Erntedank - von deutscher Wirklichkeit und prophetischer Vision
Ursula Paczkowski/Pixabay

Erntedank - von deutscher Wirklichkeit und prophetischer Vision

Ein Beitrag von

Helga Trösken,

evangelische Pfarrerin im Ruhestand, Frankfurt am Main

In vielen evangelischen Kirchen wird heute Erntedank gefeiert. Die Kirchen sind festlich geschmückt. Früchte, Gemüse, Lebensmittel, Blumen liegen auf und um den Altar.

Manchmal auch symbolische Gaben, Medikamente oder technische Geräte, die das Leben erleichtern. Menschen danken Gott für eine gute Ernte. So ist es Brauch seit Jahrhunderten, auch wenn sich vielerorts die Ernte auf den kleinen Garten oder einen Balkonkasten beschränkt.

Den schönsten Erntedank-Altar habe ich vor ein paar Jahren in einer Frankfurter Gemeinde gesehen, in der ich einen solchen nie vermutet hätte. Die Gemeinde liegt in einem Stadtteil, in dem überwiegend Migranten und Migrantinnen aus vielen verschiedenen Herkunftsländern wohnen. Es gibt so gut wie keine Einfamilienhäuser, fast nur Wohnblocks, viele Einfachstwohnungen. Zwei Schrebergartenkolonien am Rand, mehrere kleine städtische Grünanlagen zwischen Häusern und Straßen und ein paar bepflanzte Hauseingänge – das ist die „Natur“ in diesem Stadtteil.

Nun hatten es die Konfirmanden und Konfirmandinnen übernommen, den Erntedank–Altar zu schmücken. Vielleicht hatten sie es sich einfacher vorgestellt. Jedenfalls merkten sie rasch, dass nicht viel zu holen war an Erntegaben in den Schrebergärten.

Fehlanzeige bei den Obstbäumen und den Gemüsebeeten. Von den Balkons in der Nachbarschaft gab es nur ein paar Blumen. Doch dann kamen die Jugendlichen auf eine geniale Idee: Sie taten sich zusammen mit Klassenkameraden und Freundinnen aus der Türkei, aus Marokko, dem Iran und Vietnam und fragten in den entsprechenden Läden und Restaurants nach. Und sie hatten Erfolg! Ja, es war geradezu überwältigend, was man ihnen für den Erntedank-Altar schenkte: Gemüse und exotische Früchte jeder Art, Gewürze und Fisch, Couscous und Reis, Nudeln, Kartoffeln und Kürbisse. Der Erntedank-Altar konnte die Menge kaum fassen. Mittendrin ein riesiges türkisches Fladenbrot und ein Schwarzbrot aus der deutschen Großbäckerei.

Ein multikultureller Erntedank-Altar – und diejenigen, die das alles geschenkt hatten, bestätigten, dass sie den Sinn dieses christlichen Festes verstünden, auch wenn es in ihrer Religion etwas Vergleichbares nicht gäbe. Aber Gott danken für Essen und Trinken, für Lebensmittel jeder Art, das mache Sinn. Das wollten sie unterstützen. Übrigens kamen die gespendeten Sachen später Notleidenden im Stadtteil zugute.

In diesem Jahr fällt das kirchliche Erntedankfest zusammen mit dem deutschen Nationalfeiertag, dem 3. Oktober. Ein besonderes Datum, der 3. Oktober 2010, jährt sich doch der Tag der deutschen Einigung heute zum zwanzigsten Mal. Viele erinnern sich noch, wie damals um Mitternacht eine riesige schwarz-rot-goldene Fahne vor dem Reichstag in Berlin hochgezogen wurde, während gleichzeitig vom Dach des Staatsratsgebäudes die Fahne der DDR eingeholt wurde. Die Freiheitsglocke läutete.

Ein paar Tage zuvor hatte die frei gewählte Volkskammer in Ostberlin beschlossen, die DDR aufzulösen und der Bundesrepublik beizutreten. Nun feierten Menschen in Ost und West, dass zusammen wachsen sollte, was zusammen gehört, was Jahrzehnte durch Mauer und Stacheldraht, verminte Grenzstreifen und Ideologie getrennt war.

