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Fronleichnam und der Wandel der Kirche

Fronleichnam und der Wandel der Kirche

Clemens Scheitza
Ein Beitrag von

Clemens Scheitza,

katholischer Religionslehrer im Ruhestand, Frankfurt
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Heute ist Fronleichnam. Ein Fest, das wie kaum ein anderes den Wandel der Kirche und meines Glaubens deutlich macht.

Ich erinnere mich noch gut an meine Jugend in meiner Ursprungsgemeinde in Frankfurt Sankt Josef in den 60 Jahren. Damals war das die zweitgrößte Gemeinde in Frankfurt. So sah auch der Fronleichnamszug aus. Viele, viele Menschen in einer langen Prozession. Die Straße entlang und um die Ecke biegend nur Menschen, Menschen. Ich war stolz, einer von diesen Vielen zu sein. Klar, diese Prozession war streng reglementiert: Männer und Frauen getrennt. Es gab die Jungfrauenkongregation, die Jugend getrennt in Mädchen und Jungen, die Pfadfinder, den katholischen Fußballverein, die katholische Gewerkschaft. Jede Gruppe hat eine eigene Fahne. Würdig und stolz wurde sie vor der jeweiligen Abteilung getragen. Am Ende dieser langen Prozession wurde es immer heiliger und wichtiger. Da waren die Kommunionkinder, die am letzten Weißen Sonntag zur Kommunion gegangen waren. Sie trugen ihre schmucke Kommunionkleidung. Fronleichnam war willkommener Anlass, sie noch mal auszuführen. Dann folgten Ordensritter. Hinter ihnen die Nonnen. Diese gehörten zum festen Bestandteil der Gemeinde. Sie betreuten das nahegelegene Altersheim, leiteten den Kindergarten. Dann wir, die Schola: 50 bis 60 Knaben in weißer Chorkleidung. Nach uns die Ministranten, natürlich wieder nur Jungens. Sie klingelten laut mit ihren Schellen. Soll sagen: seid aufmerksam, jetzt kommt der Höhepunkt: unter einem Baldachin der Pfarrer mit der Monstranz, die er fest in beiden Händen trug, rechts und links liefen die zwei Kapläne. Die Prozession verlief nicht schweigend, sondern alle schmetterten bekannte Kirchenlieder. Unterstützt von mehreren Musikgruppen, sorgfältig in der Prozession verteilt.

Wir in der Knabenschola schauten aufmerksam, wer da am Weg stand, wer vor der Monstranz eine Kniebeuge machte, welche Fenster geschmückt waren und wer das schönste Arrangement ins Fenster gestellt hatte. Im nahegelegenen Park waren dann drei Altäre aufgebaut. Vor diesen versammelte sich die Gemeinde. Der Segen wurde erteilt. Danach begab sich die Prozession wieder zurück in die Kirche. Und da kam für mich einer der schönsten Momente: der Einzug in eine übervolle Kirche. Dicht gedrängt standen die Gläubigen und sangen aus vollen Kehlen das Lied: „Ein Haus von Gloria schauet“. Das war Gänsehautfeeling. Am Nachmittag dann das große Pfarrfest mit Sketchen, Filmvorführungen, Wettspielen: alles was damals das Herz eines jungen Menschen begehrt. Das war ein Stück meiner katholischen Jugend. Aber – vorbei.

Meine Pfarrei, zu der ich heute gehöre, hat an Fronleichnam keine eigene Prozession mehr. Es gibt diese Pfarrei eigentlich so auch gar nicht mehr, sie ist jetzt im Verbund mit einer anderen. In den letzten Jahren trafen wir uns zu Fronleichnam am Frankfurter Römer. Aber auch da war alles anders. Keine Trennung: Mann und Frau, Gewerkschaftler oder Jugendlicher. Ein Altar, darum die Gemeinde: eben ein Gottesdienst im Freien.

Ich finde das gut: die hierarchische Struktur eines Fronleichnamszuges gibt es nicht mehr. Die Demonstration mit der Hostie ist Vergangenheit. Es ist ein Gottesdienst mit einladendem Charakter für alle Menschen in der Stadt. Keine ausgrenzende Demonstration anderen gegenüber. Bezeichnend für heute: Gemeinde und die Kirche sind andere geworden: nicht mehr ein kleiner Staat im Staate mit eigener Gewerkschaftsorganisation, eigener Fußballmannschaft, eigener Bücherei, separaten Jugendgruppen, Abgrenzung gegen die evangelischen Mitchristen, Abgrenzung gegen Nichtchristen. Kirche ist heute viel stärker ein Teil innerhalb der Gesellschaft.

