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Mundart

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Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von Dr. Peter Kristen, Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Da war ich aber platt. Mundartkurse sollen jetzt auch in der Schule angeboten werden. Kinder sollen wieder lernen, wie in ihrer Heimat früher gesprochen wurde. Bildungspolitiker und Sprachforscher sagen: Das ist gut für sie. Die Mundart stärkt das Sprachzentrum im Gehirn und so werden die Kinder auch andere Fremdsprachen leichter lernen. Klar, Hochdeutsch ist Konsens in Deutschland,im Radio und Fernsehen wird hochdeutsch gesprochen.

Es war Martin Luthers erste Bibelübersetzung, die eine gemeinsame deutsche Sprache erst auf den Weg gebracht hat. Alle Menschen sollten die Bibel selbst in ihrer Muttersprache lesen können. Eine gemeinsame Sprache, dahinter möchte natürlich niemand mehr zurück. Wer heute von Hamburg nach Frankfurt oder München zieht, kann seine Sprache einfach mitnehmen, plattdütsch, hessisch oder bayrischbeschränken sich bei den Meisten oft nur noch auf einen Zungenschlag.

Aber - wer sollte den Kindern denn die Mundart lehren?In der Schule, in der ich arbeite, gibt es außer mir nur einen Kollegen, der auch die Mundart der Gegend spricht.Wenn wir uns zum Spaß mal auf platt begrüßen, stehen die anderen oft schmunzelnd daneben: „No Alfred, moin Goude, wäi giehts?”Noja, geastn hat hat ich e wing des Ranzerobbe owwer haut giehts wirrer.“ Auf hochdeutsch: „Ich hatte gestern Bauchweh, aber heute geht es wieder.“

Für mich war das Platt meines Heimatorts die erste Fremdsprache.Meine Oma hat das Geschirr gespült,ich habe abgetrocknet und dabei hat sie mit mir platt gesprochen,nicht „nach der Schrift“, wie sie gesagt hat. Für mich war das nicht nur wegen der fremden Worte schön,sondern vor allem wegen der Zeit, die ich mit meiner Oma verbracht habe.In ihrer Mundart hat sie mir von der Welt erzählt, wie sie in ihrer Jugend war.Vom Koarscht, zum Kartoffelausmachen, vom Sillscheid, am Pferdewagen und vom Dippe fürs Sauerkraut.

Ich finde Mundart wichtig, weil sie eine alte Welt bewahren hilft, in der die Menschen oft noch geerdeter gelebt haben, bescheidenerund manchmal dankbarer. Platt lernen kann man nicht online oder in der Schule,sondern nur mit viel Geduld im ganz persönlichen Kontakt, meist mit den Großeltern.Da haben die Älteren den Jungen etwas Wertvolles zu schenken:gemeinsame Zeit und die Mundart als Tor zu einer Welt, die einmal ihre war.

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