Ihr Suchbegriff
Social-Media-Marketing gegen die Kälte

Social-Media-Marketing gegen die Kälte

Ein Beitrag von Helwig Wegner-Nord, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt

Es gibt Nachrichten aus der Wirtschaft, die mich beschäftigen, nicht weil sie so weltbewegend wären, sondern weil sie mich einfach überraschen. Zum Beispiel die: In den vergangenen fünf Jahren hat die Handarbeitsbranche bei Wolle eine Umsatzsteigerung von 50% verzeichnet.

Wolle? Ja Wolle. Wolle boomt. Auch Strickanleitungen in Buchform und im Internet sind stärker nachgefragt als je zuvor. Es gibt Handarbeitsvideos auf YouTube, einschlägige  Volkshochschulkurse und Strick-Cafés. Stricken ist ‚in‘. Dafür sorgen auch Madonna, Julia Roberts oder die Biathletin Magdalena Neuner, die sich zu ihrer Leidenschaft für Wolle und Nadel bekennen. Aber nicht nur Frauen tun‘s.

Der Marketing-Dozent Mario Dieringer ist ein Mann. Er ist 47 Jahre alt, lebt in Frankfurt und strickt. Noch lieber häkelt er. Mario Dieringer hatte vor ein paar Monaten die Idee, mit selbst gehäkelten und gestrickten Sachen frierenden Menschen zu helfen. Für jemanden, der auf der Straße lebt und unter Brücken schläft, ist ein Schal oder eine Wollmütze kein modisches Accessoire, sondern überlebenswichtig.

Und es gibt viele Menschen ohne festen Wohnsitz, sehr viele. In Deutschland sind es etwa 24.000. Also hat Dieringer, der Spezialist für Social Media Marketing ist, auf Facebook die Initiative „Winterstricker“ ins Leben gerufen. Nicht er allein, sondern möglichst viele sollten sich an seiner Idee beteiligen können:

Wer auch immer gerne strickt und häkelt, sollte, so wie er selbst, aus überschüssiger Wolle Wintersachen für Wohnsitzlose stricken. Die Reaktion war atemberaubend: in ganz kurzer Zeit, von September bis Dezember, bekam Dieringer über 700 Wollsachen zugeschickt. Das alles verteilt er dann an Obdachlosenunterkünfte und Beratungsstellen. Also an die Orte, die gerade im Winter Anlaufstellen für Menschen ohne Wohnung sind. Und es geht immer noch weiter. Auf der Winterstricker-Facebookseite gibt’s Fotos von den kreativen Werken zu sehen, Socken, Schals, Pullover und Mützen.

Offensichtlich kann man Nächstenliebe stricken, denke ich. Oder – so hat es  eine Helferin gesagt, die die Sachen an die Wohnsitzlosen weitergibt: Diese Wolle ‚wärmt von außen und von innen‘. Und ich glaube, sie wärmt nicht nur die frierenden Empfänger, sondern auch die, die mit den Nadeln klappern.

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren