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Frieden im Heiligen Land?
GettyImages/Tatiana Dvoretskaya

Frieden im Heiligen Land?

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim
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Frieden in Israel und Palästina? Da winken viele nur noch resigniert ab. Zu verfahren scheint die Situation. Und das seit Jahrzehnten. Auch ich frage mich: Wie ist es möglich, aus dieser Spirale von Gewalt und Hass auszubrechen?

Es gibt aber Menschen, die haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Und sie tun was. Zwei davon habe ich bei einer Fortbildungsfahrt in Jerusalem getroffen: Den Israeli Nachum Sharon und den Palästinenser Ahmed Helou. Nachum ging als hoher Offizier der israelischen Armee gegen Terroristen vor, aber auch gegen Zivilisten. Irgendwann verließ er die Armee. Rückblickend sagt er: „Ich habe mich vor mir selbst geschämt. Ich konnte das nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren.“

Der Palästinenser Ahmed Helou aus Jericho hat für die Hamas gekämpft. Er schleuderte Steine gegen Soldaten und verbrachte sieben Monate in einem  israelischen Militärgefängnis. Als später ein enger Freund von Soldaten getötet wird, sieht er ein: „Es liegt in unserer Macht, die Gewalt zu beenden und weiteres Sterben und Blutvergießen zu verhindern.“

Nachum und Ahmed schlossen sich den „Combatants for Peace“ an. Auf Deutsch: „Kämpfer für den Frieden“.  In dieser Initiative arbeiten seit über zehn Jahren ehemalige Kämpfer beider Seiten zusammen. Ihr Ziel: die Zwei-Staaten-Lösung für das Land. Gewaltfrei wollen sie den Frieden befördern. Gewaltfrei handeln bedeutet für sie aber nicht, passiv bleiben. Es ist für sie eine andere Form des Kampfes, um die politische Wirklichkeit zu ändern.

Für so einen friedlichen Kampf gibt es in der Bibel ein starkes Bild. Im Epheserbrief fordert der Apostel Paulus dazu auf: „Legt die Wahrheit als Gürtel um und die Gerechtigkeit als Panzer an. (…) Seid bereit für die gute Botschaft des Friedens.“(Brief an die Epheser 6,14)

Statt Gewehre, Steine und Messer brauchen Uri und Ahmed andere Waffen. Sie sind überzeugt: Wahrheit und Gerechtigkeit können nur wachsen, wenn sich die Verfeindeten ihre Geschichten erzählen. Das ist der gemeinsame Grund für Aktionen, die dem Frieden dienen. Die „Combatants for Peace“ organisieren Theaterworkshops, friedliche Proteste und bauen zerstörte Spielplätze wieder auf. Kleine Schritte, die den Menschen den Glauben an Wahrheit und Gerechtigkeit zurückgeben können.

Nachum und Ahmed zeigen einen Weg, im Sinne der Bibel mit Konflikten umzugehen. Mir imponiert, wie die Combatants for Peace ausgetretene Pfade verlassen und für den Frieden kämpfen. Ich lerne von ihnen auch für Konflikte in meinem Umfeld. Oft sind gerade in der Familie oder unter Nachbarn die Fronten verhärtet. Jeder beharrt auf seiner Sicht der Dinge. Auf seiner Wahrheit. Sich gegenseitig die eigene Geschichte erzählen und zuhören: ein erster Schritt. So kann ich zerstörtes Vertrauen wieder aufbauen. Um dann gemeinsam nach einer Lösung suchen, die beiden Seiten gerecht wird.

Auf der Reise haben wir gesehen: Wirklicher Frieden ist im Heiligen Land weit entfernt. Nachum und Ahmed werden oft als Verräter beschimpft. Doch sie gehen ihren Weg weiter. Dafür ist den beiden Männer ein Termin im Frühling besonders wichtig. Da gedenkt der Staat Israel gefallener Soldaten und Opfer des Konflikts. Auch die  „Combatants for Peace“ machen eine Feier. Sie denken an alle Opfer beider Seiten. Mitglieder der  Initiative erzählen auf der Bühne ihre persönliche Geschichte und teilen ihre Trauer und ihre Hoffnungen mit allen.

Ahmed erzählt: „Als wir den Gedenktag auf diese Weise zum ersten Mal begingen, kamen 100 Leute. Im letzten Jahr, im Basketball-Stadion in Tel Aviv, waren es 8000.“

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