Der zwanzigste Jahrestag, ein politischer Erntedanktag? 
So wie die Frankfurter Konfirmanden und Konfirmandinnen einen multireligiösen, multikulturellen Erntedank– Altar gestalten konnten, schmücken wir heute den Altar mit dem, was uns mit der deutschen Einheit geschenkt wurde. Vielleicht gelingt es sogar, sich auf einen gemeinsamen Altar in Ost und West zu einigen, einen gesamtdeutschen Altar, auf dem auch multikulturelle Gaben Platz haben. Schließlich feiern wir heute mit allen, die bei uns wohnen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Nationalität. Ganz bewusst laden Muslime heute auch ein zum „Tag der offenen Moschee“.

Was also liegt auf diesem Erntedankaltar?

Zunächst gewiss Mut und Solidarität, dann Kerzen, Gebete, Tränen und Lachen, Tanz, ein paar Mauerstückchen, ein Bild von einem Trabi, 100 D-Mark, Bananen, Freiheit und eine Vision.

Mut und Solidarität, so fing es an. Ein Wahlbüro der Ostberliner Opposition deckte am 7. Mai 1989 Lügen und Betrug bei der Kommunalwahl auf. Die Gruppe schrieb an staatliche Stellen und forderte die Korrektur der Wahlergebnisse. Als sie keine Antwort erhielt, wurde eine Mahnwache geplant. Die Stasi ging mit äußerster Brutalität vor und verhaftete alle Beteiligten.

Junge Oppositionelle suchten einen sicheren Ort, um sich zu treffen und Solidarität mit den politischen Gefangenen zu zeigen. Einzelne Kirchengemeinden öffneten ihre Kirchen. Am 2. Oktober 1989 wurde in der Gethsemanekirche in Berlin eine Mahnwache organisiert. Über dem Kircheneingang hing ein Stofftransparent mit der Aufschrift: „Wachet und betet. Mahnwache für die zu Unrecht Inhaftierten“.

Eine Woche später, am 9. Oktober 1989, kesselten Polizeikräfte die Gethsemanekirche ein. Als die Teilnehmenden des Gebetsgottesdienstes die Kirche verlassen wollten, wurden mehr als fünfhundert von ihnen verhaftet.

In Leipzig standen zur selben Zeit bewaffnete Kampftruppen um die Thomas- und die Nikolaikirche bereit zum Einsatz. Allerdings wurde kein Befehl dazu gegeben und somit ein Blutvergießen verhindert. Bis heute ein Wunder.

Die in Berlin Verhafteten schilderten nach ihrer Freilassung in Gedächtnisprotokollen, wie sie stundenlang misshandelt wurden. Diese Protokolle wurden in der Gethsemanekirche gesammelt. Ein Kommunikationszentrum der Opposition entstand.

Mehr und mehr Menschen sammelten sich zu den Friedensgebeten am Montag, in der Zionskirche und der Gethsemanekirche in Berlin, der Nikolaikirche in Leipzig und bald auch an anderen Orten. Brennende Kerzen und das gesungene Dona nobis pacem waren die Antworten auf Schlagstöcke und Hundestaffeln. Und der wichtigste Satz „Keine Gewalt“.

So fing die Mauer an zu bröckeln. Der ehemalige Volkskammerpräsident Sindermann sagte kurz vor seinem Tod: „Wir hatten alles geplant. Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“.

Auf unserem Erntedank-Altar heute am 3. Oktober liegen noch ein paar Erinnerungsstücke an die Tage nach Öffnung der Mauer und der Grenze: Mauerstückchen, heute wie kostbare Souvenirs gehandelt. Erinnerung voller Dank, dass die Mauer in Berlin gefallen ist. Erinnerung zugleich an andere Mauern, die immer noch brutal Menschen voneinander trennen – in Israel und Palästina, in Korea zwischen Nord und Süd.

Dann das Bild von einem Trabi, Symbol für die ersten Reisen von Ost nach West voller Hochstimmung, die hundert D-Mark Begrüßungsgeld, Bananen, die viele als erstes im Westen kauften, schließlich die Freiheit und eine Vision.

Freiheit – sie wurde gesät und eingeübt in den Kirchen, in Montagsgebeten und Gesprächen. Ein Meer von Kerzen mit glimmenden Dochten in der Nacht – sie stehen für Glaubensmut und Freiheit gegen die Angst. Freiheit wurde gesät, die wir mit der Einheit Deutschlands alle geerntet haben. Reisefreiheit zuerst, dann Meinungsfreiheit, Wahlfreiheit, Pressefreiheit und alle die anderen Freiheiten, die unser Grundgesetz garantiert. Für diese Fülle an Freiheiten gilt es, Dank zu sagen, Erntedank eben.

