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Wie ein Baum am Wasser
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Wie ein Baum am Wasser

Ein Beitrag von

Wolfgang Herrmann

„Glück gehabt,“ sagt man, wenn eine gefährliche Situation gut ausgegangen ist. Doch was ist das, Glück? Viele Philosophen haben darüber nachgedacht und Kluges geschrieben. Auch die populäre Ratgeber-Literatur nennt Wege zum Glücklichsein. Einig sind sich alle, dass Glück mehr ist, als sich jeden Wunsch erfüllen zu können, – obwohl das jedem zu gönnen ist. Der Dichter Theodor Fontane sagte: „Jemanden glücklich machen, ist das höchste Glück". Meine fünf Monate alte Enkeltocher hat das neulich mühelos in die Tat umgesetzt. Sie hat mich das erste Mal angelächelt, – direkt ins Herz.

Katrin Göring-Eckart, die Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, hat das schöne Wort vom „Kompass des Herzens“ geprägt. Das Herz an einer Quelle des Glücks ausrichten, darum geht es. Der erste der biblischen Psalmen spricht davon: „Wie glücklich ist ein Mensch, der sich nicht verführen lässt von denen, die Gottes Gebote missachten, der nicht dem Beispiel gewissenloser Sünder folgt und nicht zusammensitzt mit Leuten, denen nichts heilig ist. Wie glücklich ist dagegen ein Mensch, der Freude findet an den Weisungen des HERRN, der Tag und Nacht in seinem Gesetz liest und darüber nachdenkt. Er gleicht einem Baum, der am Wasser steht; Jahr für Jahr trägt er Frucht, sein Laub bleibt grün und frisch. Was immer ein solcher Mensch unternimmt, es gelingt ihm gut.“ (Ps 1,1-3 Gute Nachricht Bibel)

Schön, der Vergleich mit dem fruchtbaren Baum. Unser Leben soll fruchtbar sein, im Kleinen oder im Großen, – je nach Talent und Lebensschicksal. Entscheidend ist die innere Haltung. Der Psalm nennt sie Freude an den Weisungen des Herrn. Mit den Weisungen ist die Thora gemeint, die Summe aller göttlichen Gebote.

Nun geht es aber nicht darum, die Bibel wie ein Gesetzbuch zu lesen. Zumal Christen gar nicht alle Gebote im Alten Testament etwas angehen, etwa die kultischen Vorschriften. Wie aber dann? In einer Diskussion über diese Fragen fasste Jesus die vielen Gebote in zwei Sätzen zusammen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Das andere aber ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk. 12,30+31) Den Kompass des Herzens auf die Liebe zu Gott und den Mitmenschen ausrichten – das ist die Quelle eines glücklichen Lebens.

Freilich – Menschen sind fehlbar und haben ihre Schwächen. Diese Selbsterkenntnis sollte niemand vergessen. Im Psalm heißt es deshalb: Der glückliche Mensch nimmt sich Gottes Weisung Tag und Nacht zu Herzen. Das ist eine lebenslange Übung. Das eigene Ich tritt mehr und mehr aus dem Mittelpunkt der Gedanken und Gefühle. Das Herz öffnet sich immer weiter für aufrichtiges Mitgefühl; es wird frei für Herzlichkeit und Großzügigkeit, für den Mut, eine unbequeme Wahrheit zu sagen und für die Kunst des Verzeihens. Und der Baum unseres Lebens grünt und trägt Frucht.

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