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Kirche im Wandel
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Kirche im Wandel

Clemens Scheitza
Ein Beitrag von

Clemens Scheitza,

katholischer Religionslehrer im Ruhestand, Frankfurt

Sankt Josef ist eine Kirche mitten im Frankfurter Stadtteil Bornheim. Heute - zu Pfingsten - bin ich wieder mal zu ihr zurückgekehrt. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich meine ersten Erlebnisse mit Kirche gehabt. Heute ist Pfingsten, der Geburtstag der gesamten Kirche. Da passt ein Rückblick.

Mit dieser Kirche Sankt Josef verbinde ich meine Jugend in den 60er Jahren. Die war für mich prägend, war beeindruckend. Vier Gottesdienste fanden damals am Sonntag in St. Josef statt. Das feierliche Hochamt mit Chor und Schola. Der Pfarrer und zwei Kapläne zelebrierten den Gottesdienst. Eine brechend volle Kirche. Alle Gottesdienstbesucher schmetterten: „Großer Gott wir loben dich“. Das war schon Gänsehautfeeling.

Das war vor mehr als 50 Jahren. Da war die Pfarrgemeinde eine Stadt im Kleinen mit Vereinen und Gruppierungen. Dazuzugehören, das war gesellschaftlich geboten. Kirchliche Gemeinde bot Zuordnung in der politischen und sozialen Gemeinschaft. Für mich hatte das Vorteile: Meine Ortskirche ließ mich in eine neue Rolle schlüpfen. Da zählte zum Beispiel nicht mein Versagen in der Schule. Neue, andere Fähigkeiten von mir konnte ich zur Geltung bringen. In der Schola habe ich neben dem Singen auch gelernt, mich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Soziales Miteinander war gefragt. Bei unseren vielen Jugendfreizeiten habe ich meine ersten pädagogischen Erfahrungen gesammelt. Die halfen mir später enorm im Lehrerberuf. Später gab es in unserer Pfarrei einen Jugendklub. Da konnten wir unsere ersten sexuellen Erfahrungen mit Freundinnen machen. Gerade weil unsere Eltern glaubten, wir seien dort sicher und behütet. Die Pfarrgemeinde damals, die hat so meinen Lebensraum erweitert und mir Halt gegeben.

Kirche hatte damals auch über meine Ortskirche hinaus Bedeutung: Kirche in der Bundesrepublik war ein Machtfaktor. Politisch: bei der Bundestagswahl gab es Empfehlungen von der Kanzel. Für die richtige Partei, nämlich die mit dem C. Gesellschaftspolitisch: Kirche bot ein Wertesystem an: mit Regeln zur Familie, Sexualität und den Umgang miteinander. Das verschaffte Übersichtlichkeit, Sicherheit. Dazu gehörte allerdings auch, dass unser Pfarrer regelmäßig von der Kanzel mit Strafen drohte. Wer die Gebote und Verbote nicht einhält, kommt in die Hölle. Zum Beispiel: am Sonntag nicht den Gottesdienst besucht. Da half nur beichten. Angst machen und Angst in der Beichte nehmen: das war ein innerkirchlicher Machtfaktor.-Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das vorbei, und das ist gut.

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Mitte der 60er Jahre kam der Wandel. Die Kirche öffnete sich. Die Gläubigen haben einen höheren Stellenwert bekommen.Das Gottesbild hat sich verändert. Der autoritäre Gottvater trat langsam in den Hintergrund. Wiederentdeckt wurde: ein Gott, der uns Menschen liebt. Ein Gott, der in uns Menschen sein Ebenbild sieht. Ein Gott, der uns bedingungslos verzeiht. Mir hat dieser Wandel im Kirchen- und Gottesbild ungeheuer gutgetan. Und trotzdem tut mir die Situation der Kirche heute auch weh. Denn zu dem Wandel gehört auch: Die Kirchen wurden leerer.

Die Situation der Kirche hat sich grundlegend geändert. Das nicht nur im deutschsprachigen Raum. Der Kirchenbesuch geht kontinuierlich zurück. Die Kirchenmitglieder werden immer weniger. Die Zahl der Priester und Ordensleute verringert sich dramatisch. Die Kirche hat ihre gesellschaftliche Bedeutung verloren. Das finde ich einerseits auch gut und richtig – eine Macht wie in den 50ern sollte sie nicht mehr haben. Andererseits vermisse ich auch manchmal die vollen Kirchen, die große Gemeinschaft, den Sinn, den Kirche gestiftet hat. Ich hoffe, dass der Heilige Geist weiter in der Kirche weht, in allem Wandel.

In der Apostelgeschichte in der Bibel heißt es: „Als der Pfingstsonntag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort Juden, Proselyten, Kreter und Araber, wir hörten sie in unserer Sprache Gottes Taten verkünden.“ Für mich steckt darin auch die Frage für heute: Welche Sprache müsste die Kirche heute sprechen, damit sie von unterschiedlichen Menschen verstanden und gehört wird?

