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Warum sich Carl manchmal schämt
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Warum sich Carl manchmal schämt

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Als er achtzig Jahre alt war, hat er sich manchmal geschämt, wenn der 20. Juli kam. Das hat er mir erzählt. Er ist auch gefragt worden, im Mai 1944: Mach doch mit, Carl. Sein bester Freund kam damals zu ihm und sagte ihm das, bei einem Glas Rotwein. Carl war entsetzt, was die vorhatten. Den Führer ermorden. Unrecht und Krieg beenden. Den Grafen Stauffenberg kannte Carl nicht. Hatte nur mal gehört, dass der schwer kriegsversehrt war. Und jetzt sollte Carl mitmachen. Bei einer Verschwörung. Niemals. Er hatte doch Gehorsam geschworen.

Später, lange nach dem Krieg, fing Carl öfter an zu grübeln, immer um den 20. Juli herum. Hätte er damals mitgemacht, wäre er jetzt vielleicht tot. Doch er lebte. Gott verzeiht hoffentlich auch den Mutlosen. Dachte Carl. Es gibt so Momente. Da müsste man mutig sein, richtig mutig - und ist es nicht. Oder Momente, da kann man alles nur falsch machen. Einen Eid brechen ist falsch und Kriege sind falsch. So dachte Carl, als er mir davon erzählt hat. Manchmal quälten ihn seine Gedanken.

Ändern konnte Carl ja nichts mehr. Manchmal wird man zu spät klug, sagte Carl. Deswegen wollte er Frieden stiften. Jedenfalls ein bisschen. Etwas wiedergutmachen. Ganz unauffällig. Und spendete Geld für arme oder kranke Kinder. In Polen und Russland. Sie sollen es gut haben, erzählte Carl. Unbeschwert sollen sie leben, sagte er; anders als ich. Und dann bat er Gott auch noch ganz leise, dass aus seinem Geld etwas Schönes werden soll. Nämlich möglichst viel Frieden.

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