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Hoffnung
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Hoffnung

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von Charlotte von Winterfeld, Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Meine Cousine Andrea habe ich erst spät kennen gelernt. Sie war 14 Jahre alt, ich 12. Wir haben sie in Zingst besucht. Zingst an der Ostsee, damals in der DDR.

Ich erinnere mich noch gut an die Aufregung vor der innerdeutschen Grenze – meine Schwester und ich sollten vorher noch unsere Haare kämmen und ein nettes Lächeln aufsetzen. Und dann die heimlich geschmuggelten Bananen und der Kaffee als Gastgeschenk. Am meisten hat sich Andrea aber über die englischen Krimis gefreut. Die hatte ich als Reise-Lektüre dabei und habe sie am Ende Andrea einfach dagelassen. Ich wusste ja nicht, dass es in der DDR damals so schwer war, an englische Bücher zu kommen.

Wir haben Rostock besichtigt und Stralsund, und Andrea war es besonders wichtig, im Mercedes meines Stiefvaters mitzufahren. In so einem schicken und bequemen Auto hatte sie noch nie gesessen. Abends haben wir oft zusammen gesungen: Andrea hat Gitarre gespielt. Später hat sie Musik studiert und Geographie.

Mein Onkel und meine Tante haben sie christlich erzogen, aber Taufe und Konfirmation, das war ihnen zu heikel. Da konnte es ja Schikanen und Nachteile in der Schule geben. Andrea hat trotzdem an Kirchentagen und kirchlichen Jugendgruppen teilgenommen und ist irgendwann als evangelisch im Register der Gemeinde geführt worden. Sie hat sogar später Kirchensteuer gezahlt. Die Taufe hat sie aber immer vor sich her geschoben.

Als Andrea erfuhr, dass ich Pfarrerin werden will, hat sie gesagt: „Dann warte ich mit meiner Taufe so lange, bis du in Amt und Würden bist.“ Ich habe gelacht. Zu weit weg und zu unrealistisch diese Vorstellung. Ich hatte noch nicht mal das Abitur. Außerdem habe ich nicht daran geglaubt, dass Grenze einmal offen sein könnte.

Andrea aber war optimistisch und hat diese große Hoffnung nie aus den Augen verloren. Sie hat die Möglichkeit des Mauerfalls in Gedanken offen gehalten. Andrea hatte es nicht einfach im Leben: depressive Erkrankungen in der Familie, dramatische Beziehungskrisen, Schulprobleme.

Ihr Glaube aber war pragmatisch und unerschütterlich. Mir hat sie einmal gesagt: „Du musst dein Leben selbst in die Hand nehmen und deinen eigenen Weg gehen. Gott hält sich eher im Hintergrund und gibt dir ab und zu einen Fingerzeig. Gott gibt dir manchmal einen Schubs in die richtige Richtung. Gott lässt dich deine Fehler machen. Hin und wieder fällst du auch in ein tiefes Loch. Aber Gott lässt dich aus den Tiefen lernen. Gott achtet darauf, dass du nicht zu tief fällst.“

Andrea und ich hatten den Kontakt lange verloren. 2003 aber war sie plötzlich am Telefon. Eswar mein erstes Jahr als Pfarrerin. „Wann kann ich kommen, um mich von dir taufen zu lassen?“, hat sie gefragt. „Ich will bald Patentante werden!“ Und dann ist wahr geworden, was sie schon 15Jahre vorher zu hoffen gewagt hatte. Die Taufe bei der Cousine, damals für sie im Westen, dann im geeinten Deutschland.

Dass Menschen so hoffen können gegen jede Realität, das beeindruckt mich. Dafür bin ich heute dankbar.

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