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Ein Kind verändert die Welt

Ein Kind verändert die Welt

Pia Baumann
Ein Beitrag von Pia Baumann, Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim

Ein junges Mädchen steht am Rednerpult. Es ihr ihr sechzehnter Geburtstag. Sie sagt: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern“. Ihr Name ist Malala Yousafzai. Sie spricht vor der Jugendversammlung der Vereinten Nationen in New York.

Das war vor gut einem Jahr. Ihre Stimme war leise, aber bestimmt. Sie trug ein traditionelles pakistanisches Gewand. Ganz in Rosa. Sie sah so ernst aus und gleichzeitig so jung. Ihre Worte unterstrich sie mit erhobenem Zeigefinger: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“

Ich habe mich damals gefragt: Wer ist dieses Mädchen? Und welche Geschichte steckt hinter diesem Satz? Malala wurde in Pakistan geboren. Seit sie elf ist, setzt sie sich dafür ein, dass alle Kinder zur Schule gehen können. Besonders die Mädchen. Denn das ist bei ihr zuhause – in Pakistan – nicht selbstverständlich. Das hat sie selbst erlebt. Seit die Taliban in Pakistan über Macht verfügen, versuchen sie die Mädchen am Schulbesuch zu hindern. Hunderte Schulen wurden seither geschlossen oder in die Luft gesprengt. Malala aber ging damals tapfer weiter in die Schule. Sie protestierte sogar öffentlich gegen die Diskriminierung. In einem eigenen Internetblog erzählte sie von ihrem Alltag.

Doch ihr Engagement und ihren Mut hat sie beinahe mit dem Leben bezahlt. Eines Tages fuhr Malala mit ihren Freundinnen von der Schule nach Hause. So wie jeden Tag, im Schulbus. An einer Straßenkontrolle stiegen zwei junge Männer ein. Taliban. Sie fragten: „Wer ist Malala?“. Und dann schossen sie ihr in den Kopf. Zweimal. Malala überlebte wie durch ein Wunder.

Mittlerweile lebt sie in Großbritannien. Auch heute noch wird sie bedroht. Aber sie lässt sich nicht einschüchtern. „Ich werde weiterhin meine Stimme erheben für das Recht auf Bildung.“ sagt sie. „Wir dürfen nicht schweigen.“ Und ihr mutiger Einsatz zeigt Erfolge. Denn dort wo Malala zur Schule ging, werden mehr und mehr Mädchen zum Schulbesuch angemeldet. Einige Eltern haben sogar ihre Tochter nach ihr benannt. Es gibt in Pakistan jetzt viele kleine Malalas.

Heute ist Malala Yousafzai siebzehn und weltberühmt. Am vergangenen Mittwoch wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Sie ist die jüngste Preisträgerin, die es jemals gegeben hat. Wird sie auf ihre Berühmtheit angesprochen, lacht sie und sagt: „Ich bin ein normales Mädchen. Nicht sehr besonders. Ich bin einfach nur Malala.“ Sie ist ein ganz normales Mädchen, das vor Staatshäuptern spricht, aber Vampirgeschichten liebt und für Justin Bieber schwärmt.

Dass Malala den Friedensnobelpreis bekommen hat, freut mich. Ich finde, sie hat ihn verdient. Aber ehrlich? Ich hätte nie gedacht, dass der ehrwürdige Friedensnobelpreis einmal tatsächlich an einen so jungen Menschen verliehen wird. Ich glaube, damit hätte auch der Stifter Alfred Nobel nicht gerechnet. Obwohl: Dass ein Kind die Welt verändern kann, das sollte mich in der Adventszeit doch eigentlich nicht überraschen, oder?

Musik

Ein muslimisches Mädchen, fast noch ein Kind, erhält den Friedensnobelpreis. Weil sie sich dafür einsetzt, dass alle Kinder auf dieser Welt zur Schule gehen können. Auch die Mädchen.Dass sie das Recht haben, in Frieden zu leben. Und mit Würde behandelt zu werden. Und weil sie daran glaubt, dass auch ein Kind die Welt verändern kann. Ich finde: Das ist eine Adventsgeschichte. Denn genau das ist doch das Thema von Advent: Warten auf die Geburt eines Kindes, das die Welt verändert.

Christen feiern Advent und Weihnachten, weil sie daran glauben, dass Gott selbst zur Welt kommt. Dass er Mensch wird. Dieser allmächtige Gott. Ursprung und Quelle allen Lebens. Herrscher des Himmels und der Erde. Als Jesus von Nazareth wird er als Mensch geboren.

Und das überraschende ist: er kommt nicht als reicher König, nicht als starker Krieger und auch nicht als kluger Wissenschaftler. Er kommt als Kind. Und wird geboren, genau wie alle Kinder dieser Welt. Mag sein, dass die Umstände, unter denen er gezeugt wurde, besonders gewesen sind. Seine Geburt war es nicht.

