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Da ist keine Liebe drin
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Da ist keine Liebe drin

Claudia Rudolff
Ein Beitrag von

Claudia Rudolff,

Rundfunkpfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

„Da steckt keine Liebe drin“, geht es Lydia immer wieder durch den Kopf. Sie betrachtet kritisch die schwarze Handtasche, die Rainer ihr zu Weihnachten geschenkt hat.

Die Tasche ist viel zu groß für Lydia, die selbst nur 1Meter, 58 misst. Außerdem mag sie schwarz nicht. Das müsste Rainer nach 20 Jahren Ehe eigentlich wissen. Sie bevorzugt warme Brauntöne. Natürlich Rainer hat Heiligabend gleich gemerkt, dass ihr die Handtasche nicht gefällt. „ Kannst sie ja umtauschen, war sein brummiger Kommentar. Ich wollte ja nur nicht mit leeren Händen dastehen“.

Lydia ist zu Recht enttäuscht: Rainer hat sich keine Zeit genommen. Kurz vor Toresschluss ist er in die Stadt gegangen, um für sie ein Geschenk zu besorgen. Das macht sie traurig und wütend zugleich. Diese Tasche will und braucht sie nicht! Deshalb wird sich Lydia heute mit vielen anderen Menschen in Deutschland aufmachen, um die Geschäfte zu stürmen und das ungeliebte Geschenk umzutauschen.

Ich kann Lydia verstehen. Was soll sie mit einer Handtasche, die sie nie tragen wird? Da ist es vernünftiger, diese Tasche umzutauschen und sich dafür etwas auszusuchen, was ihr Freude bereitet.

Dennoch habe ich schon erlebt, dass ich mit meinem Urteil manchmal zu schnell bin. Ich bekomme ein Geschenk und wenn es mir nicht auf Anhieb gefällt, dann denke: Hoffentlich kann ich es umtauschen. Eine solche Praxis hat für mich aber auch eine traurige Seite. Durch den Umtausch verliert das Geschenk zwar nicht an materiellem Wert, aber es ist nicht mehr dasselbe. Es erinnert mich nicht mehr an die Person, die es mir geschenkt hat. Auch nicht an die Mühe und Gedanken, die er oder sie sich vielleicht bei der Auswahl gemacht hat.

Durch mein vorschnelles Urteil nehme ich all dies nicht wahr.

Ich habe einmal von meinem Mann eine Kette geschenkt bekommen, die auf den ersten Blick nicht mein Herz erwärmt hat. Aber dann habe ich sie immer wieder angeschaut und überlegt: „Warum meint er, diese Kette würde zu mir passen? Will er mich anregen, auch einmal eine neue Stilrichtung auszuprobieren? Verbindet er etwas mit der Farbe der Kette und mir?“ Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr merkte ich: Ein liebvolles Geschenk! Da steckt Liebe drin!

Seitdem trage ich sie mit Freude und bin dankbar, dass ich sie nicht umgetauscht habe. Bevor sie sich heute in das Umtauschgetümmel wagen: Vielleicht denken Sie noch einmal nach: Verbirgt sich nicht doch mehr hinter dem Geschenk? Falls ja: Dann machen sie es sich zu Hause gemütlich und freuen sich, dass sich ein Mensch Mühe für sie gemacht und sie lieb hat.

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