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Weihnachten soll leuchten!
Bild: Pixabay

Weihnachten soll leuchten!

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Generalvikariat Mainz
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So, jetzt sind erst einmal Ferien, zumindest für meine Kinder, und ich freue mich auf die Feiertage, auch wenn ich selbst noch drei Arbeitstage vor mir habe. Heute ist der vierte Adventssonntag, noch vier Tage bis Heiligabend.

Wird mal wieder wie immer ganz schön knapp mit den Vorbereitungen. Aber ich habe eine To-do-Liste und ein ganz besonderes Buch, eines mit Goldrand und schönem Einband - mein Weihnachtsnotizbuch. Da kommt alles rein, was mir an Weihnachten wichtig ist - alle Bräuche und Rituale, alle Erledigungen und Pläne, aber auch Rezepte, Bilder, Gedanken und Geschichten. Manches ist dieses Jahr von der To-do-Liste gestrichen – Geschenkekauf auf den letzten Drücker geht ja nicht mehr im Lockdown. Aber anderes muss trotzdem sein.

Ich bin ein Weihnachtsjunkie...:-)

Ich geb’s zu - ich bin ein Weihnachtsjunkie. Ich kann da schlecht auf etwas verzichten, es muss alles seine Ordnung haben und vorkommen - auch wenn ich mir die Nächte um die Ohren schlage. Mein Mann trägt es nach all den Jahren mittlerweile mit Fassung, und er weiß, er darf mir da nicht reinreden! Ich bin uneinsichtig, wenn es um Weihnachten geht - so hat eben jeder seine Eigenheiten. Aber all diese Äußerlichkeiten helfen mir dabei, auch innerlich anzukommen, bereit zu sein.

Nur eins können wir uns in diesem Jahr sparen - wir müssen keinen Weihnachtsbaum kaufen, denn der steht schon vor unserer Haustür. Vor vierzehn Jahren hat uns unser Weihnachtsbaumverkäufer für unseren Vorgarten einen kleinen Nordmanntannensetzling aus dem Sauerland mitgebracht. „Der braucht ein paar Jahre.“, hat er uns gesagt. „Erst wächst er nur ganz langsam, aber nach 4 bis 5 Jahren legt er richtig zu, dann müsst ihr aufpassen, dass er euch nicht zu groß wird.“

Und es war tatsächlich so. In den ersten Jahren hat sich kaum etwas getan, aber dann wurde aus dem kleinen Bäumchen ganz langsam ein großer stattlicher Tannenbaum. Jedes Jahr im Frühjahr hat er etwa zehn Zentimeter in alle Richtungen zugelegt. Hellgrüne, weiche Spitzen sind aus den dunkelgrünen, verholzten Zweigen gesprießt, bis sie sich über den Sommer und Herbst verfestigt, verdichtet und dunkelgrün gefärbt haben.

"Der Weihnachtsbaum" im Videochat

Letztes Jahr haben wir vor unserer Nordmanntanne im Vorgarten gestanden: Ob sie wohl schon so weit ist? Aber wir haben uns entschieden, noch ein Jahr zu warten. Jetzt ist sie fast zu groß für unser Wohnzimmer - aber nur fast. Bis an die Decke wird unser Baum reichen, und ich freue mich schon sehr darauf, wenn er geschmückt und hergerichtet im Wohnzimmer steht.

Und damit er weiterlebt, haben wir einen Ableger gezogen und fangen im nächsten Jahr wieder von vorne an.

Ein bisschen schade ist, dass wir unseren Baum in diesem Jahr niemandem zeigen können, denn wir haben uns dazu entschieden: Wir werden Weihnachten nur für uns bleiben. Kein Familienbesuch bei meinen Eltern, keine Besuche von meinen Geschwistern und Freunden und deren Familien.

Wir bleiben zu Hause und machen es uns schön - den Weihnachtsbaum sehen die anderen per Videochat. Das haben wir an den letzten Wochenenden fleißig geübt - damit es an Weihnachten klappt, wenn wir uns mit 26 Familienmitgliedern virtuell miteinander treffen, wenn wir einander einladen in unsere Wohnzimmer, mitten in unsere Weihnachtswelt mit den Christbäumen und Krippen, mit den Lichtern und Kerzen. Wir teilen Weihnachten miteinander.

Musik

Weihnachten miteinander teilen - das ist eine Herausforderung in diesem Jahr, und ich hoffe, es klappt. Am Tag vor Heiligabend werden wir wie immer den Baum ins Wohnzimmer stellen, und ich verbringe den ganzen Abend damit, ihn herzurichten, zu schmücken: Kugeln, Lichterketten, Holzanhänger und kleine Glöckchen kommen daran. Dazu höre ich weihnachtliche Musik. Und dann erst der besondere Duft. Stück für Stück wird unser Wohnzimmer weihnachtlich.

Gott braucht mein offenes Herz

Wenn der Baum fertig ist, kommt die Krippe dran. Eine Figur nach der anderen packe ich aus und stelle sie auf Moos und Stroh in unserer Krippe. Anfangs wuseln meine Kinder noch um mich herum, aber spätestens, wenn ich bei der Krippe ankomme, sind sie alle in ihre Zimmer verschwunden. Meistens gelingt es mir dann, dass ich ganz bei mir sein kann, bei mir und meinen Gedanken an vergangene Weihnachtsfeste, und ich spüre die Vorfreude auf die anstehenden Feiertage. Dann werde ich ruhig und bekomme eine Ahnung davon: Gott will bei mir ankommen, und er braucht dazu nicht den großen Bahnhof, kein perfektes Ambiente. Er braucht mein offenes Herz.