Ein ganz normales Kind wird geboren. Es schreit. Es zappelt mit Armen und Beinen. Und ringt es um den ersten Atemzug nach Luft und Leben. Und seine Eltern – Maria und Josef – staunen. Über die winzigen Füße und Hände. Und die noch winzigeren Fuß- und Fingernägel.

Ich weiß nicht, ob das Maria und Josef damals in der Heiligen Nacht begreifen konnten. Dass ihr Sohn nicht einfach nur Zimmermann wird wie sein Vater. Sondern dass er berühmt wird: ein Friedefürst, ein Gott-Held und ein Wunder-Rat. Dass er die Welt verändern wird. Dass er das Licht ist, das in der Dunkelheit leuchtet. Dass durch ihn Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen. Vielleicht haben sie gelacht und gesagt: „Er ist doch nur ein kleiner Junge. Er ist doch nur in unseren Augen etwas Besonderes, oder? Er ist einfach nur unser Sohn. Jesus.“

Jesus war nur ein Kind. Und doch veränderte er die Welt. Denn – so steht es in der Bibel – Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Wie oft habe ich das schon gehört, gesagt und selber gepredigt. Und trotzdem muss ich immer wieder staunen über diese Frohe Botschaft. Und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich je ganz begriffen habe, was das bedeutet. Aber aus eigenem Erleben und in meinem Herzen weiß ich, dass ein Kind die Welt verändern kann.

Musik

Ein Kind kann die Welt verändern. Jedes Kind verändert die Welt. Auf seine Weise. Und wie sehr, das muss man manchmal selbst erleben, um es glauben zu können. Wenn man mir vor der Geburt meiner Töchter gesagt hätte, wie sie mein Leben verändern werden, dann hätte ich vielleicht auch gelacht und gesagt: Es sind doch nur Kinder. Aber jedes Kind verändert allein durch seine Geburt schon die Welt. Das fängt im Kleinen an. Vielleicht schon mit dem positiven Schwangerschaftstest. Der stellte jedenfalls damals unser Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf. Dieser winzige rote Streifen machte aus uns zukünftige Eltern. Er veränderte uns und mit uns irgendwie auch die Welt. Wir mussten plötzlich Verantwortung übernehmen. Für ein neues Leben. Und wir mussten Antworten auf Fragen geben, die wir uns bis dahin nie gestellt hatten.

Wo soll die Geburt stattfinden? Nicht im Stall, das war mal klar. Aber Krankenhaus, Geburtshaus oder lieber daheim? Wollen wir schon vor der Geburt wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird? Und die viel ernstere Frage: Wollen wir wirklich wissen, ob es gesund zur Welt kommt? Und wenn wir es dann wissen, was fangen wir mit dieser Information an? Und das war nur der Anfang.

Meine Kinder haben mein Leben und meinen Alltag verändert. Ich, die ich sonst nie freiwillig einen Fuß in ein Hallenschwimmbad gesetzt hätte, verbringe meine Sonntagnachmittage nun im Spaßbad. Ich lerne die kompliziertesten Flechtfrisuren. Und freue mich im Urlaub, immer wieder an denselben Strand zu fahren. Jahr für Jahr. Statt mit dem Rucksack drauflos. So wie früher

Und dank meiner Tochter, weiß ich jetzt auch, dass ein Regenwurm ein Lieblingstier sein kann. Das alles hat meinen Blick auf die Welt doch sehr verändert.

Auch mein Blick auf mich selbst ist ein anderer geworden. Denn manchmal halten mir meine Kinder einen Spiegel vor. Wer bin ich eigentlich? Und was tue ich, damit es meine, aber auch andere Kinder gut haben in der Welt?

Wenn es um die Schulwahl geht oder um ihre Gesundheitsvorsorge. Da will ich – wie wohl alle Eltern – nur das Beste für meine Kinder.

Aber ich weiß und glaube auch: Nicht nur meine, alle Kinder verdienen das Beste. Sie haben ein Recht darauf, in Frieden und Freiheit zu leben. Zu Schule zu gehen und die Welt zu verändern. Die Aufgabe der Erwachsenen – ja der ganzen Gesellschaft – ist es, sie dabei zu unterstützen. Das gilt für die Kinder hier genauso wie für die Jungen und Mädchen in Pakistan. Weil – so die junge Friedensnobelpreisträgerin Malala: „Weil wir alle vor Gott gleich sind. Und weil ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch die Welt verändern können.“

Daran glaube ich auch. Und freue mich auf die frohe Botschaft, die an Weihnachten wieder neu erzählt wird. Die Botschaft von der Macht eines Kindes.

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