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Liebe gab es nicht
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Liebe gab es nicht

Christoph Wildfang
Ein Beitrag von

Christoph Wildfang,

Evangelischer Pfarrer, Arnoldshain
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„Da war keine Liebe“, sagt die Frau, die mir gegenüber sitzt. Sie erzählt von ihrer Kindheit: „Wir haben nur gearbeitet. Immer nur geschafft. Da war die Arbeit. Die hat gezählt. Liebe gab‘s nicht.“ Ihr Vater hat gewollt, dass sie immer fleißig schafft. Mehr gab‘s nicht, sagt sie. Kein in den Arm nehmen, so wie viele Eltern das heute machen. Sie überlegt: „Ich hab‘s eigentlich auch nicht vermisst. Weil es das sowieso nicht gab. Gefühle haben nicht so gezählt.“ Sie schleudert das so heraus. Jetzt habe ich einen Hund, sagt sie. Den streichelt sie. Meine Augen wandern durch die Wohnung. Es sieht aus wie ein Musterzimmer im Möbelhaus. Ich sehe wenig Privates. Meine Augen suchen ein Bild des Vaters. Aber es gibt keines. Sie macht Kaffee, um irgendetwas zu tun. Werkelt in der Küche und bewirtet mich. Wahrscheinlich wie sie immer schaffen musste.

„Lieben Sie sich eigentlich selbst?“, frage ich. Sie setzt sich. „Ich weiß es nicht. Ich kenne das Gefühl nicht. Ich weiß nicht mal, ob der Hund mich liebt. Ich gebe ihm halt sein Fressen. Was heißt hier Liebe?“

Ich trinke den Kaffee, und es ist still. Die Wanduhr über mir steht still. Die hat sie angehalten, als der Vater starb. Ich erzähle ihr, dass Gott sie liebt. Dass ihr dieses Gefühl niemand absprechen kann. Dass Gott sie liebt, auch wenn sie mal nicht schafft. Gott liebt sie, ohne Zutun. Gratis. Umsonst. Dass das ein wunderbares Lebensgefühl ist: „Ich bin geliebt. Ich bin was wert.“ Sie erwidert leise: „Das hätte ich früher mal gerne gehört.“. Ich sage: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm." (1. Johannes 4,16) Etwas Liebevolles von Gott steckt auch in Ihnen.“ Sie räuspert sich und rührt in ihrem Kaffee.

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