Aber der Unterschied zu damals geht noch weiter: Kirche heute ist in Verruf geraten. Kirche ist nicht mehr die moralische Anstalt. Gerade darin ist sie unglaubwürdig geworden: Priester sind nicht mehr die Heiligen: die Missbrauchsaffäre bringt alle Priester in Misskredit. Auch die, die damit nichts zu tun haben.

Dazu kommt: die Gottesdienste leeren sich. Vor allen Dingen junge Leute finden nicht mehr den Gottesdienst, der sie überzeugt. Die Kirche überaltert, der Priesternachwuchs fehlt. Über kirchliche Strukturen wird laut nachgedacht, Frauen fordern zu Recht Gleichberechtigung in der Gemeinde, bei Verkündigung, in den Ämtern. Fordern zum Streik auf, um dem Nachdruck zu verleihen. Meine katholische Kirche ist in der Identitätskrise. Die Kirche hat sich stark gewandelt – und mein eigener, persönlicher Glaube: der ist auch anders geworden.

Fronleichnam: An dem Fest kann ich sehen und spüren, dass sich Kirche verändert hat – und mein eigener Glaube auch.

Ein Beispiel: Kirche als Normgeber in Fragen der Sexualität. Hier haben kirchliche Normen für mich keinen hohen Stellenwert mehr. Natürlich ist die Würde des Menschen unantastbar, das bedeutet für mich aber nicht, die Sexualmoral der katholischen Kirche zu teilen.

Ein weiteres Beispiel: Früher war für mich die Beichte unabdingbar. Heute glaube ich an einen verzeihenden Gott, der mir zur Seite steht, der mich nicht verlässt, auch wenn ich schwach bin, Fehler mache. Natürlich könnte ich mir Rat von einem Priester holen, mit der Lossprechung mein Vertrauen in die Liebe Gottes stärken, aber ich verzichte auf diesen Mittler. Ich bin mir auch so der Gnade Gottes sicher. Und weiter: Ich halte die hierarchische Kirchenstruktur für fragwürdig und nicht von Jesus so gewollt, zudem nicht in die Zeit passend. Der immer noch distanzierte Umgang mit den evangelischen Christen macht mich traurig. Die Stellung der Frau in der Kirche entspricht bei weitem nicht dem, was ich mir von einer von Jesus gewollten Gemeinde vorstelle.

Diese Kritik an der Kirche nimmt aber nicht meinen Glauben. Diese Kritik macht mir eher den Blick frei für diese wesentliche Botschaft: Ich glaube nach wie vor, dass die kritisierte Kirche sie weiterträgt, auch heute noch. Diese verletzliche und verletzende Kirche erzählt mir von einem Jesus, der sich den Randgruppen der Gesellschaft widmet. Kirche erzählt von einem Jesus, der nicht das Gesetz, sondern den unter ihm leidenden Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat. Von einem Jesus, der den Menschen die Existenzangst genommen hat. Er hat deshalb nicht nur vom Vertrauen auf Gott gesprochen. Er hat dieses Vertrauen gelebt. Er ist dafür gestorben.

Ich meine, es muss eine Institution in unserer Gesellschaft geben, die den Menschen zuspricht, den Menschen versichert: trotz Krieg, trotz Hunger, trotz Ungerechtigkeit, trotz Krankheit und Tod: Das Leben des Menschen ist nicht absurd. Es hat einen Sinn. Den Sinn: wir alle sind in Gottes Plan aufgehoben, jeder spielt eine wichtige Rolle. Eine Rolle jetzt auf Erden und darüber hinaus. Das mag fantastisch, träumerisch klingt, wie eine törichte Utopie. Aber ich möchte in einer Gruppe leben, die sich diese vermeintlich törichte Utopie gegenseitig zuspricht. Mich in meiner Hoffnung unterstützt. Das sollte in der Kirche geschehen, vor allem im Gottesdienst.

Kirche als Institution muss dafür sorgen, dass dieser scheinbare törichte Gedanke in einer Gesellschaft aussprechbar bleibt. Kirche muss so die Hoffnungsstraße sein für ein sinnvolles Leben. Das deckt sich mit meinem Glauben. Das ist für mich die wahre Identität von Kirche. Dafür werde ich auch Fronleichnam auf die Straße gehen.

 

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