letzte traurige Pflicht tun können? Dazu haben wir nicht die Kraft.

Doch dann geschieht da Wunder: Der Stein ist weg und das Grab ist leer. Hat etwa jemand den toten Jesus gestohlen? Nein, er ist auferstanden, auferstanden ins Leben, sagt ihnen ein Engel, der im leeren Grab steht. Und nun dreht euch um, kehrt ins Leben zurück, lasst Grab und Tod, Trauer und Hoffnungslosigkeit hinter euch. Widersetzt euch der Trostlosigkeit, die schnell und überall verbreitet wird. Die Angstmacher sagen bis heute: Gib klein bei, sei ruhig und still, am Ende landest du auch im Grab – mausetot. Zu Ostern ist der Tod überwunden. Der Tod ist der Blamierte, Hoffnung steht auf.

Musik: Kay Johannsen, Gelobt sei Gott im höchsten Thron

Ostern ist ein Fest des Widerstands. Deshalb ist ein Plakat für mich ganz österlich. Ich sehe es oft, es hängt in unserer Schule. Die haben wir vor vierzehn Jahren in unserem Dorf im Vogelsberg  wieder gegründet. Auf diesem Plakat steht:  Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich wi(e)dersetzen. Das Wort „wi(e) dersetzen“ ist so gedruckt, dass man es in zwei Richtungen lesen kann. Nämlich mit einem „e“ in Klammern. So dass ich erst mal lese: wieder setzen, mit ie und auseinander geschrieben. Dann hieße das: Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich wieder setzen, also hinsetzen, still sein, sich ruhig verhalten, nicht widerständig werden.. Solche Beruhigungsparolen kennen wir alle – auch schon die Schüler. Ich kann mich gut an meine Schulzeit und einen Lehrer und seine Redewendung erinnern. Wenn ich nichts wusste oder nicht so geantwortet habe,  wie er es hören wollte, dann sagte er kurz und bündig: Du hast keine Ahnung; setz dich wieder; das ist eine Fünf.

Die Botschaft: Setz dich wieder hin, bleib ruhig, mach hier keinen Aufstand, höre ich auch heute oft. Reg dich über die Politik nicht auf, kannst sowieso nichts ändern. Setz dich wieder hin und sei still. Zieh dich zurück und lass die Welt so laufen wie sie eben läuft.

Man kann den Satz ohne das „e“ aber auch ganz anders lesen, und dann verändert ein einziger Buchstabe die ganze Botschaft: Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich widersetzen. Also sich nicht abfinden mit dem, was man angeblich nicht ändern kann. Dann ist der Satz ganz nah an Ostern. Ostern heißt: Das Leben steht auf und widersetzt sich den Beruhigungs- und Todesparolen. Mit Ostern beginnt das Lachen der Erlösten, der Tanz der Befreiten, das Aufatmen jeder bedrückten Kreatur.

Ich denke: Wenn die Schüler unserer Schule diese Botschaft lesen und sich ihre eigenen Gedanken dazu machen, dann haben sie etwas fürs Leben gelernt. Denn leben ist gerade nicht, klein beizugeben, den Mund zu halten, still zu sein, sondern schlechten Verhältnissen zu widerstehen.

Dafür ist unsere Schule ein gutes Beispiel. Als ein paar Leute in unserem Dorf damals die Idee hatten, die Schule ins Dorf zurückzuholen, da hat man uns auch gesagt: Lasst das! Das klappt sowieso nicht; das ist eben so, dass die Kinder jeden Tag stundenlang in überfüllten Bussen zur Schule gefahren werden. Daran ändert ihr auch nichts. Und man hat ja nicht ohne Grund die kleinen Dorfschulen  zugemacht, um große Mittelpunktschulen zu installieren.

Doch gegen alle Bedenkenträger und ihre Einschüchterungsparolen blieben wir bei der Überzeugung: Man kann jedes Kind nur beglückwünschen, das zur Schule gehen kann und nicht wer weiß wie weit dorthin gefahren werden muss. Dieser Widerstand hat sich gelohnt. Die Schule ist wieder im Dorf. Es bleibt dabei: Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich widersetzen.

Musik: Georg Philipp Telemann, Concerto e-moll für Blockflöte, Traversflöte, Streicher und Basso Continuo , Camerata Köln

Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich widersetzen. Das gehört für mich zu Ostern, dem Fest der Auferstehung. Das ist der Aufstand des Lebens gegen den Tod. Also da aufstehen und sich widersetzen, wo todbringende Lebensverhältnisse herrschen oder wo Menschen zu Opfern der Gewalt gemacht werden.