Ich denke jetzt zum Beispiel an Reisefreiheit. Ich habe meine jährlichen Reisen in die DDR zu Freunden und Freundinnen in Erinnerung. Ich konnte reisen, wenn auch eingeschränkt, sie nicht. Ich erinnere mich an die oft schikanösen Kontrollen an der Grenze, die Vorsicht, nur ja nichts zu sagen, was die Grenzer ärgern würde und das instinktive Schweigen schon Kilometer vor der Grenze, weil jemand mithören könnte.

Noch Jahre später habe ich mich dabei ertappt, dass ich schweigsam wurde, wenn wir uns der früheren Grenze näherten.

Reisefreiheit für uns Wessies in Richtung Osten: Polen, die baltischen Länder, Rumänien, nun zugänglich ohne Grenzkontrollen. Europa ist größer geworden. Und dafür bin ich dankbar.

Freiheit auf unserem Erntedank – Altar, das ist der Dank für ein Leben in Würde, mit Vertrauen, mit Achtung und Selbstbestimmung.

Vielleicht klingt dieser Dank zu vollmundig. In den zwanzig Jahren deutscher Einheit ist vieles schlecht gelaufen. Manche sagen sogar, die Einheit sei weder in den Köpfen noch in den Herzen angekommen. Manche haben profitiert von der Einheit, andere haben verloren, ihre Arbeit, ihre Werte, vielleicht ihr Zuhause. Manche sehnen sich nostalgisch zurück, wünschen gar die Mauer zurück, andere fühlen sich ausgenutzt und ausgenommen, sehen nicht ein, warum sie Solidarität bezahlen sollen, und wieder anderen ist alles vollkommen egal. Die Festtagsstimmung vom 3. Oktober 1990 ist in zwanzig Jahren dem Alltag gewichen. Und dieser Alltag ist für die einen grau und trist, für die anderen bunter und schöner geworden.

Auf unserem Erntedank – Altar liegt noch eine Vision, ein Blick gleichsam in die Zukunft.

Eine Vision, die mit Neuem, mit Wundern rechnet. Eine prophetische Vision, die uns in der Bibel überliefert ist. Sie ist aufgeschrieben beim Propheten Micha im 4. Kapitel, ungefähr 700 Jahre vor Christus, doch aktueller denn je:

„Und es wird geschehen am Ende der Tage:
Da wird der Berg des Hauses Gottes fest gegründet
als der höchste der Berge, erhabener als die Hügel sein.
Und strömen werden zu ihm Nationen
und viele Völker werden gehen und sagen:
‚Auf! Wir wollen hinaufziehen zum Berg Gottes
und zum Haus von Jakobs Gott,
dass wir in Gottes Wegen unterwiesen werden
und auf Gottes Pfaden wandeln!‘
Denn vom Zion geht Weisung aus und das Wort Gottes von Jerusalem.
Und Gott wird schlichten zwischen vielen Nationen
und starken Völkern Recht sprechen bis in ferne Länder.
Und sie werden ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen
und ihre Speere zu Winzermessern.
Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben,
und sie werden den Krieg nicht mehr erlernen.
Und alle werden unter ihrem Weinstock wohnen
und unter ihrem Feigenbaum – und niemand wird sie aufschrecken.
Denn der Mund Gottes der Himmelsmächte hat geredet.
Ja, alle Nationen wandeln jeweils im Namen ihrer Gottheit,
und wir, wir wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes,
für immer und ewig“. (Micha 4, 1-5, Bibel in gerechter Sprache)

Die Vision des Propheten Micha sieht eine Zukunft, die einfach nur gut und lebenswert ist. Gewalt wird von der Erde verschwinden, Ungerechtigkeit, Rüstung und Krieg werden nicht mehr sein. Alle Menschen werden friedlich leben können, genug zu essen haben und miteinander leben, arbeiten und sich ausruhen können.

Wunderbare Worte, schöne Bilder – auch heute weitab von der Wirklichkeit, in der wir leben. Visionen, die sich im Glauben an Gott festmachen, aber wenig Chance zur Verwirklichung haben.

Ja – wäre da nicht die Erfahrung vor dem Fall der Mauer in Berlin. Gebete und Kerzen, gewaltlose Demonstrationen und Mahnwachen, Gottesdienste hatten politische Kraft.