Die "VORFREUDE" auf Facebook

Letztes Jahr habe ich am Abend vor Heiligabend etwas ganz Berührendes erlebt. Ein Kollege - einer meiner Facebookfreunde - hat ebenfalls seinen Baum geschmückt und die Krippe aufgestellt, und er hat das Schritt für Schritt aufgenommen und auf Facebook geteilt. Ich fand das beeindruckend und berührend zugleich, dass er diesen Abend mit uns geteilt hat. Er lebt alleine, als katholischer Priester, und da war niemand, der um ihn herumgewuselt ist. Er hat uns in sein Wohnzimmer eingeladen und uns an seiner persönlichen Vorbereitung auf das Weihnachtsfest teilhaben lassen - das war wie Zeugnisgeben. Zeugnisgeben von dem, was ihm wichtig ist, was er glaubt, was er empfindet, was dieses Fest für ihn bedeutet - ohne große Worte, ohne Predigt, einfach nur zum Anschauen.

Der virtuelle Weg ins geschmückte Wohnzimmer

Einladen, anschauen, miteinander teilen - das braucht es in diesem Jahr ganz besonders. Einige meiner Kollegen und Kolleginnen haben in diesem Jahr etwas Großartiges auf die Beine gestellt, um einander im Advent und an Weihnachten nahe zu sein. Für jeden Sonntag im Advent und dann an allen Weihnachtstagen laden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bistum Mainz andere Menschen auf virtuellem Weg in ihre Wohnzimmer ein. Weihnachten soll leuchten! Das ist das Motto dieser Aktion, und es soll Menschen erreichen, die an den Weihnachtstagen alleine sind, die sich einsam fühlen, denen die Kontakte fehlen (vgl. bistummainz.de/glaube/kirchenjahr/weihnachten-soll-leuchten/index.html). Das können auch Familien oder Paare sein, Menschen eben, die sich in diesem Jahr zurückhalten, die zu Hause bleiben, denen aber trotzdem etwas fehlt. Und meine Kollegen und Kolleginnen sind überzeugt: Weihnachten 2020 wird möglicherweise so wertvoll wie nie zuvor. Auch ich habe mich entschieden, mitzumachen und eine Wohnzimmerzeit anzubieten. Weil der Familienbesuch ausfällt, habe ich am ersten Weihnachtstag Zeit und kann zu einem virtuellen Krippenspaziergang einladen - zu uns ins Wohnzimmer.

Wenn ich anderen unsere Krippe zeige, dann zeige ich etwas, was mir an Weihnachten ganz besonders wichtig und wertvoll ist, denn die Krippe erzählt etwas von meinem Glauben.

Musik

Die Krippe, die ich in unserem Wohnzimmer aufbaue, erzählt etwas von mir und von meinem Glauben - was ich über Weihnachten denke. Und dann bin ich gespannt, was den Menschen, die dieser Einladung zum virtuellen Krippenspaziergang folgen, wichtig und wertvoll ist am Weihnachtsfest, und ich hoffe, ich darf auch ihre Krippen sehen. So hübsch ein Baum auch anzusehen ist, so beschaulich die Lichter, die Kugeln und der ganze Schmuck auch sind, erst die Krippe öffnet den Raum für die ungeschminkte, unbehagliche und nüchterne Seite des Weihnachtsfestes. Sie bezeugt: Gott wird Mensch in einer unheilen, friedlosen und bedrohten Welt.

Stellvertretend für die vielen, die weit, weit weg sind von einem beschaulichen Weihnachtsfest, denke ich an die geflüchteten Menschen in Moria oder Kara Tepe, wie das neue Lager auf der griechischen Insel Lesbos heißt. Kein Weihnachten in Moria! Stattdessen Menschen, die in entsetzlichen, erbärmlichen Zuständen leben müssen - mitten in Europa.

Das Licht soll leuchten!

Weihnachten soll leuchten! Ja, das wünsche ich mir natürlich für mich und meine Familie und für alle, für die Weihnachten in diesem Jahr eine echte Herausforderung ist. Aber ich wünsche es mir noch viel mehr für die Menschen, die im Dunkeln leben, in Kara Tepe oder in all den anderen Ländern, wo neben dem Coronavirus auch Krieg, Korruption und unfassbare Armut herrschen. In der Bibel heißt es im Alten Testament: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf.“ (Jesaja 9,1) Das ist sozusagen die Ankündigung von Weihnachten. An Weihnachten kam das Licht in unsere Welt - es liegt an uns, es immer wieder zum Leuchten zu bringen, indem wir die Menschen nicht vergessen, die im Dunkeln leben, in Moria oder bei uns, weit weg oder ganz nah. Weihnachten soll leuchten!

Linktipp:  Weihnachten soll leuchten! (bistummainz.de/glaube/kirchenjahr/weihnachten-soll-leuchten/index.html)

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