Manche Katholiken meinen, gerade das Zweite Vatikanische Konzil sei für die schwierige Situation verantwortlich. Sie klagen über die Entwicklung der Welt, besonders über den Relativismus. Sie meinen: Man müsse wieder zu der alten Kirche, den alten Riten, den alten Moralvorstellungen zurückkommen, eben zu der Kirche vor dem Konzil.

Ich kann solche Sehnsucht verstehen. Aber ich glaube nicht, dass dadurch die Kirche und deren Botschaft wieder ihre alte Akzeptanz zurückbekommt. Die Welt hat sich gewandelt, und eine Rückkehr zu alten Kirchenstrukturen würde die Kirche museal machen. Kirche würde sich noch weiter von den Menschen entfernen, zu einer Kleingruppe werden, zu einem kleinen Rest am Rande der Gesellschaft. Dieser „heilige Rest“ kann etwas Faszinierendes haben. Aber ich glaube nicht, dass die Kirche eine kleine Parallelgesellschaft in heiligen Räumen bilden soll. Das Reich Gottes findet unter den Menschen statt, da muss Kirche sein. Auch Papst Franziskus sagt das ja: „Kirche soll auf die Straße und zu den Menschen gehen, an die Ränder.“

Es geht darum, die Zeichen der Zeit wahrzunehmen: Die Menschen mit ihren Ängsten und Nöten und mit ihren Hoffnungen. Ich glaube, Kirche und ihre Verkündigung hat auch noch Menschen heute etwas zu sagen, eine Funktion für Menschen.

Ja, ich glaube, Kirche kann noch eine Funktion, eine Bedeutung für Menschen heute haben. Nicht in ihrer hierarchischen Struktur. Da ist meine katholische Kirche wenig Vorbild für unsere Gesellschaft heute. Auch beim Umgang mit Christen anderer Konfessionen ist sie kein gutes Beispiel. Mit ihren Vorstellungen von Ehe und Sexualität gibt sie mir persönlich keine Orientierung. Und auch in punkto Gleichberechtigung von Mann und Frau hat meine Kirche noch ziemlichen Nachholbedarf. Und schließlich: Die Sprache, die wir in der Kirche sprechen, ist für viele außerhalb schwer zu verstehen.

Was bleibt da? Für mich bleibt die Botschaft: Christlicher Glaube will mich freimachen, er kann Menschen befreien aus Angst und Leid. Viele in der Kirche leben diese Botschaft, und ich wünsche mir, dass es noch mehr werden. Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen, zusammen mit anderen Menschen guten Willens.

Ich wünsche mir, dass der Heilige Geist auch heute die Kirche auf die Plätze und Straßen treibt, wie damals an Pfingsten. Und dass er viele Menschen antreibt, sich für Kranke und Schwache einzusetzen, für Ausgegrenzte und Benachteiligte.

Ich wünsche mir, dass die Menschen in meiner Kirche und unserer Gesellschaft immer mehr auf enttäuschte Menschen zugehen, Menschen, die Abstiegsängste haben, von Altersarmut bedroht sind. Menschen, deren Lebensleistung nicht anerkannt wird.

Ich hoffe, dass gerade in der Kirche der Leistungsdruck und das Konkurrenzdenken weniger werde, nicht Amt und Würde zählt. Auch nicht das Priesteramt. Denn: In jedem Menschen sieht sich Gott wieder.

Gott sieht den Menschen anders, als er oft in der Kirche und unserer Leistungsgesellschaft gesehen wird. Er sieht meine Sehnsucht, einmalig zu sein. Er liebt mich unendlich, so wie ich bin, gerade mit meinen Fehlern und das über den Tod hinaus. Mit dieser Versicherung im Gepäck kann ich unsere unfertige, ungerechte Welt wahrnehmen und verändern. Denneiniges deutet darauf hin, dass unsere Welt manchmal nahe am Abgrund steht. Deshalb: ich wünsche mir eine Kirche, die diese befreiende Botschaft für die Menschen bereithält und verteidigt.

Vor dem Pfingstfest damals waren die Jünger ratlos, orientierungslos und mutlos. Obwohl Jesus auferstanden war, wussten sie nicht weiter. In der Bibel steht, dass sie plötzlich Mut geschöpft haben. Sie sind auf die Menschen zugegangen, haben sie angesprochen. Ihre Erklärung war: „Der Heilige Geist hat uns die Kraft gegeben.“ Ich wünsche mir, dass dieser Heilige Geist auch heute wieder weht und Kraft gibt. In der Kirche und überall da, wo Menschen aufeinander zugehen und sich einsetzen für die Schwachen.

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