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Ganz schön alt

Ganz schön alt

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Neulich habe ich es endlich einmal geschafft, die schönste Frau Berlins zu besuchen: Nofretete, Gemahlin von Pharao Echnaton. Ihre Büste steht in der Ägyptischen Abteilung auf der Berliner Museumsinsel. Ich hatte sie seit ihrer Restaurierung vor fünf Jahren noch nicht wieder gesehen. Höchste Zeit also für ein Rendezvous mit der Königin aus dem vierzehnten Jahrhundert vor Christus.

Nofretete bedeutet übersetzt: Die Schöne ist gekommen. Und da ist sie, zumindest ihr Kopf in der Glasvitrine. Ihr Hals ist leicht nach vorne geneigt, als würde sie schreiten. Ihre Augen aus Bergkristall blicken ungerührt vor sich hin. Halb sieht sie mich, halb schaut sie durch mich durch. Ich gehe näher an die Vitrine heran. Und sehe: Nofretete ist ganz schön alt. Nicht nur ihre Büste, die vor dreitausend Jahren entstanden ist. Sie selbst war offensichtlich keine ganz junge Frau mehr, als sie porträtiert wurde.

Der Künstler hat ihr Alter nicht beschönigt: Die Halsmuskelstränge treten leicht hervor und verraten Jahre der Anstrengung. Sie hat Schatten um die Mundwinkel und Tränenrinnen unter den Augen. Leichte Faltenlinien durchziehen ihre Stirn. Nach heutigen Begriffen dürfte sie eine Frau um die Vierzig sein. Also ganz schön alt, im besten Sinn: nicht mehr total jung und ebenmäßig.

Nofretetes Büste ist nicht groß. Trotzdem füllt sie den ganzen Raum mit ihrer Schönheit, einschließlich Halssträngen und leichten Falten auf der Stirn. Die Bibel ist mir einfach ein geliebtes Buch und darum fällt mir für Nofretete ein Vers aus dem Alten Testament ein: „Siehe, meine Freundin, du bist schön; (…) deine Augen sind wie Taubenaugen.“ (Hohes Lied 1, 15)

Ich sage nicht zu ihr: „Für dein Alter siehst du aber gut aus.“ Das finde ich ein zweifelhaftes Kompliment. Ich meine: Schön ohne Wenn und Aber. Nofretete ist ein Schönheitsideal bis heute: Hier hat ein Mensch einfach eine Menge Ausstrahlung. Und dazu gehört auch, was er oder sie bislang erlebt hat.

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