Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Kirche am „toten Punkt“ – Gehen oder bleiben?
Bild: Pixabay

Kirche am „toten Punkt“ – Gehen oder bleiben?

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Pastoralreferent i.R. in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden
Beitrag anhören:

Guten Morgen und einen schönen Sonntag!

Vor ein paar Wochen bin ich durch Frankfurt gelaufen, als hinter mir zwei Menschen über ein Thema gesprochen haben, bei dem ich aufhorchen musste: Sie sprachen vom Kirchenaustritt!

Die eine sagte: „Ich bin ja schon ausgetreten, als damals meine Hochzeit anstand…!“ Als unfreiwilliger Zuhörer dachte unwillkürlich, bestimmt vorher geschieden oder homosexuell. Ihr Gesprächspartner antwortete ihr: „Ja, und für mich reicht’s jetzt, mein FrustFass läuft gerade über!“

Die Kirche am toten Punkt...

Wenige Tage später kam der Knalleffekt vom Münchener Kardinal Marx: Er hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Er sieht die Kirche „an einem toten Punkt“, und aus einem Gefühl von Mitverantwortung für den Schaden, den die Kirche angerichtet hat und immer noch anrichtet, will er als Vertreter der Institution dafür sichtbar Verantwortung übernehmen. Nun hat der Papst seinen Rücktritt abgelehnt. Mal sehen, wie Marx an diesem brisanten Punkt nun weitermacht…

"Gehen oder bleiben?"

Auch mit einer guten, immer noch kirchlich gebundenen Freundin kommt das Gespräch in letzter Zeit schnell auf die Frage „gehen oder bleiben?“. Müsste man, so sagt sie sichtlich bewegt, nicht wirklich mit seinem Austritt ein deutliches Zeichen setzen: „Achtung, Kirche, es reicht! Ich war lange engagiert und geduldig. Aber jetzt hast du alle Chancen verspielt, mich als Mitglied bei der Stange zu halten.“ Keine Veränderung in den drängenden Fragen von Missbrauch über Klerikalismus, Sexualmoral, Ämter für Frauen und Sakramente, zumindest aber Segensfeiern für gleichgeschlechtliche oder wiederverheiratete Paare.

Der Versuch des Synodalen Wegs auf positive Dynamik 

Die Deutschen Katholiken versuchen zwar mit dem sogenannten „Synodalen Weg“ diesen Themen wenigstens etwas positive Dynamik zu geben, aber die reaktionären Kräfte, die den Reformbedarf einfach nicht wahrhaben wollen, bleiben leider übermächtig. Und vom Vatikan in Rom kommen nur Nackenschläge, Vollbremsungen und Rückwärtsgang. Ein zu Beginn hoffnungsstiftender Papst Franziskus fährt inzwischen Schlingerkurs und kriegt seine „ewig gestrige“ Umgebung nicht auf Zukunft gepolt, wenn er es denn wollte. Gut, jetzt gibt es endlich eine vatikanische Untersuchung im Bistum Köln, beim besonders der Unglaubwürdigkeit anheimgefallenen Kardinal Wölki. Im Moment dieser Radioaufnahme, die ja nicht live gesendet wird, liegt noch kein Ergebnis vor.

Da plädiere ich doch fürs Bleiben

Ich kann sie gut verstehen, all die so treu wie frustriert an unserer Kirche Leidenden! Und wer für sich selbst in seiner Seelenhygiene und moralisch-religiösen Selbstachtung die Austrittsschwelle nun überschreiten muss, dem zolle ich persönlich Achtung und erspare ihr oder ihm meinerseits jede billige Durchhalteparole. Gleichwohl schmerzt mich jeder Austritt, und wo ich kann, da plädiere ich fürs Bleiben. Und dies obwohl mich selbst peinigt, dass ich niemandem wirklich Hoffnung auf baldige Verbesserung machen kann.

Von meinen Gründen fürs trotzdem Bleiben möchte ich hier erzählen…

"Bitte ihre persönliche Meinung"

Am liebsten wäre mir zur kirchlichen Frage „gehen oder bleiben“ auch hier im Rundfunk natürlich eine Debatte, auch mit Ihnen, den Hörerinnen und Hörern am frühen Sonntagmorgen! Es interessiert mich brennend, ob meine Gründe fürs Bleiben plausibel erscheinen oder doch nur einmal mehr als typisch kirchliche Abwiegelungsstrategie auf verlorenem Posten? Vielleicht mögen Sie mir ja Ihre Meinung schreiben (s.herok(at)bonifatius-wiesbaden.de)!

Mein Hauptmotiv ist natürlich: Man kann die Kirche – wenn überhaupt – nur von innen positiv verändern.

Von außen geht nur kaputtmachen!

 

"Bleiben und Kämpfen"... die wirkungsvollere Option

 

Den vielen, die einen Austritt aus strategischem Motiv erwägen, damit die Kirche vielleicht endlich aufwacht und gegen die hohen Austrittszahlen beherzt mit Veränderung beginnt, muss ich eine so nüchterne wie bittere Erfahrung entgegenhalten: Die Austrittszahlen schmerzen innerhalb der Kirche nur die, die längst auf Reformkurs drängen. Ihre Positionen werden durch solche Austritte aber eher geschwächt als gestärkt. Die beharrlichen Veränderungsverweigerer lachen sich ins Fäustchen und werfen den Austretenden noch Beschimpfungen hinterher: Sie wären ohnehin „Ungläubige“ und „könnten doch gleich zu den Protestanten“ gehen. Womit man auf einen Streich zwei Feindbilder diffamieren kann. Für mich ist darum Bleiben und – selbst mit wenig Hoffnung - weiter für Veränderung Kämpfen (gerade auch strategisch gesehen) die wirkungsvollere Option.

