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Grundgesetz heute
Bild: Reisefreiheit eu auf Pixabay

Grundgesetz heute

Christoph Wildfang
Ein Beitrag von Christoph Wildfang, Evangelischer Pfarrer, Arnoldshain

Mit der Jugendgruppe bin ich in Berlin. Den Reichstag wollen sie sehen, besonders die Kuppel. Und nachts soll es sein. Das wird bestimmt kultig. So stehe ich eine Stunde in der Schlange. Für die Eintrittskarten. Der Einlass scheint sehr sorgsam kontrolliert zu werden. Die Jugendlichen sind in der Zwischenzeit im KaDeWe. Am Abend sind wir dann also drin: im Reichstag. Es ist tatsächlich kultig. Jeder und jede bekommt ein Grundgesetz überreicht. Die Jugendlichen nehmen es schon als etwas Besonderes. Niemand lässt es achtlos liegen.

Heute ist der Tag, an dem 1949 das Grundgesetz verkündet wurde. Ich denke daran, als ich als Schüler mein erstes Exemplar bekam. Diese feierliche Präambel. Wo noch drinstand, dass die östlichen Bundesländer eingeladen waren, dazu zu kommen. Das ist ja schon lange Geschichte. Noch ein Grundgesetz bekam ich Ende der Siebziger bei der Bundeswehr. Verbunden mit dem Satz vom „Staatsbürger in Uniform“. Egal wo, die Grundrechte gelten immer. Menschenwürde gilt auch in der Armee. Und überall. Ich weiß, dass ich damals angerührt war. Meine Grundrechte.

Nun bin ich also mit meiner Jugendgruppe oben in der Reichstagskuppel angekommen. Wir sitzen auf einer Bank mit Blick in den Nachthimmel von Berlin und stöbern im Grundgesetz. „Was ist eigentlich euer Lieblings-Grundrecht?“, frage ich nach einer Weile. „Dass man sagen kann, was man will!“, sagt einer spontan. Dem stimmen alle zu und werfen Ländernamen in den Raum, in denen man sich nicht trauen kann zu sagen, was man denkt. Die Jugendlichen blättern hin und her, bis eine ruft: „Wo steht denn das Grundrecht auf bezahlbaren Wohnraum?“ „Und wo das Grundrecht auf ausreichend bezahlte Arbeit?“, fragt ein anderer. „Und wo das Grundrecht aufs Überleben, wenn Menschen zu uns übers Meer fliehen?“

Wir blättern und suchen, den Berliner Nachthimmel über uns. „Sicher gibt´s auch mal eine Neuauflage“, sagt schließlich einer. „Wie bei den Schulbüchern. Da kommt dann alles Neue rein!“ Und manch Altes bleibt hoffentlich drin, denke ich. Der Artikel eins zum Beispiel: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Oder mit meiner guten alten Bibel gesagt: Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Noch eine Weile schauen wir in den Himmel. Bis es anfängt zu nieseln.

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