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Segen auf der holprigen Straße

Segen auf der holprigen Straße

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Dieser Vers wird gerne zum Geburtstag gesungen:

„Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen,
Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei.“

Ein leichtfüßiger Vers, der aber gleich vier gewichtige, gute Wünsche enthält. Drei davon wünscht sich wohl jeder: Glück, Gesundheit und Frohsinn. Aber was ist mit dem vierten: dem Segen? Das muss wohl etwas sein, das über die anderen drei noch hinausgeht.

Der Segen ist ein geheimnisvolles Plus. Das finden zumindest diejenigen, die wie ich mit dem Wirken Gottes rechnen. Man spürt den Segen als Gottes großes JA zum eigenen Leben. Was das bewirkt, weiß man vorher nicht genau. Man kann es auch nicht bestellen oder gar einfordern. Aber man kann um etwas bitten. Jeder kann das. Pfarrerinnen und Pfarrer tun das zum Beispiel in jedem Gottesdienst. Dort beginnt der berühmteste Segen mit dem Satz: „Der Herr segne dich und behüte dich.“ Es geht also um Schutz.

In diesen Wochen ganz besonders. Denn derzeit finden in vielen evangelischen Kirchen die Konfirmationen statt. Gesegnet werden junge Leute, die dabei sind Erwachsen zu werden. Eine mühsame Zeit – in der die Risiken des Lebens immer stärker nach ihnen greifen. Abends und am Wochenende zieht es die meisten Jugendlichen immer weiter weg von zuhause. Sie wollen vieles ausprobieren.

Außerdem müssen sie in der Schule und in der Ausbildung Weichen für ihr Leben stellen. Da kann viel schiefgehen. Darauf reagiert der Konfirmationssegen. Er bittet Gott um „Schutz und Schirm vor allem Bösen, Stärke und Hilfe zu allem Guten“

Das haben nicht nur die Konfirmandinnen und Konfirmanden bitter nötig. Auch die Eltern, die in dieser Zeit ziemlich oft nur zusehen können, welche Wege ihre Kinder nun gehen. Ob auf dem, was sie tun, ein Segen liegt? Und wenn ja: Welcher? Niemand weiß das vorher. Denn der Segen, Gottes geheimnisvolles Plus, kann ganz verschiedene Folgen haben.

Wann ist das Leben gesegnet? Das zu beschreiben, fällt vielen leicht: Wen sie gesund sind, wenn sie gut situiert sind, wenn sie in einer glücklichen Ehe oder Beziehung leben, wohl geratene Kinder und gar süße Enkel haben, wenn sie beliebt sind und etwas Großartiges auf die Beine gestellt haben. Die können sich sichtbar gesegnet fühlen. Und beim Vergleichen mit anderen scheint es auf der Hand zu liegen, wo der Segen Gottes üppiger ausgefallen ist und wo etwas dürftiger.

Aber stimmt das? Ist der Segen immer da am Werk, wo einem alles leicht von der Hand geht? Mancher, der auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen scheint, fühlt sich dennoch nicht gesegnet, sondern hadert fortwährend mit etwas. Andere wiederum, die es viel schwerer haben, verströmen trotzdem ganz viel Lebensglück und Glaubensgewissheit.

Gottes Segen wirkt nicht nur dann, wenn alles glatt läuft. Das haben auch die Musiker der Gruppe Rascal Flatts erkannt. Sie singen, dass Gott auch die holperige Straße segnet.

Musik

„Eines weiß ich ganz gewiss: Gott segnet die holperige Straße, die mich direkt zu dir führt.“

„Bless the broken road“ - so lautet der Titel dieses Liedes. Es ist der erste Nummer-Eins-Hit der us-amerikanischen Gruppe Rascal Flatts. Er klingt einfühlsam und warmherzig. So sanft, wie man sich ein Segensgefühl vorstellen mag. Aber in dem Lied singen die Musiker über Lebensjahre, die alles andere als einfach und zielsicher sind. Im Gegenteil: Sie erscheinen ihnen wie ein mühsamer und holperiger Irrweg auf der vergeblichen Suche nach Liebe.

Musik

„Ich war auf einem schmalen Pfad unterwegs, viele Jahre ist das her. Hoffte, ich würde wahre Liebe finden entlang dieses holperigen Weges. Aber ich bin ein oder zweimal verloren gegangen. Hab mir die Stirn abgewischt und mich weiter durchgeboxt. Ich konnte nicht sehen, dass jeder Wegweiser direkt zu dir gezeigt hat.“

In dem Lied ist ein namenloser Lebenssucher unterwegs, wie so viele: ohne klares Ziel vor Augen, ohne einen Plan. Er fällt auf die Nase. Er rappelt sich wieder auf – ein Kämpfer. Aber einer, der die Zeichen übersieht, die ihm den Weg weisen sollen. Nach langer Zeit kommt er doch an, in den Armen der Geliebten, die er so lange vergeblich gesucht hat. Doch er hadert mit seinem Schicksal. Warum erst jetzt? Warum nicht gleich so? Warum all die verlorenen Jahre!

