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Ernte-Denk-Fest
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Ernte-Denk-Fest

Ein Beitrag von

Hans-Erich Thomé,

Evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Biebertal

Philipp ist zehn Jahre alt und auf Besuch bei seiner Patentante. Vor dem Mittagessen wird ein Gebet gesprochen: "Danke, Gott, für diese Gaben." Philipp wundert sich: "Wieso denn danken? Wir haben das doch alles selber eingekauft, selber bezahlt und selber gekocht!"

So kommen wir zu unserem täglichen Brot. Zu Obst. Zu Fleisch. Zu Wein: Selber einkaufen. Selber bezahlen. Selber kochen. Für ein Kind kann das genau so aussehen. Und das ist eigentlich auch nicht überraschend. Wenn Äpfel zu einer Zeit auf dem Tisch stehen, wo bei uns die Bäume winterkahl sind. Wenn wir Tomaten essen, wo draußen Schnee liegt. Da scheint es doch keinen Unterschied zu machen, ob ich Obst kaufe oder Papiertaschentücher. Es ist alles immer da. Man muss es eben nur kaufen.

Dem kleinen Philipp kann man erklären, dass irgendwo in Spanien oder in Holland Menschen die Tomaten angebaut und geerntet haben. Oder dass in Holland Schweine und Rinder geschlachtet wurden, damit in der Kühltheke das Hackfleisch für unsere Frikadellen liegt. Kinder können das verstehen.

Schwieriger ist es mit den Erwachsenen, die nicht aus Unwissen sondern aus Kalkül mit unserer Nahrung umgehen wie mit einer xbeliebigen Ware. Wir erinnern uns ja noch gut an die unterschiedlichsten Lebensmittelskandale, an gepanschten Wein zum Beispiel, oder an Pferdefleisch in Fertignahrung. Kriminelle Einzelfälle, sicher. Aber auch gut gemeinter Umgang mit Lebensmitteln kann sich als Irrweg erweisen. Derzeit werden riesige Flächen Raps oder Mais angebaut und in großen Silos in Biogas umgewandelt. Also aus Nahrung wird Energie. Dass dadurch aber die Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben werden und gerade in den ärmsten Ländern zu noch größerer Not führen, wurde nicht bedacht oder einfach in Kauf genommen.

Gestern wurde in den Kirchen unseres Landes Erntedankfest gefeiert. Vielleicht sollte man auch von einem Ernte-Denk-Fest sprechen. Ein Fest, das Anlass dazu gibt, sich wieder einmal an einfachste Wahrheiten zu erinnern: Niemand kann sich die Mittel zum Leben selbst beschaffen.

Geld macht kein Wachstum und keine Ernte. Wachstum und Ernte bleiben Wunder der Natur: Es wächst und gedeiht so viel, dass für alle Menschen der  Tisch reichlich gedeckt sein könnte.

Also: Danke, Gott, für diese Gaben.

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