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Fußball ohne Väter

Fußball ohne Väter

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von Dr. Peter Kristen, Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Sie leben an unterschiedlichen Enden der Erde, aber heute Abend gucken sie dasselbe Fußballspiel, Michel und Rafael. Michel in Büdingen am Rand der Wetterau und Rafael in Rio de Janeiro, der Metropole am Zuckerhut. Sie haben noch mehr gemeinsam: Beide sind 13 und Fußball ist das Größte für sie. Natürlich spielen sie selbst und natürlich sind sie große Fans ihrer Nationalmannschaften.

Rafael guckt das erste Viertelfinale der WM in einem leeren, unverputzten Zimmer in einem der kleinen Ziegelhäuschen der Favellas, der Armenviertel in Rio. Die Behelfshäuser drängen sich eng aneinander den Hügel hinauf, gar nicht so weit weg vom berühmten Maracana-Stadion.Geld selbst für das billigste Ticket hat hier niemand. Silva, Rafaels Mutter nicht und auch niemand von den Nachbarn, die mit ihnen um den Fernseher sitzen, den jemand auf einer Getränkekiste aufgebaut hat.

Seinen Vater hat Rafael nie gekannt. Er hat seine Mutter verlassen, als sie schwanger war und sich weder um ihn noch um den Unterhalt geschert. Michel in Büdingen schaut sich das Spiel im Fernseher über seinem Bett an. Er knabbert Chips und stellt seine Coladose immer vorsichtig auf dem Nachttisch ab, damit er nichts über sein Smartphone schüttet.

Anpfiff 18 Uhr. Eigentlich hätte Michel das Spiel gerne mit seinem Vater geguckt, aber der arbeitet im Controlling und freitags ist da immer der Teufel los, manchmal auch am Wochenende, keine Chance. Auch das haben Michel und Rafael gemeinsam: In ihrem Alltag ist die Vaterrolle unbesetzt. Bei Rafael immer, bei Michel oft. Jugendärzte sagen: Was Jungs brauchen, ist eine männliche Bezugsperson, klare Regeln und jemanden, der ihnen Grenzen setzt. Michel brauchte, wie viele Jungs, mehr Zeit mit seinem Vater, zum Beispiel heute Abend.

Rafael geht jetzt jeden Nachmittag nach der Schule in ein Jugendzentrum, das von „Brot für die Welt“ unterstützt wird. "Hier fühle ich mich wohl", sagt er. "Immer weiß jemand einen Rat. Das ist wie eine zweite Familie“. Die Leute im Jugendzentrum holen die Jungs von der Straße, wollen sie bewahren vor Schutzgelderpressung, Waffen- und Drogenhandel. Heute Abend schauen sie dasselbe Spiel, Michel und Rafael. Beide ohne Vater, beide mit der Hoffnung, dass das anders wird.

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