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Der Tiefpunkt der Menschheit
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Der Tiefpunkt der Menschheit

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Der Tiefpunkt der Menschheit beginnt an einem Wintertag. Strenger Frost. Heute vor 75 Jahren. Es treffen sich 15 Herren in einer Villa am Wannsee. Erst Besprechung, anschließend Frühstück. Was sie besprechen, ist ungeheuerlich. Es sprengt alles Verstehen. Bis heute. Die Herren planen Vernichtung. Vernichtung aller Juden in Europa. Mit System. Einige Herren kennen wir mit Namen: Adolf Eichmann, Reinhard Heydrich. Sie beugen sich über Landkarten und Eisenbahnlinien, rauchen Zigarren, trinken etwas und töten. Im Geiste. Töten Millionen. Kosten werden errechnet, mit Papier und Stiften Menschen verladen. Hunderttausende von hier nach dort. Hier Europa, dort Tod. In Auschwitz oder Buchenwald. Die Judenfrage in Europa soll „gelöst“ werden, endgültig, an jenem kalten Wintertag am Wannsee. Der Tiefpunkt der Menschheit. Die Endlösung.
Von Skrupeln wissen wir nichts. Die Herren am Wannsee wissen, was sie tun. Und tun es mit gutem Gewissen, wenn sie eins haben. Jedenfalls meldet sich kein Gewissen. Weil schon lange klar ist, seit Jahren in alle Köpfe geschrieben, geredet und geschrien: Juden sind Unglück. Juden sind keine Menschen; sind es nicht wert, unter uns zu leben. Das ist allen klar. Seit Jahren werden Juden erst ausgegrenzt und auf offener Straße beleidigt, geschlagen und eingesperrt. Dann verladen und getötet. Das wissen die Herren am Wannsee. Halb Europa weiß davon. Manche Länder schweigen lieber, andere helfen. Die Bekennende Kirche wehrt sich. Mit bescheidenen Mitteln. Sie helfen bei der Flucht oder verstecken Menschen. Pfarrer auf Kanzeln warnen und werden bestraft.
Ein paar Gewissen melden sich im Meer der Gewissenlosigkeit.
Bald rollen die Züge. Nach Plan. Der Tiefpunkt der Menschheit hat pünktliche Züge. Und gewissenhafte Helfer. Sie befolgen Befehle. In großer Treue. Es ist also ein Gewissen. Die Frage ist, wonach es sich richtet. Folgt es dem, der sagt: Du darfst das, töten; das sind keine Menschen. Oder folgt mein Gewissen dem, der sagt: Du darfst keinen Menschen zum Unmenschen machen. Niemals. Auch nicht, wenn es dir befohlen wird. Folgt mein Gewissen dem Lauf der Dinge oder dem Willen Gottes? Das ist die Frage. Bis heute. Auch heute ist jeder andere - ein Mensch. Gottes Kind.

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