Wunder wurden möglich – und seitdem gilt, was Joachim Gauck dazu sagt: „Wer so etwas erlebt hat, hält nichts mehr für unmöglich“. Die Visionen des Propheten können Wirklichkeit werden.

Schwerter zu Pflugscharen zum Beispiel. Auf ein kleines Stück Stoff gedruckt, wurde dieser Satz zum Symbol der Friedensbewegung in der DDR. Als dieser Staat zu Ende war, wurden die Waffen der Nationalen Volksarmee tatsächlich umgeschmiedet, nämlich verschrottet.

Inzwischen wurde die Bundesrepublik zwar zum drittgrößten Waffenexporteur der Welt. Doch allmählich setzt sich die Erkenntnis durch: Damit lässt sich Frieden nicht schaffen, nicht im Irak, in Afghanistan oder in Afrika. Gerechtigkeit schon gar nicht.

Unsere Bundeswehr muss kleiner werden. Jungen Menschen muss die Chance gegeben werden, sozialen Friedensdienst zu tun, weltweit zum Beispiel mit dem Programm „Weltwärts“. Von vielen Organisationen getragen, ermöglicht es jungen Menschen, mit friedlichen Mitteln im Ausland zu helfen, mit Bildung, Brunnen, nachhaltiger Landwirtschaft und Gesundheitsvorsorge. Waffen sind keine Zukunftsindustrie.

Die Vision des Propheten eröffnet eine weitere Perspektive: Nicht nur ein kleines nationales Volk, sondern alle Völker werden am Ende der Tage nach Jerusalem hinaufziehen, um das lebendige, kräftige und scharfe Wort Gottes zu hören.

Heute, am 3. Oktober 2010, am deutschen Nationalfeiertag, 20 Jahre nach der deutschen Einigung, gibt diese Perspektive einen wichtigen Hinweis. Wir werden in Zukunft kein wirtschaftliches oder politisches Problem mehr national lösen können.

Die Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr hat das genauso deutlich gemacht wie der Klimawandel, von dem bisher nur geredet wird. Nationale Lösungen und Dimensionen haben ausgedient.

Ganz reiche und ganz arme Länder können nur überleben, wenn eine gemeinsame Zukunft gestaltet wird. Europa wächst zusammen, nachdem es größer geworden ist. Vieles muss gemeinsam angegangen werden, auch weltweit. Sterbende Wälder sterben grenzüberschreitend im Erzgebirge und im Böhmerwald. Ölbohrungen in der Arktis verseuchen das Klima in der ganzen Welt. Unser Fleischkonsum bedingt, dass Regenwälder abgeholzt und vernichtet werden.

Auch Integration, von der zur Zeit so viel geredet wird, kann nur gelingen, wenn sie gemeinsam gestaltet wird, wenn also Migranten und Migrantinnen, Zuwanderer und Einheimische das Zusammenleben gemeinsam gestalten mit den jeweiligen Traditionen und Visionen. Das hatten die Frankfurter Konfirmanden und Konfirmandinnen so eindrucksvoll erlebt. Sie, die evangelischen Jugendlichen, wagten den Schritt zu Menschen anderer Religion und Herkunft und erlebten, dass sie miteinander Erntedank feiern und einen wunderbaren Altar schmücken konnten, multikulturell ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile, ganz international mit ihren unterschiedlichen Religionen.

Auf unserem Erntedank–Altar heute liegt die Vision als Hoffnung – nicht weil Kirchen und Christenmenschen die Macht hätten, alle Verhältnisse von heute auf morgen zu verbessern, sondern weil wir darauf vertrauen, dass Gottes Wort wirksamer ist als alle politischen Parolen – so wie wir es vor zwanzig Jahren erlebt haben.

Uns wurde Freiheit geschenkt – wir können Anderen Schritte auf dem Weg der Freiheit ermöglichen.
Uns wurde Gerechtigkeit geschenkt, wir müssen nicht tatenlos Ungerechtigkeit hinnehmen, bei uns nicht und weltweit nicht.ir haben Grund zum Loben und Danken – heute an diesem Erntedanktag der besonderen Art. Der Prophet Micha behält Recht:

„Der Mund Gottes, der Himmelsmächte hat geredet. Ja, alle Nationen wandeln
jeweils im Namen ihrer Gottheit, und wir, wir wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, für immer und ewig“. (Micha 4, 5)

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