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In der Haut der anderen
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In der Haut der anderen

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer, Kassel

Es war an einem kalten Wintertag. Der Vater holt seine zehnjährige Tochter von der Schule ab. Er sitzt im Auto, als sie einsteigt und vor Wut kocht, wie man so sagt. Stell dir vor, sagt sie zum Vater und zeigt durch die Wundschutzscheibe auf einen etwas älteren Jungen, stell dir mal vor, der da vorne nimmt unsere Lehrerin in Schutz. Die Tochter atmet heftig. Die Lehrerin hat uns alle vorhin eine Zusatzstunde verpasst, weil wir zu wenig gearbeitet haben. Und dann nimmt der sie noch in Schutz. Der Vater sagt gar nichts, weiß ja auch zu wenig. Er lässt das Auto an und fährt nach Hause. Die Wut der Tochter verraucht allmählich, auch wegen des köstlichen Essens, das auf dem Tisch steht. Heute sogar mit Nachtisch. Nach dem Essen kommt das Gespräch wieder auf die Schule. Ich verstehe das nicht, sagt die Tochter, nun deutlich ruhiger. Ich verstehe die Lehrerin nicht und den Kerl, der sie in Schutz nimmt. Was sagst du denn?, fragt sie den Vater. Der hatte wohl die ganze Zeit im Stillen schon nachgedacht, was er auf die Frage antworten würde. Jetzt versucht er es und sagt: Pass mal auf, sagt er, ich werde dir jetzt einen schöne Trick sagen. Damit kommst du mit allen möglichen Leuten viel besser aus. Du verstehst einen Menschen erst richtig, wenn du das, was er gerade macht, auch mal von seinem Standpunkt aus betrachtest; wenn du mal in seine Haut kriechst und darin (eine Weile) herumspazierst.*

Das ist mal ein guter Rat, finde ich. Geschimpft ist schnell. Heute vielleicht noch schneller als früher, weil Selbstbehauptung eine immer größere Rolle spielt. Aber mit Schimpfen und sich selbst behaupten versteht man nicht, was andere wirklich wollen. Erst einmal sollte man hören, sich nur im Stillen ärgern, wenn es etwas zum Ärgern gibt. Nicht gleich lospoltern oder dagegen sein. Das kann man später immer noch. Erst einmal könnte man doch in die Kleider des anderen kriechen und versuchen, seinen Standpunkt zu verstehen. Verstehen heißt ja nicht richtig finden. Verstehen heißt überlegen, wie der andere eigentlich auf das kommt, was er sagt oder tut.

Welche Gründe hat er? Und warum hat er oder sie gerade diese Gründe? Das sind wichtige Fragen, wenn man nicht gleich dagegen sein will. Und helfen werden sie auch. Fragen und Nachfragen ist mühsam, natürlich, aber Gott und die Welt versteht man etwas besser, wenn man eine Weile in der Haut oder den Kleidern der anderen herumspaziert. Man lernt dann, wie viel andere aus einem gewissen Schmerz heraus tun. Und zwar, um ihn loszuwerden. Viele Ideen, Vorschläge, Pläne und Handlungen tun so, als wollten sie die Welt verbessern. In Wahrheit geht es aber zunächst darum, den eigenen Schmerz an der Welt zu lindern. Wenn ich mir die Zeit nehme, das zu entdecken, bin ich vielleicht immer noch dagegen, gebe meine Antworten aber deutlich behutsamer. Darum, lieber Gott, hilf mir, dass ich mir immer etwas Zweit nehme, in der Haut der anderen ein wenig herumzuspazieren. Ich lerne dann mehr. Auch über dich und mich.

 

* Das kursive Zitat ist aus dem Film: „Wer die Nachtigall stört“ aus dem Jahr 1962

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