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Geheimnisse - zur NSA-Abhöraffäre

Geheimnisse - zur NSA-Abhöraffäre

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von Dr. Peter Kristen, Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Im Namen der Terrorismusbekämpfung hat der amerikanische Geheimdienst auch in Deutschland massenhaft illegal Daten gesammelt und gespeichert. Ein No-Spy-Abkommen ist bislang nicht zustande gekommen. Gestern hat Präsident Obama in einer Rede … (Aktuelles einfügen) Pfarrer Peter Kristen von der evangelischen Kirche weiß als Seelsorger: Es gibt Orte, an denen Geheimnisse so geteilt werden, dass die persönliche Sphäre gewahrt bleibt.

Wenn es in der Bibel heißt: Nur Gott kennt die Geheimnisse der Menscheni, dann ist das wie ein Schutz. Niemand soll zum gläsernen Menschen für andere werden, schon gar nicht unfreiwillig.

Luca aus der zwölften Klasse meint: „Ich glaube nicht, dass es von mir noch irgendwelche Geheimnisse gibt. Die Geheimdienste können doch schon alles über mich wissen: Die biometrischen Daten aus meinem Reisepass, die IP-Adresse von meinem Computer, die SMS an meine Freundin und bald sicher auch, welche Temperatur unser Wohnzimmerthermostat anzeigt.“

Gibt’s wirklich keine Geheimnisse mehr? „Ich müsste Sie mal sprechen, Sie sind doch zum Schweigen verpflichtet, oder?“ So etwa beginnen oft vertrauliche Gespräche, die zu meiner Arbeit als Schulseelsorger gehören. „Unverbrüchlich“ ist dann meine Schweigepflicht, das ist sogar gesetzlich so bestimmt. Wenn ich davon erzähle wie jetzt, dann immer so verfremdet, dass niemand die Person erkennen kann.

Im geschützten Raum eines vertraulichen Gesprächs können sich Menschen aussprechen, freiwillig, ohne sich zu rechtfertigen. Dabei schauen sie sich oft selbst ins Herz. Sie sprechen aus, was wahr ist in ihnen und entdecken dabei manchmal Überraschendes. Gerade war etwas vielleicht noch ein Geheimnis im Herzen, kaum ausgesprochen hilft es dabei, einen guten Schritt voranzukommen.

So wie bei einer Schülerin: Als sie mich um ein Gespräch bittet, ist sie sorgfältig gestylt wie immer. Sie versichert sich, dass ich auch wirklich nichts weitersage und dann erzählt sie: Vom unbeherrschten Vater, der sie schlägt, von der Mutter die schon alkoholkrank war, als sie selbst noch klein war. Sie zeigt mir die blauen Flecken am einen Arm und die vielen dünnen, geraden Narben am anderen. Dann sagt sie: „So kann das doch nicht weitergehen, ich muss da raus.“

Als das für sie klar war, ist viel passiert: Sie hat sich Hilfe geholt, sie wohnt nicht mehr zuhause und geht jetzt mutige Schritte ihrer neuen Zukunft entgegen. Unsere Online-Daten werden wir wohl selbst schützen müssen, so gut es überhaupt geht. Ein Geheimnis aus dem Herzen freiwillig mit einem verschwiegenen Menschen teilen, das kann ein Segen sein.

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