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Warum schläfst du, Gott?
Bild: falco_pixabay

Warum schläfst du, Gott?

Alexander Holzbach
Ein Beitrag von

Alexander Holzbach,

katholischer Pallottinerpater, Limburg
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Musikauswahl: Beate Hirt, Mainz

Im Jahr 1990 fand in Boston ein spektakulärer Kunstraub statt. Aus einem Museum wurden dreizehn Gemälde im Wert von insgesamt mehr als 500 Millionen Dollar gestohlen. Darunter das Bild „Christus im Sturm auf dem See Genezareth“ von Rembrandt. Der berühmte niederländische Maler hatte das Werk 1633 geschaffen, kurz nachdem er sich in Amsterdam niedergelassen hatte. Wie gesagt, es wurde gestohlen. Man weiß bis heute nicht, wo es sich befindet.

Das Bild begleitet mich seit damals

Ich kann es mir trotzdem jeden Tag ansehen. Während meiner Studienzeit habe ich mir ein Blatt aus einem Rembrandt-Kalender eingerahmt. Das Bild begleitet mich seit damals. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht mehr, warum es mich so angesprochen hat. Vermutlich hatte ich eine unruhige Zeit und hoffte auf inneren Frieden im Blick auf Jesus.

Von einer großen Welle nach oben gerissen

Denn darum geht es auf diesem Bild. Rembrandt malt eine Szene aus dem Leben Jesu, wie es die Evangelien erzählen. Er fährt mit einem Boot über den See Genezareth. Dieser See im Norden Israels ist bis heute bekannt für seine plötzlichen Stürme. Solch ein Sturm erfasst das Boot Jesu und seiner Jünger. Rembrandt ist ein Meister der so genannten Hell-Dunkel-Malerei. Das spielt er hier großartig aus. Kaum kommt Licht durch die düsteren Wolken. Der Wind bläht die Segel auf. Das Boot wird von einer großen Welle nach oben gerissen und gerät gefährlich nah an einen Felsen. Es füllt sich mit Wasser. Die Fischer, also die Jünger Jesu, sind in Panik. Interessanterweise sind es dreizehn, nicht zwölf. Einige machen sich an Mast und Segel zu schaffen, einer am Ruder, einer ist seekrank und erbricht ins Wasser, einer betet. Einer hält sich an einem Seil fest und schaut aus der Szene heraus die Betrachtenden an. Fachleute sagen, das sei ein Selbstportrait Rembrandts. Zwei Jünger wecken Jesus, der hinten im Boot geschlafen hat. Der wacht gerade auf und schaut die Ängstlichen erstaunt an.                              

Mitten im Sturm strahlt Jesus Ruhe aus

Rembrandt stellt das Ganze als Kampf zwischen Natur und Mensch dar. In den Niederlanden weiß man, was das Wasser für eine Macht hat. Das Bild hat aber auch eine mystische, spirituelle Seite, denn mitten in Sturm und Panik strahlt von Jesus her Ruhe und Friede.

Warum habt ihr solche Angst?

Das Bild hat eine Botschaft. Klar. Denn das Motiv stammt ja aus der Bibel. Die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas erzählen diese Geschichte vom Sturm auf dem See Genezareth. In den katholischen Gottesdiensten wird heute die Version des Markus-Evangeliums gelesen. Da heißt es:      

 „An jenem Tag, als es Abend geworden war, sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wir wollen ans andere Ufer hinüberfahren. Sie schickten die Leute fort und fuhren mit ihm in dem Boot, in dem er saß, weg; und andere Boote begleiteten ihn. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm und die Wellen schlugen in das Boot, sodass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief. Sie weckten ihn und riefen: Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Da stand er auf, drohte dem Wind und sagte zu dem See: Schweig, sei still! Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Da ergriff sie große Furcht und sie sagten zueinander: Wer ist denn dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ (Markus 4,35 – 41)

Musik 1: Siegfried Rohrbach, Motette „Jesus der Retter im Seesturm“ (Aufnahme hr 1961, ca. 2.40)

Wer ist dieser Jesus?