Dietrich Bonhoeffer, der evangelische Pfarrer, der unter der Naziherrschaft Widerstand geleistet hat,  soll einmal gesagt haben: Im Licht der Osterbotschaft verstehe ich, dass wir in der Kirche nicht dazu da sind, die Opfer von unguten Verhältnissen zu beweinen und zu begraben, sondern dass wir da aufstehen müssen, wo Menschen zu Opfern gemacht werden.

Dietrich Bonhoeffer hat das geglaubt und danach gelebt: Die Botschaft von der Auferstehung Jesu hat Menschen zu allen Zeiten Kraft gegeben, gegen tödliche Gewalt und Unterdrückung aufzustehen und sich zu widersetzen. Ein anderes Beispiel dafür ist  Martin Luther King. Er ist mit anderen zusammen gewaltlos gegen die Rassendiskriminierung in den USA aufgestanden. Es war ein Osterfest, an dem er mit seinen farbigen Schwestern und Brüdern eine Art Zeltstadt vor dem Kapitol  in Washington aufgebaut hat. Sie haben es so genannt: „Die Stadt der Auferstehung“. Drei Tage hielten sie dort in Zelten oder aus Karton errichteten Buden aus. Die Stadt der Auferstehung war der Widerstand, der Protest gegen die Unterdrückung der Farbigen.

Die Kraft zu diesem gewaltlosen Protest kam aus der Osterbotschaft. Denn in ihr liegt die Hoffnung, dass es für alle Menschen erfülltes Leben gibt, ein Leben ohne Unterdrückung und Gewalt in Versöhnung und Frieden.

Das ist oft schwer zu glauben. Denn die Realität sieht  anders aus. Fast überall auf der Erde gibt es Kriege und Gewalt und Tod.  Noch ist unsere Welt kein Friedensreich. Und wir sind und bleiben sterbliche Menschen. Doch man muss dieser Realität nicht die größte Macht im Leben geben. Man kann auch an den guten Ausgang aller Dinge glauben, eben dass am Ende doch das Böse überwunden wird und das Leben siegt. In der biblischen Ostergeschichte wird das so formuliert. Der letzte Feind des Lebens, der besiegt wird, das ist der Tod. Der Apostel Paulus hat das vor fast zweitausend Jahren in einem Brief geschrieben. Nämlich  triumphierend vom Leben und höhnisch vom Tod: Er sagte es so:

Tod, wo ist denn dein Stachel?
Hölle, wo ist denn dein Sieg?
Gott aber sei Dank, der den Sieg des Lebens
gegeben hat durch die Auferstehung
Jesu Christi von den Toten.

Musik: Kay Johannsen, Heut triumphieret Gottes Sohn

Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich widersetzen. Also nicht wieder hinsetzen, ruhig bleiben, den Mund halten, immer so weiter machen. Die christliche Osterbotschaft ist der Protest gegen Zustände, in denen Menschen unterdrückt und getötet werden, Leben zerstört wird. Christen waren schon immer Protestanten. Also Menschen, die ihre Hoffnungsbilder ausgemalt haben, wo todbringende Strukturen herrschen, die widerstehen, wo man Menschen zu Opfern macht. Zum Beispiel so:

Sie erheben ihre Stimme gegen diejenigen, die immer noch meinen, Krieg sei ein notwendiges Mittel der Politik. Oder so: Von der Osterbotschaft angesteckt protestieren Menschen gegen die rücksichtslose Abholzung der Regenwälder. Auch gegen unsinnige Landschaftszerstörung bei uns. Oder sie setzen sich ein für Klimaschutz und Energiewende. Eben aus dem Glauben: man darf doch für das Leben etwas tun.

Das ist Kraft der Auferstehungshoffnung: Sie ist spürbar da, wo man sich  traut, das Leben anders und hoffnungsvoller zu denken als es jetzt ist. Da darf man sich auch nicht angesichts der sogenannten Realitäten den Mund verbieten lassen.

Wie kann das gehen? Erst mal wird mir klar: Es genügt nicht, das Bestehende immer wieder darzustellen. In der ständigen Wiederholung der Realität, im Aufzählen der Fakten liegt keine Chance für ein besseres Leben.

Aber darin liegen Chancen: Ich fange an zu denken. Ich denke an das und male mir aus was noch nicht erreicht ist, was aber doch möglich ist. Ich bin überzeugt: In den Hoffnungsbildern, die wir in uns tragen, liegt unser wahres Lebenselement. Ich glaube auch, dass sie stärker sind als die Fakten. Die Wunschträume und Hoffnungen unserer Seele bestimmen letztlich unser Leben stärker als die Realität. Das ist mein Glaube, der von der Osterbotschaft beflügelt ist. Deshalb habe ich Bilder vor Augen, wie das Leben gelingen kann.

