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Weltkindertag - Die Kinder auf Lesbos retten
Bild: Pixabay

Weltkindertag - Die Kinder auf Lesbos retten

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Generalvikariat Mainz
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Ein Kind malt mit bunter Kreide Bilder auf die Straße. Das ist auf einem Plakat zu sehen.

Street Art - und darunter steht: „Kinder erobern die Straße - wie stark wäre das denn?“ Das ist das Motto des Weltkindertages, den Unicef in Deutschland heute ausrichtet. Kinder sollen mit Kreide ihre Wünsche und Ideen auf die Straße malen, da, wo sie leben, und den Erwachsenen damit Anregungen geben für eine kinderfreundlichere Welt. Und sowas funktioniert auch zu Coronazeiten.

Bunte Erinnerungen an früher!

Mich erinnert das an die Zeit, in der meine Kinder noch klein waren und auch mit Straßenkreide bunte Bilder aufgemalt haben - auf unserer Terrasse, vor unsere Haustür, unbeschwert, fröhlich -, und sie erinnern mich an den Kreidestaub, den wir dann überall hingetragen haben. Bunte Erinnerungen an eine bunte Zeit. Heute mit drei Kindern im Alter irgendwo zwischen Kind- und Erwachsensein ist das Leben anders bunt. Manches Leichte und Fröhliche ist gerade verdeckt von Schule und Pubertät, die uns Eltern oft außen vorlässt und auch manchmal ziemlich alt aussehen lässt.

Und trotzdem merken wir gerade auch jetzt, wie sehr uns unsere Kinder brauchen: als Eltern, die an ihrer Seite stehen, manchmal, um sie zu trösten, manchmal, um sie aufzubauen, manchmal, um mit ihnen zu lachen, oder auch, um mit ihnen zu streiten. Aber es ist gut, dass unsere Kinder uns haben - und darüber hinaus ein Netz von vielen anderen Menschen, die sich um sie sorgen, die sie erziehen, anleiten, ihnen Zuwendung und Halt geben: Lehrerinnen und Lehrer, Verwandte, Menschen im Verein, in der Jugendgruppe, beim Sport, in der Kirche. Ja, es gibt auch bei uns Kinderarmut, aber im Großen und Ganzen geht es Kindern bei uns gut.

Alleine in dieser Hölle!

In anderen Ländern sieht es für Kinder ganz anders aus. Im Moment stelle ich mir zum Beispiel vor, wie es den Kindern auf Lesbos gerade geht - denen aus dem ehemaligen Flüchtlingslager Moria, das niedergebrannt ist. Ich denke an Kinder, die ohne Eltern geflüchtet sind, ohne Menschen, die an ihrer Seite stehen, die Ihnen Trost, Schutz und Sicherheit geben, die ihnen dabei helfen, herauszufinden, was richtig und was falsch ist, Menschen, die sie ins Leben begleiten. Ich stelle mir Kinder vor, die so alt sind wie meine, 11, 13 und 16, und die alleine in dieser Hölle zurechtkommen müssen. Wie groß muss die Not sein, dass Kinder sich alleine auf den Weg machen, wie groß muss die Not sein, dass Eltern ihre Kinder wegschicken oder sie ziehen lassen?

Unbegleitete Minderjährige, die ohne Dach über dem Kopf die Nächte unter freiem Himmel verbringen - ausgeliefert, angewiesen darauf, dass ihnen jemand zu essen und zu trinken gibt.

Journalisten vor Ort berichten, wie schlecht es den Kindern geht. Zeltstädte werden errichtet, die gar nicht reichen. Kein Bett, keine Kleidung, keine medizinische Hilfe gibt es dort. Die Polizei auf Lesbos geht mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Menschen vor und trifft dabei auch Kinder. Wie kann das sein?

Musik

Das kann doch nicht sein!

Wenn ich mir all das vorstelle, wenn ich die Bilder von den Flüchtlingen auf Lesbos sehe, dann ist das nur schwer auszuhalten. Es ist schwer zu ertragen, dass Menschen im Flüchtlingslager womöglich selbst das Feuer gelegt haben. Es ist schwer zu ertragen, dass dort Menschen kein Dach über dem Kopf haben, wo ein paar Kilometer weiter Menschen in ihren Häusern wohnen, ihrem Alltag nachgehen, Kinder zur Schule gehen können, miteinander spielen können. Es ist schwer auszuhalten, dass sich das alles in Europa abspielt - das kann doch nicht sein!

12.000 Menschen sind obdachlos, und Europa feilscht darum, wer wie viele hundert Menschen aufnimmt. Es werden viele Gründe genannt, warum das nicht anders geht.

Es ist Ratlosigkeit und die Angst, es könnte unbequem werden. Wenn wir die Menschen jetzt alle aufnehmen und in Europa verteilen, dann kommen immer mehr, befürchten manche. Und es gibt Menschen bei uns, die glauben, dass sie zu kurz kommen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt leiden könnte.