Dramatisch erzählt die Bibel die Geschichte vom Sturm auf dem See Genezareth und mittendrin Jesus und seine Jünger. Maler wie Rembrandt haben sich davon inspirieren lassen. Am Ende dieser Geschichte steht die große Frage: Wer ist bloß dieser Jesus von Nazareth? Denn als er Sturm und Wind beruhigt hat, fragen sich die Jünger erstaunt und verwundert: „Wer ist dieser, dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ (Markus 4,41)

Sie gehören zusammen

Durch alle Generationen ist Jesus den Glaubenden und den Nichtglaubenden ein Rätsel. Eben auch schon den Jüngerinnen und Jüngern damals. Sie ertasteten nur langsam eine Antwort. Die Geschichte vom Seesturm birgt eine solche Antwort in sich. Denn die Menschen damals kannten ihre Bibel. Und darum wussten sie, wer Wind und Wetter gebieten kann. Hatte nicht am Anfang der Schöpfergott aus Chaos, Urflut und Wirrwarr Ordnung gemacht und Himmel und Erde und Mensch geschaffen? Wenn Jesus also auf dem See dem Sturm Einhalt gebietet, dann handelt er in der Macht dieses Schöpfergottes. Diesen nennt Jesus seinen Vater. Von ihm, sagt er, ist er gesandt. Immer mehr erkennen die Jüngerinnen und Jünger, dass beide nicht zu trennen sind. Sie gehören zusammen. Im Johannes-Evangelium sagt Jesus: „Ich und der Vater sind eins!“ (Johannes 10,30).

Ein besonderer Gast

Mir ist noch ein Detail wichtig. Das Evangelium erzählt, dass Jesus auf einem Kissen schläft. Ich weiß nicht, ob man damals auf einem Fischerboot normalerweise ein Kissen dabei hatte. Und wenn, dann wohl bei Fährfahrten für besondere Gäste. Ein Hinweis, dass Jesus eben ein besonderer Gast ist. Auf frühchristlichen Mosaiken sieht man immer wieder ein Kissen als Platz für den wiederkommenden Christus. Für mich ist die Erwähnung des Kissens kein Zufall, sondern ein Hinweis auf die Besonderheit Jesu, auf seine Göttlichkeit.        

Das Geheimnis des Glaubens

Der Text hat also die Botschaft: Jesus Christus kommt von Gott; er ist der Sohn Gottes. Alle, die diesen Text heute in einem Gottesdienst hören, werden danach im gemeinsamen Glaubensbekenntnis sprechen: „wahrer Gott und wahrer Mensch.“ Das ist das große „Geheimnis des Glaubens“, das das Christentum von Generation zu Generation weitergibt.

Jesus begleitet uns auch in stürmischen Zeiten

Dieses Geheimnis ist nicht abstrakt, nicht fern vom Leben. Das Evangelium heute gibt Zeugnis: Jesus ist für die Seinen da; er begleitet ihren Alltag gerade auch in stürmischen Zeiten; er schafft Ruhe und schenkt den Frieden des Herzens.                         

Musik 2:Joseph Haydn: „Rollend in schäumenden Wellen“ aus „Die Schöpfung“ (CD: Haydn, Die Schöpfung, Concentus Musicus Wien / Arnold Schoenberg Chor, Nikolaus Harnoncourt, Track 7, ca. 4.00)

Er ist der Sohn Gottes

Dier Geschichte vom Seesturm gibt zunächst Antwort auf die Frage: Wer ist dieser Jesus? Er ist göttlich. Er ist der Sohn Gottes. Aber die Geschichte erzählt auch etwas ganz Menschliches: Die Jünger sind in Not geraten. Sie haben Angst, sind aufgewühlt. Das erleben Menschen zu allen Zeiten. Sie finden sich wieder in dieser Geschichte und auch in dem Bild von Rembrandt.       