Ich stelle mir vor, dass unsere Dörfer im Vogelsberg weiter gute Lebensräume für zufriedene Menschen sind und dass man sie nicht leichtfertig ausblutende oder sterbende Dörfer nennt. Nur weil die Statistiker ausrechnen, wie viele Leute wegziehen. Ich weiß, dass es so ist, dass manche Dörfer kleiner werden und die Bevölkerung älter wird. Doch darin kann auch eine Chance liegen: weniger, älter, bunter, engagierter. Vielleicht lernen wir auf eine ganz neue Weise, miteinander zu leben und füreinander da zu sein. Deshalb haben wir die Dorfschule gegründet. Die Schule, in der das österliche Plakat hängt mit dem Satz: Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich wi(e)dersetzen.

Und wir sind noch weitergegangen. Im Dorf haben wir vor zwei Jahren einen Verein gegründet. Der heißt: Das Vogelsberger Generationennetzwerk, die Nachbarschaftsfamilie. Inzwischen hat er über hundertfünfzig Mitglieder. Unsere Idee ist, zwei leerstehende Häuser mitten im Dorf zu einem Haus der Begegnung auszubauen. Da sind wir gerade am Werk. Dort sollen sich die Leute begegnen, die Kinder aus unserer Schule und die alten Menschen. In einem Dorfladen wird man wieder einkaufen und schwätzen können, in einer Tagespflege mit anderen zusammen kochen, essen, erzählen, sich helfen. Und die Alten sollen im Dorf bleiben können bis zum Schluss: Leben und sterben, wo ich daheim bin.

Ostern erinnert mich daran: Man darf die Träume von einem gelingenden Leben nicht aufgeben, auch nicht angesichts der sogenannten Realitäten und Fakten.

Diese Spannung zwischen Vision und Realität hat der Zukunftsforscher Claus Otto Scharmer beschrieben. Er war Professor an einer deutschen  Universität  und lebt jetzt in den USA. Seine Frage ist: Wie kommt das Neue in die Welt. Er fragt gerade nicht: Wwie kann man das Alte dauernd wiederholen. Er stellt fest: Wenn jemand etwas Neues denkt oder versucht, sind ganz schnell die Bedenkenträger da, die sagen: Das geht nicht, weil … Und dann zählen sie die Fakten auf , die gegen die Idee sprechen Und wenn sie alle Fakten zusammengetragen haben, dann haben sie den letzten Rest von Veränderungswillen schon begraben. Deshalb macht er  Mut zum Widerstand. Wenn die Bedenkenträger dir sagen: das geht nicht, weil …, dann widerstehe ihnen und sag, es ginge doch, wenn ….Und dann ist Phantasie gefragt und Verstand, der anders rechnet.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn wir den Hoffnungsbildern in uns folgen, dann werden wir auch Wege finden, schlechte Verhältnisse zum Guten zu verändern. In den Hoffnungsbildern von einem versöhnten und gelingenden Leben liegt unsere stärkste Kraft, unser wahres Lebenselement. Und genau das will die christliche Osterbotschaft in uns anstoßen und stärken.

Musik: Ottorino Respighi, Fontane di Roma, La Fontana del Tritone al mattino, Los Angeles Chamber Orchestra unter N. Marriner

Christus ist auferstanden; er ist wahrhaftig auferstanden. Das Grab ist leer; der Tod besiegt. So lautet die biblische Osterbotschaft. Mit ihr steht auch unsere Hoffnung auf, mitten ins Leben, das vom Tod bedroht ist.

Von einem Beerdigungsunternehmer, also von jemandem, der sich jeden Tag mit dem Tod beschäftigen muss, habe ich hoffnungsvolle Sätze. Sie sind für mich wie ein Gedicht zu meinem Oster-Satz: Wer einmal aufgestanden ist, der soll sich wi(e)dersetzen. Sie lauten so:

Ich will lernen,
gegen die Sinnlosigkeit anzuleben.
Der Sprachlosigkeit will ich Worte verleihen
und der Taubheit ein offenes Ohr.
Der Blindheit will ich die Augen öffnen
und zu den Lähmungen sprechen: steht auf!

Dem schnellen Vergessen will ich
Erinnerung schenken,
und der Gleichgültigkeit will ich Worte verschaffen,
die etwas gelten in der Welt.
Auf dem Acker der Lieblosigkeit will ich
Rosen pflanzen
und die Ziellosigkeit eines jeden Tages
am Ende des Regenbogens verankern.

Der Beziehungslosigkeit will ich Fäden spinnen
und der Einsamkeit fremde Türen öffnen.
Der Kälte will ich feurige Kohlen geben,
und der Trostlosigkeit will ich ein Lächeln schenken,
verborgen und heimlich vor dieser Welt.
Die Ausweglosigkeit will ich
mit Hoffnungsspuren durchkreuzen,
und die gähnende Leere will ich nach langem Schlaf
zu vollem Leben erwecken.

Musik: Kay Johannsen, Christ ist erstanden

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