Ich fühle mich hilflos: Hilflos, weil ich wütend und traurig bin. Hilflos, weil mir der Gedanke an die Kinder dort den Hals zuschnürt. Hilflos, weil ich auch keine Lösung sehe und nicht weiß, was ich tun kann. Es ist schwer auszuhalten, und ich denke, es ist jetzt nicht die Zeit, ausführlich zu beraten und Pläne zu machen. Es ist an der Zeit, Menschenleben zu retten. Menschen, die ansonsten verhungern, verdursten und an Krankheiten sterben, an denen in Europa niemand sterben müsste.

"Hilfe"... wir können nicht mehr!

„Wir können nicht mehr!“, rufen die Flüchtlingen. Das ist nur schwer auszuhalten – für mich, dabei zuzusehen, aber wie schwer ist es erst für die, die da drinstecken?

Musik

„Wir halten es nicht mehr aus! Helft uns!“, rufen die Flüchtlinge auf Lesbos. Mich erinnert das auch an biblische Hilferufe. Es ist der Psalm 88, der mir hier einfällt. Er steht im Alten Testament, im Buch der Psalmen, einer Art Gebetbuch mit Gebeten zu allen möglichen Anlässen und Situationen, traurigen und freudigen, überschwänglichen und zornigen, aber eben auch zu den Situationen, in denen die ganze Welt voller Verzweiflung ist. Der Beter hier – so hört es sich für mich an – steckt auch mitten drin in Not und Verzweiflung. Vielleicht ist er in einer ähnlichen Situation, wie die Flüchtlinge auf Lesbos heute.

Er schreit zu Gott in seiner Not:

„HERR, du Gott meiner Rettung, am Tag und in der Nacht schrei ich vor dir. …

Denn mit Leid ist meine Seele gesättigt, mein Leben berührt die Totenwelt. Schon zähle ich zu denen, die hinabsteigen in die Grube, bin wie ein Mensch, in dem keine Kraft mehr ist. … Elend bin ich, ein Sterbender von Jugend an, ich trage deine Schrecken und erstarre. … Entfernt hast du von mir Freunde und Nachbarn, mein Vertrauter ist nur noch die Finsternis.“ (Psalm 88, 2.4.16.19)

Der Schrei des Menschen erfordert auch meine Hilfe!

Er ist düster und voller Verzweiflung, dieser Psalm in der Bibel. Aber was bringt das eigentlich, so mit Gott zu reden? Ihn anzuschreien, ihn anzuflehen? Da begehrt einer auf, schreit sein Elend heraus – auch, um andere zum Handeln zu bewegen: Gott, auf den er vertraut, auf den er seine ganze Hoffnung setzt. Und mit Gott aber auch andere Menschen. Der Schrei des Menschen in Not meint auch mich, er ruft mich dazu auf, am Elend der anderen etwas zu ändern.

Gott ist barmherzig und es liegt an uns, das der Welt zu zeigen. In der Bibel im Buch Exodus wird das so beschrieben: Gott sagt: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören. … Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.“ (Exodus 22, 20-22.25-26)

Gott ist barmherzig und auch wir sollen barmherzig sein. Daran glaube ich, und an diesem Glauben halte ich mich fest, auch dann, wenn ich mich hilflos fühle, weil ich keine Lösungen für die großen Probleme der Welt habe.

Und weil ich daran glaube, bete ich für die Menschen auf Lesbos, für die Männer und Frauen, für die Kinder, die alleine sind, ohne Liebe und Zuwendung von Menschen, die sich um sie sorgen, und ich unterstütze Spendenaktionen und den Protest der Bischöfe, der Caritas und vieler anderer, die ihre Stimme für die Flüchtlinge erheben.

Heute vor 72 Jahren, am 20. September 1948, begann eine symbolträchtige Rettungsaktion. Der Westen Berlins wurde nach dem Krieg durch die Sowjetunion von der Versorgung abgeschnitten, blockiert. Die sogenannten britischen Rosinenbomber haben Nahrung nach Berlin gebracht, aber nicht nur das: Sie haben auch unterernährte Kinder in den Westen ausgeflogen, damit sie sich von den Folgen des Kriegs erholen konnten.

Wir können das schaffen!

Über 14.000 Kindern wurde so das Leben gerettet oder mindestens einmal ein Weg in eine Zukunft geebnet.

Ich glaube: Gott hat den Klageschrei dieser Kinder damals gehört, und er hat Menschen berührt und dazu bewegt, barmherzig zu handeln und diese Kinder zu retten. Ich hoffe und bete, dass es heute für die Kinder in Lesbos wieder so kommt: Dass sich die Menschen in Europa berühren lassen und diese Kinder retten. Wie stark wäre das denn?

Ich bin überzeugt: Wir könnten das schaffen!

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