Gott stärkt die Schultern

Menschen erleben stürmische Zeiten, Unruhe, Umbrüche, sie geraten in Panik, haben Angst. Die einen wollen durch aktives Handeln retten, was zu retten ist. Andere erlahmen in solch schwierigen Lebenssituationen, werden vielleicht sogar krank. Gläubige Menschen beten. Ist das die Rettung? Mir fällt in diesem Zusammenhang immer das Wort von Franz Grillparzer ein: „Gott nimmt nicht die Lasten, er stärkt die Schultern.“

Das Unwetter weicht

Beten verändert ja nicht die Situation, sondern das Herz. Da hat Grillparzer recht. Die Jünger im Boot hatten das Glück, dass, nachdem sie Jesus geweckt hatten, er die Situation ändern konnte: das Unwetter weicht. Die Fahrwasser werden wieder ruhig.

Vielen steht aber das Wasser weiterhin bis zum Hals. Sie machen die Erfahrung, die die Jünger zunächst auch hatten: Jesus schläft. Er nimmt mich und mein Schicksal gar nicht wahr.

Er nimmt mich und meine Not nicht wahr

Ich denke, so empfinden heute viele Menschen, die gerne beten würden, aber nicht mehr in der Lage sind, die Hände zu falten. Sie sagen nicht: Es gibt Gott gar nicht. Aber unser Reden über ihn, unser Reden zu ihm ist sinnlos. Sie sind keine Atheisten. Sie sagen: er schläft. Er nimmt mich nicht wahr. Gerade jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie fühlen sich nicht wenige von Gott übersehen, zweifeln viele an seinem Interesse am Menschen. Ich kenne Christinnen und Christen, die diese Regungen in ihren Herzen spüren und die das eigentlich gar nicht wollen. Sie wollen gläubige Menschen sein, wollen beten, wollen Gott vertrauen. Sie sind unglücklich über diesen Zwiespalt im Herzen. Das alles kenne ich auch von mir selbst, dass ich rufen will: Gott, schläfst Du?

Sich verlassen und unbeachtet fühlen

Glaubende haben zu allen Zeiten mit solchen Empfindungen zu kämpfen. Dafür muss man sich nicht schämen. Ein Blick in das Buch der Psalmen hilft. In Psalm 44 heißt es: „Wach auf! Warum schläfst du, Herr?“ (Psalm 44,24). Dieses Gebet kann nur entstanden sein in einer Situation, in der der Betende zwar nicht an Gott zweifelte, sich aber verlassen, vergessen und unbeachtet fühlte.

Du bist behütet – auch wenn du es nicht immer spürst

Ich bin überzeugt: Seit mehr als zweitausend Jahren haben viele diesen uralten Psalmvers zustimmend gebetet und sich darin voll wiedergefunden. Psalm 121 bleibt nicht bei der Frage stehen. Er hat einen Vers gläubiger Hoffnung. Den Psalm betete man im alten Israel während der Wallfahrt. Es heißt dort: Gott „lässt deinen Fuß nicht wanken, dein Hüter schlummert nicht ein. Siehe, er schlummert nicht und schläft nicht, der Hüter Israels.“ (Psalm 121, 3.4). Wer immer diesen Psalm gedichtet hat, er widerspricht denen, die sagen: Gott schläft. Die Botschaft lautet: Auch wenn du es nicht immer spürst: Du bist behütet. Gott schläft nicht.

Der schlafende Jesus wacht über uns

Hierher passt wunderbar ein Bibelwort aus einem ganz anderen Kontext. Im Hohelied, einer Sammlung von Liebeslyrik, ist von der Braut die Rede, die Tag und Nacht auf ihren Geliebten wartet. In diesem Zusammenhang sagt sie das schöne Wort: „Ich schlief, doch mein Herz war wach.“ (Hohelied 5,2). Die Kirchenväter haben diese Lyrik, die eindeutig von der Beziehung eines Paares erzählt, auf die Beziehung Christus und Kirche hin gedeutet. Deshalb wage ich es, dieses schöne Wort auf den schlafenden Jesus im Boot auf dem See Genezareth zu beziehen. Denn er wusste sofort, als ihn die verängstigten Jünger weckten, worum es ging. Er hätte ihnen sagen können: „Ich schlief, doch mein Herz war wach.“                                     

Doch mein Herz war wach

Musik 3: aus J.S. Bach, „Schleicht, spielende Wellen“, Eingangschor aus der Kantate „Schleicht, spielende Wellen“ (CD: Schleicht, spielende Wellen BWV 206, Gächinger Kantorei / Bach-Collegium Stuttgart / Helmuth Rilling, Track 1, ca. 2.30)

Jesus hat ein Herz für die Seinen. Er hat zwar geschlafen, aber er weiß sofort, worum es geht, als sie ihn wecken, und er beruhigt das Unwetter. Und dann stellt er zwei Fragen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? Ich bezweifle, dass das ein Vorwurf ist, eher ein Bedauern. Es fehlt gleichsam der Nachsatz: Ich bin doch bei euch!

Der Sohn Gottes ist bei den Seinen

Die Geschichte vom Seesturm gibt zweierlei Zeugnis: Einmal: Jesus ist der Sohn Gottes. Und: Jesus ist bei den Seinen. Wer sich zu ihm zählt, wer zu ihm gehört, ist gut aufgehoben, braucht keine Angst zu haben. Wenn das Herz aufgewühlt ist, bei ihm wird es still.

Die Seele wird ruhig wie damals der See

Klar. Es gibt da keinen Automatismus. Dennoch haben im Laufe der Geschichte viele Menschen diese Erfahrung gemacht. Wenn die Probleme und Fragen sich türmen, wenn Sturm im Herzen tobt, dann in die Stille gehen – zu Jesus, das tut gut. Der eine nimmt sich eine ruhige Zeit etwa daheim vor einer brennenden Kerze, die andere geht in eine Kapelle oder Kirche. Wo immer man sich in die Stile mit Jesus begibt – ich gehe gerne vor ein bestimmtes Kreuz – ordnen sich die Gedanken neu. Die Seele wird ruhig wie damals der See. Das hat etwas mit Gottvertrauen zu tun, jedenfalls mit Sehnsucht danach.

Glauben und Zuversicht nicht verlieren

Mir fällt dazu ein Vers aus einem Lied ein, das einen mittelalterlichen Hymnus wiedergibt. Da heißt es: Nur wer sich ganz in Jesus „versenkt, verspürt, was deine Liebe schenkt“ (GL 368,4). Das hört sich für viele Menschen vermutlich weit weg an. Ich denke da aber nicht allein an die vielen christlichen Mystikerinnen und Mystiker, die von solchen Erfahrungen berichten. Ich denke an ganz normale Leute in der Kirche. Etwa an eine Frau, die weiß, was Kummer und Krankheit ist, und die auch noch eines ihrer Kinder verloren hat. Ich könnte verstehen, wenn sie verbittert wäre und sagt: Gott schläft. Aber sie hat ihre Freundlichkeit nicht verloren und nicht ihre Treue zur Feier des Gottesdienstes in unserer Kirche.

In schwierigen Zeiten hilft der Blick auf den ruhigen Jesus

Wie oft ich im Laufe meines Lebens auf das Kalenderblatt mit dem Bild „Christus im Sturm auf dem See Genezareth“ von Rembrandt geschaut habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur: In schwierigen Situationen hat mir der Blick auf den ruhigen und beruhigenden Jesus, der auf dem Kissen schlief und dann dem Sturm Einhalt gebot, geholfen. Weil zu ihm das Wort des Hoheliedes passt: „Ich schlief, doch mein Herz war wach.“                     

Musik 4: Edvard Grieg, Morgenstimmung (CD: Grieg, Peer Gynt, San Francisco Symphony Orchestra, Edo de Waart, ca. 4.11 oder kürzer)

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