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Der Polizist von nebenan

Der Polizist von nebenan

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Es ist ein guter Rat, den Paulus für das Zusammenleben gibt: „So weit es möglich ist und auf euch ankommt, lebt mit allen in Frieden (Römer 12,18).“ Aber das im Alltag umzusetzen, ist ziemlich schwer, gerade wenn es Ärger gibt. Wie beim Streit zwischen zwei Männern im besten Alter, den ich mitbekommen habe. Ich nenne sie hier Herrn Müller und Herrn Bulut.

Herr Müller fährt durch eine enge Seitenstraße, da hat sich ein dicker alter Mercedes breit gemacht. Der Fahrer spricht wild gestikulierend auf Türkisch in sein Handy. Herr Müller kennt ihn vom Sehen. Erst bleibt Herr Müller vorsichtig stehen. Der Mercedes-Fahrer rührt sich nicht vom Fleck. Dann hupt Herr Müller. Der türkische Mann fährt ein wenig zur Seite, schimpft aber wutentbrannt und steigt aus. Herr Müller kurbelt das Fenster herunter. Jetzt ist er auch wütend und sagt laut: „Ruhe jetzt!“ Da hebt der Fahrer des Mercedes die Hand, deutet einen Schlag in Richtung von Herrn Müller an und ruft „Dummkopf“. Herr Müller ist ziemlich geschockt und fährt weiter. Dann merkt er, das will er nicht auf sich sitzen lassen. Er geht zur Polizeistation und berichtet dem Polizisten, was passiert ist, inklusive Auto-Kennzeichen seines Gegners. Herr Müller will Anklage wegen Beleidigung erheben.

Der Polizist hört sich alles an, bis der Ärger verdampft ist. Dann macht er einen Vorschlag: „Ich kenne den Mann, das ist Herr Bulut. Der ist kein schlechter Mensch, ich spreche eine Verwarnung aus.“ Was genau der Polizist mit Herrn Bulut besprochen hat, weiß keiner. Jedenfalls hat sich Herr Bulut wortreich bei Herrn Müller entschuldigt. Herr Müller hat die Entschuldigung angenommen und auf die Anzeige verzichtet.

Für Herrn Bulut war es außerdem wichtig, Herrn Müller zu Kaffee und Kuchen einzuladen. Seine Frau hat gebacken: türkisches Gebäck und eine Torte. Wenn die beiden Männer sich jetzt treffen, grüßen sie sich und unterhalten sich. Manchmal versteht Herr Müller das gebrochene Deutsch von Herrn Bulut nicht, obwohl der schon 20 Jahre hier lebt. Aber er weiß jetzt: Herr Bulut hatte wenig Zeit für Deutschkurse, er hat immer hart gearbeitet.

„So weit es möglich ist, lebt mit allen in Frieden“. Hier klappte das geradezu wunderbar. Allerdings brauchte es jemand, der den Streit entschärft. Der Polizist von nebenan, er kennt seinen Stadtteil und die Menschen gut. Er sorgt dafür, dass das gemeinsame Leben wieder funktioniert, wenn es mal ins Stocken gerät.

Streit entsteht ja oft, wenn man zu wenig übereinander weiß, aber viel übereinander redet. Ob es Menschen aus anderen Kulturen sind oder auch der Kollege, der mich griesgrämig anschaut. Sein abweisendes Gesicht bekomme ich in den falschen Hals, wenn nicht frage, was los ist. Ich nehme mir vor, bewusster auf Menschen zuzugehen und zuzuhören, was sie beschäftigt. So wie der Polizist. Klar, dann kann es auch sein, dass wir uns sagen, was wir kritisch aneinander sehen oder nicht gut finden. Nur so kann Gemeinschaft gelingen.
 

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