 

Heftige Gründe Deutschland zu verlassen!

 

Ich persönlich „bleibe“ auch, weil ich nicht weiß, „wohin“ ich austreten könnte! Das ist für mich wie mit Deutschland, meinem Vaterland und meiner Muttersprache:

Wissen Sie, es gäbe für mich auch heftige Gründe aus Deutschland auszutreten!

Wenn ich sehe, wie bei uns im Land Demokratiebewusstsein und Sozialengagement abnehmen; wie sie ersetzt werden durch Egoismus und allgemeines Politikerbashing, durch extrem rechtes Gedankengut und - vor allem im Pandemiezusammenhang – jetzt auch noch durch leichtfertiges DiktaturGerede;
wenn ich sehe, wie schlimm Hass und Gewalt zunehmen, absurderweise gerade auch gegen Idealisten wie Rettungskräfte;
wenn ich sehe, wie Ausländerhass und Islamangst anwachsen,
wenn ich das alles sehe,
dann würde ich mir am liebsten ein anderes Land zum Leben suchen.

 

Deutschland ist meine Heimat

 

Aber ich bleibe in Deutschland. Warum?

Weil erstens ein nächstes Land wieder andere heftige Probleme hätte.

Und zweitens, weil Deutschland meine Heimat ist. Hier leben meine Freunde, meine Familie, hier pulst im vielfachen Herzrhythmus meine Kultur, und hierher bindet mich meine Geschichte. Dies alles müsste ich mitnehmen können, damit Gehen wirklich Sinn macht. Ich sehe das an vielen Flüchtlingen und Vertriebenen, wie schlimm ein Leben ohne diese Heimat ist.

Und mindestens genauso stark ist mir die Kirche Heimat. Sie ist mit ihrer Botschaft von Gott und seiner Liebe, mit ihren heilsamen Ritualen und mit den Glaubensgeschwistern das „Dach meiner Seele“! Das bleibt sie auch, so sehr mir gottvergessende Liebesversager in Amt und Ehrenamt dieses „Dach“ auch schon ramponiert haben und es mir dauernd „in die Seele regnet“!

 

Wohin austreten?

 

Darum die für mich unlösbare Frage: wohin austreten?

Das verharmlost und relativiert nichts an den Dramen dieser Kirche. Im Gegenteil, es vergrößert für alle, die noch irgendwie mit dem Herzen an der Kirche hängen, das Dilemma. Menschen, denen diese Institution schon lange nicht mehr Heimat ist oder es nie war, tun sich mit dem Austritt natürlich leichter und vermissen hinterher wahrscheinlich auch nicht viel. Was mich erschreckt und verstört, ist der Hass und die Bitterkeit, mit der jetzt z.B. in sogenannten „sozialen“, hier eher „asozialen Medien“ auf Menschen eingedroschen wird, die diese vielfach versagende Kirche trotzdem persönlich noch nicht aufgeben wollen. Ich sehe da Parallelen zum Politikerbashing…

 

An meinem kleinen Ort mit offener Kirche weitermachen

 

Aber ich habe noch einen weiteren Grund zum Bleiben…

Große Hoffnung, dass die Probleme der Kirche bald gelöst würden, die zurzeit viele Menschen zum Austritt und zur Amts-Aufgabe drängen, habe ich nicht. Dazu erlebe ich die, die krampfhaft am längst Fragwürdigen festhalten, als zu mächtig. Aber ich bleibe, weil schon mein ganzes Leben und Arbeiten in dieser Kirche seit nun 50 Jahren vom Kampf gegen diese „versteinerten GnadenlosPropheten“ bestimmt ist. Positiv ausgedrückt konnte ich bisher persönlich ein gutes Stück weit an einer lebendigeren und hoffnungsfroheren Kirche mitarbeiten. Der liebe Gott hat mir viel Herz, offensichtlich ganz gut verständliche Sprache und auch zuweilen andere berührende Gedanken geschenkt. Das macht mich dem Himmel, aber auch dieser „Lame-Duck-Kirche“ gegenüber dankbar. Und daraus erwächst mir die Verpflichtung, an meinem kleinen Ort mit meiner Art von offener Kirche weiterzumachen.

 

Nach dem Ermüdungspunkt wieder zu frischen Kräften

 

Und dazu ermutigen mich die Kirchenleute, die trotz Verbot gleichgeschlechtliche Paare segnen und an wiederverheiratete Geschiedene wie auch an Protestanten die Kommunion austeilen. Dazu ermutigen mich die wenigen Priester, die ich kenne, die tatsächlich partizipativ arbeiten und ihre Macht teilen. Und gestärkt werde ich auch von allen, die gegen den verständlichen Austrittssog aktiv bei uns für eine offenere Kirche ausharren.

Die Kirche am „toten Punkt“. Ist sie endgültig am Ende? In der Alltagssprache bedeutet „toter Punkt“ einen Ermüdungsmoment, nach dem man wieder zu frischen Kräften kommen kann. Dafür bleibe ich. Noch!

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren