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Wer staunt, fängt an zu glauben

Wer staunt, fängt an zu glauben

Ein Beitrag von Helwig Wegner-Nord, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt

Wer staunt, fängt an zu glauben. Mir scheint: Da ist was dran. Wer staunt, fängt an zu glauben. Viele denken ja, dass man dann anfängt zu glauben, wenn das Denken aufhört. Oder dass Glauben dahin gehört, wo die Naturwissenschaften nicht mehr weiter wissen und irgendein Zusammenhang nicht mehr logisch mit Ursache und Wirkung zu beschreiben ist. Glauben also irgendwie als Lückenbüßer für das, was nicht zu beweisen ist.

Das mit dem Staunen gefällt mir besser. Dass ich zu glauben anfange, weil es mir einfach die Sprache verschlägt, so unerwartet oder großartig ist das, was ich erlebe. Auch in der Bibel wird gestaunt. Besonders gut gefällt mir ein Psalm. Da wird das Staunen in die Worte eines Gebets gefasst: „Wie klein ist der Mensch, wie gering und unbedeutend! Und doch gibst du (Gott) dich mit ihm ab und kümmerst dich um ihn! Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen; es fehlt nicht viel und er wäre wie du. Du hast ihn zum Herrscher gemacht über deine Geschöpfe, alles hast du ihm unterstellt…“

Das kann einen wirklich staunen, ja sogar erschrecken lassen. Dass den Menschen von Gott eine so große Verantwortung zugesprochen wird! Rein biologisch gesehen ist der Mensch nicht wirklich was Besonderes. Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat man vom „nackten Affen“ gesprochen, ihn eingeordnet in die Gruppe von insgesamt knapp 200 Primatenarten. Der Mensch – ein geniales Gehirn mit erheblichen körperlichen Defiziten. Und vor allem mit Verhaltensschwächen, die zum Teil katastrophale Folgen für ihn selbst und seine ganze Umwelt haben. Möglicherweise ginge es der Erde sogar viel besser ohne uns, ohne die Menschen.

Diesen begabten und zugleich zerstörerischen Menschen hat Gott zum Herrscher gemacht über die ganze Schöpfung? Wohl kaum aufgrund der körperlichen Vorzüge. Oder weil wir Menschen einen so wunderbaren Charakter hätten. Die Bibel macht die besondere Rolle des Menschen an etwas anderem fest: Menschen bekommen Verantwortung zugesprochen, weil sie der Stimme Gottes antworten können. Sie sind ansprechbar. Sie sind in der Lage zu hören. Und sich auf den Dialog mit Gott einzulassen. Und spätestens das ist dann wirklich zum Staunen.

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