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Frühling im Blumenkasen
Bild: Pixabay

Frühling im Blumenkasen

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von

Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Wonnemonat Mai. Endlich ist der Winter vorbei. Aus den zaghaften ersten Frühlingsknospen ist längst üppiges Grün geworden. In den Blumenkästen am Balkon vor meinem Esstisch sprießt es in bunten Farben. Was für eine Pracht! In Gelb, Rot und Weiß überbieten sich die kleinen Blüten geradezu und strecken sich der Sonne entgegen.
Anfang März hatte ich ein Kästchen mit Setzlingen von Nemesien gekauft. Elfenspiegel heißen sie auf Deutsch. Eher zufällig hatte ich sie in einem Gewächshaus entdeckt. So früh im Jahr sind sie fast nirgends auf dem Markt. Eigentlich sind sie in Afrika Zuhause, habe ich gelesen.
„Schützen Sie die Pflanzen vor Frost!“, hatte mir die Floristin mit auf den Weg gegeben. „Und haben Sie Geduld mit ihnen. Sie brauchen noch ein bisschen. Vielleicht stellen Sie sie erst in zwei oder drei Wochen nach draußen.“
So habe ich es gemacht. Nach zwei Wochen im Wohnzimmer aber verschwanden die ersten zaghaften farbigen Blüten wieder. So eine Enttäuschung! Als ich die dann nur noch grünen Pflanzen auf den Balkon hinausgestellt habe, war ich sehr skeptisch. Ob das in diesem Jahr etwas werden würde mit der Blütenpracht?
Fast täglich habe ich Ausschau nach kleinen Knospen gehalten, nach Hinweisen auf neue Blüten. Einen erfahrenen Biologen habe ich um Rat gefragt: „Kann es sein, dass sie mir die Zeit im Hausinneren übel genommen haben?“ „Ach, warte ein bisschen ab“, hatte er geantwortet.
Was blieb anderes übrig? Um Ostern war es soweit: Die ersten zwei, drei Blüten in rot und weiß zeigten sich. Täglich kamen weitere hinzu. Ich blieb skeptisch: War das der endgültige Zustand? Tatsächlich dauerte es weitere Tage, da änderten einige scheinbar weiße Blütenblätter ihre Farbe. Sie erstrahlten rasch in einem kräftigen Gelb. Alles gut.
Geduld haben. Abwarten können. Beides gehört nicht zu meinen größten Tugenden. Wahrscheinlich geht das vielen so.

In den Psalmen, dem Buch voller Gebete in der Bibel, finde ich das wieder: „Tränen sind mein einziges Brot, am Tag und in der Nacht. / Ja, die ganze Zeit sagt man zu mir: „Wo ist denn nun dein Gott? / “Warum hast Du mich nur verstoßen? / Warum muss ich so traurig durchs Leben gehen?“ / Was bist du so bedrückt, meine Seele? Warum bist du so aufgewühlt? Halte doch Ausschau nach Gott! Denn gewiss werde ich ihm noch danken.“

Wie sehr ich mich selbst mit Ängstlichkeit, auch mit Argwohn unter Druck setzen kann! Wenn sich beim Warten Zweifel einstellen: an den Blumen, am Blumenhändler, an meinem eigenen Tun – das ist nicht gut. Es kann zermürben, Freude und Zutrauen nehmen.
Der Blick auf die Blumen vor meinem Fenster macht mir Mut. Die Blütenpracht sagt mir heute Morgen: Bleib gelassen in deinem Leben. Alles wird gut werden. Es braucht seine Zeit. Auf Herbst und Winter folgt ein Frühling. 

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