Manche Leute fragen noch schärfer: Wo ist der Segen, wenn die Ehe scheitert und eine Familie zerbricht? Wo ist der Segen, wenn man seinen Arbeitsplatz verliert? Wo war der Segen, als ich krank wurde? Das fühlt sich alles überhaupt nicht nach Segen an. Im Gegenteil: Es ist, als stürze man von Bord eines Schiffes und muss im aufgewühlten Meer um sein Leben schwimmen. Und keine Hand Gottes verhindert das.

Aber irgendwann stellen viele fest: Das wilde Meer ist zwar groß, aber nicht unendlich. Von irgendwoher kommt die Kraft zum Durchhalten. Und irgendwann bekommt man wieder festen Boden unter die Füße. Man wird dem Leben zurück geschenkt. Nicht selten fühlt es sich dann sogar besser an als vorher, denn nun weiß man es erst so richtig zu schätzen. Man ist fähig viel intensiver zu leben. Und dann kann es sein, dass etwas vorher Undenkbares passiert: Man kann plötzlich den Satz sagen: „Ich bin dankbar für diese Krise, sie hat mich reifer gemacht. Gott, ich habe es lange nicht merken können, aber jetzt weiß ich: Auch darin lag dein Segen.“ Im Evangelischen Gesangbuch gib es einen Vers, der diesen Dank in großartige Worte bringt:

Dank für deinen Trost, o Herr.
Dank selbst für die schlimmen Stunden,
da im aufgewühlten Meer
sinkend schon ich Halt gefunden.
Du hörst auch den stummen Schrei,
gehst im Dunkeln nicht vorbei.
(EG 383, Vers 2)

Musik

„Ich denke an all die Jahre, durch die ich hindurch gewandert bin. Ich hätte die verlorene Zeit gerne wieder, um sie dir zurückgeben zu können. Aber du lächelst einfach nur und nimmst meine Hand. Du bist da gewesen und du hast verstanden. Das gehört alles zu einem größeren Plan, der wahr wird.“

Dem Lebenssucher in dem Lied ergeht es wie vielen: Erst im Nachhinein kann er erkennen, was der Segen Gottes für ihn bedeutet. Schneller hat er gemerkt, was der Segen nicht bedeutet. Er ist kein Garantieschein für ein leichtes und sorgenfreies Lebens, kein Schutzschirm vor allen Krankheiten, keine Rundumsorglos-Versicherung gegen alle Gefahren. Der Segen erspart einem keine Risiken.

Aber im Nachhinein erkennt der Lebenssucher: Vieles hatte einen Sinn. Auch der Irrweg. Auch der Sturz in das dunkle, aufgewühlte Meer. Er ist daran gereift. Es hat ihn fähig gemacht, die ersehnte Liebe zu finden. In der Rückschau erkennt er: Gottes Segen lag auch auf der holperigen Straße.

Der Mann hat leicht reden. Denn am Ende landet er ja in den Armen seiner lange gesuchten Geliebten. Ein Happy End, wenn auch vielleicht ein spätes. Aber das erleben nicht alle. Mancher wird sagen: Bei mir hat ein solches Happy End nicht stattgefunden. Ich kämpfe immer noch im aufgewühlten Meer um mein Leben. Ich fühle mich dabei auch nicht reifer. Ich erkenne den Sinn meines Elends nicht. Es tut einfach nur weh. Und sonst nichts.

Wo ist Gottes Segen im aufgewühlten Meer ohne Land in Sicht? Ob es darauf eine Antwort gibt? Vielleicht nicht immer.

Eine Antwort gibt Gott in seinem Sohn Jesus Christus. Dem macht niemand etwas vor, was das Leiden angeht. Er wurde erst furchtbar gefoltert, dann zum Sterben an ein Kreuz genagelt. Dabei war er der Sohn Gottes! Und genau darum geht es. Sein Kreuz soll alle Verzweifelten erinnern: „In Jesus hat Gott selbst gelitten. Er ist also selbst bei den Elenden, um ihnen zu zeigen: „Du bist nicht alleine und nicht vergessen und auch nicht verlassen.“

Ob das wirklich hilft, wenn man im aufgewühlten Meer strampelt und kein Land sieht? Es kann sein, dass in einem solchen Moment kein Segen zu spüren ist – nur dieser Gedanke, der mich beten und hoffen lässt: Selbst in diesen dunklen Zeiten gilt mir der Segen, Gottes JA zu mir!

Gott segnet auch die holperige Straße. So sagt es die Gruppe Rascal Flatts. Die Musiker stehen dem christlichen Glauben sehr nahe. Vielleicht singen sie in ihrem Lied nicht nur über einen geliebten Partner, sondern auch über Gott?

„Jeder sehnsuchtsvolle verlorene Traum führte mich zu dir. Andere, die mein Herz gebrochen haben, waren für mich wie der nördliche Sternhimmel. Sie leiteten mich auf meinem Weg in deine geliebten Arme. Eines weiß ich ganz gewiss: Gott segnet die holperige Straße.“

Musik

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