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Muße
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Muße

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von Carmen Jelinek, Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen

„Arbeit ist das halbe Leben, das liegt halt bei uns so drin.“ Eine der Weisheiten, die Tabaluga, der kleine grüne Drache, auf seiner „Reise zur Vernunft“ zu hören bekommt. Von Peter Maffays stammt das Musical, in dem Dracheneltern ihre Kinder auf solche Reisen schicken, wenn die Zeit zum Erwachsenwerden gekommen ist.

Liegt es wirklich in uns drin „das Leben vor allem mit Arbeit zu verbringen? Ich hoffe nicht. In der Geschichte von dem kleinen Drachen, ist es auch kein Mensch, der dem kleinen Tabaluga diesen Rat auf seine Lebensreise mitgibt, sondern die Ameisenkönigin! Und für die andere Hälfte des Lebens hat sie auch nicht mehr zu bieten als die doch recht fragwürdige Idee „Ordnung ist die andre Hälfte…Alles muss geregelt sein.“ Ja, wenn sie meint!

„Ameisen müssen so sein“, singt sie.

Menschen nicht, denke ich.

Heinrich Böll hat der Muße ein Denkmal gesetzt: Ein Tourist kommt nach Italien – Meer, Strand, Sonne! Im Hafen sitzt ein Fischer in ärmlicher Kleidung und döst vor sich hin. Tolles Motiv, denkt der Tourist: Klick. Und noch einmal mit dem Meer im Hintergrund: klick. Man kommt ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass der Fischer heute schon einen Fang gemacht hat. Der Tourist denkt wirtschaftlich: Warum fahren Sie nicht noch einmal raus und vielleicht ein drittes, viertes Mal und fangen immer mehr Fische? Wenn sie das lange genug machen, können sie Kühlhäuser bauen und Schiffe einsetzen, Arbeiter einstellen und dann – dann können Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen, auf das herrliche Meer schauen. Aber das tue ich ja schon jetzt, antwortet der Fischer. Ich sitze ganz ruhig am Hafen und döse. Nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört. Nachdenklich geht der Tourist davon. Bisher hatte er geglaubt, er arbeite, um eines Tages nicht mehr arbeiten zu müssen. Jetzt verschwand sein Mitleid mit dem Fischer. Zurück blieb eher ein Gefühl des Neides.

Wir definieren uns heute eher durch Leistung, Überarbeitung, Burnout, Herzinfarkt. Auf die Frage: „wie geht es Dir“ – kommt schnell die Antwort: „ach ja ein bisschen im Stress!“ Wie wäre es, wenn jemand unerwartet antworten würde: „Ich habe viel Zeit und genieße das Leben!“

Größer ist doch die Gefahr, dass auf die Rente eine Depression folgt. Haben wir verlernt, einfach sein zu dürfen? Wenn ich es verlernt habe und nur noch von einem Termin zum anderen hetzte, hilft mir ein Wort des Predigers Kohelet aus dem Alten Testament:

 „Es ist gut, nur eine Hand voll zu haben, aber in Ruhe zu leben“ – besser als alle Hände voll Mühe zu haben und dabei dem Wind hinterher zu jagen. (Kohelet) Diese Worte erinnern mich, in all dem Trubel innezuhalten, Atem zu holen und mir eine Pause zu gönnen und einfach sein zu dürfen!

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