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Der Herbst, die Dichter und die Frage, was bleibt

Der Herbst, die Dichter und die Frage, was bleibt

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Pastoralreferent in der Pfarrei St. Bonifatius, Wiesbaden
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Guten Morgen und einen schönen Sonntag!

Nach einem nassen und eher „novembrigen“ Monatsbeginn hatten wir ja inzwischen immerhin ein paar wunderbare Tage „goldenen Oktober“! Wissen Sie, ich liebe zwar den Sommer, durchaus auch seine Hitze, aber - ich verehre den Herbst!

Natürlich liegt das irgendwie an seiner Reife. Es liegt am Fruchtbringen und an diesem barocken Farbenspiel: „Feuer über grün“, von goldgelb bis karmesinrot. Irgendwie hat das Jahr hier seinen geheimen Höhepunkt. Die Zeit scheint sich zu verdichten und wie für einen Moment stehen zu bleiben. „Verdichten“ stimmt sogar mehrfach. Verehrung trifft mein Gefühl zum Herbst auch deswegen so gut, weil der Herbst meine liebste Zeit für Gedichte ist. Gedichte sind Abbilder von der Dichte des Lebens, vom Dichter dichter zusammen gerückt. Verdichtete Zeit. Und Herbstlyrik wiederum nimmt unter den Gedichten, die ich mag, einen Spitzenplatz ein, vor allem unter denen, die ich auswendig kann:

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Schon als Jugendlicher und später im Philosophiestudium ist mir Rainer Maria Rilke mit seinem „Herbsttag“ ans Herz gewachsen. Klar, ist das heute irgendwie aus der Zeit gefallen: Die poetische Sprache. Und wer schreibt noch lange Briefe? Aber ich glaube, das macht ja gerade den Herbst aus, dieses aus der Zeit fallen. Da kommen wir später, gerade mit Rilke, noch einmal drauf zurück.

Als Theologe und Kirchenmann gefällt mir natürlich die selbstverständliche Beiläufigkeit, mit der Rilke und viele Dichterinnen und Dichter im Alltäglichen von Gott sprechen. Da ist ja keine Kirche, kein Job, keine Pflicht, kein Auftrag dahinter. Eine Sendung vielleicht schon…

Herr, es ist Zeit!“ Da spricht ein durchaus selbstbewusster Diener. Das gefällt mir.

Vollendung der Frucht und Mostgewicht des Weines, das erwartet – mehr Auftrag als Bitte - der „Dichter-Diener“ vom „Schöpfer-Herrn“, wie schön.

Aber „wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“. Gegen die „winterliche“ Einsamkeit des Menschen, da hat der „Herr“ aus Sicht des Dichters kein Mittel parat. Wie traurig-realistisch. Die Einsamkeit der Menschen ist in unserer Singlegesellschaft, mit Depression und Sucht ein wachsendes Problem. Hier gefällt mir die Freiheit des Dichters. Er ist an kein festes Gottesbild gebunden. Er muss nicht alle Probleme in eine fromme „Jesus-liebt-Dich-Idylle“ auflösen. Dazu neigen manche von uns Kirchenleuten ja schon mal. Aber so einfach ist das Leben eben nicht.

Dichter, die wie selbstverständlich und ganz beiläufig im Alltäglichen von Gott sprechen…

Aber der Alltag eines Rainer Maria Rilke, der ist hundert Jahre her! So könnte man jetzt einwenden. Und das stimmt natürlich. Es ist zwar stiller geworden um Gott in der Lyrik, aber es gibt ihn noch. Die künstlerische Freiheit findet manchmal bisschen verschlungene Wege, um von ihm zu sprechen. Zum Beispiel der jetzt nobelpreisgeehrte Dichter Peter Handke. Eines seiner Bücher heißt „Gedicht an die Dauer“. Es enthält übrigens auch ein reizendes kleines Herbstmoment. In diesem Gedicht nähert er sich Gott im Konjunktiv: „Gäbe es einen Gott, ich (Handke) wäre das Gefühl der Dauer lang dessen Kind gewesen.“ (Peter Handke, Gedicht an die Dauer, Suhrkamp Verlag, 1992, S.10)

Lyrik in Form des klassischen Gedichts erscheint heute ja selbst ein bisschen aus der Zeit gefallen. Aber es gibt, wie ich schon finde als geradlinige Weiterentwicklung, unter jungen Leuten eine große Szene des deutschen Rap und noch aktueller die Poetry Slams. Herbst kommt dort – glaube ich – oft vor, Gott eher selten. Aber ich habe wenig Einblick, da bin ich jetzt zu alt.

Ich setze mehr auf die Möglichkeit, dass wir die klassischen Gedichte in uns selbst jung und lebendig halten. Darum meine Verehrung für den Herbst und seine Gedichte. Auf dem Höhepunkt des Jahres, verdichtete, angehaltene Zeit, zwischen gestern und morgen…

Wie gerne würde ich sie Ihnen hier alle aufsagen! Leider kann ich sie nur aufzählen und Sie zum Nachlesen animieren. Mit starken Bildern herbstlicher Natur zeichnen sie ein melancholisches Bild vom Abschied und vom Kampf des Menschen gegen die Einsamkeit. Für mich besonders: Hermann Hesse „Im Nebel“, Friedrich Nietzsche „Vereinsamt“, Friedrich Hölderlin „Hälfte des Lebens“. Und so bitter-schön, mit großer satirischer Kraft angeschrieben gegen das offensichtliche Ende aller Liebe: Erich Kästner „Herbst auf der ganzen Linie“. Die Satire ist der Versuch des Künstlers, der Verzweiflung zu entkommen, wenn keine andere Rettung in Sicht ist. Dafür verehre ich Kästner.

Zutiefst anrührend finde ich, wo und wie Mascha Kalèko in ihrem Gedicht „24 Zeilen Herbst“ nach „Rettung“ sucht:

O lebensmüdes altes Jahr!
Die Wälder stumm. Der Park entlaubt.
Bald schneit der Winter weißes Haar
Auf unser sommergrünes Haupt.

Der letzte Spatz von dannen hinkt,
Die Lerche in den Frühling flieht,
Und unterm Schieferhimmel singt
Melancholie ihr trübes Lied.

Nun legt der Nebel weit und breit
Dem Frohsinn das Gewerbe.
– Das ist gewiß die Jahreszeit,
In der ich einmal sterbe.

Herrgott, bewahr uns vor der Gicht,
Gib daß mein Herz nicht rostet.
Um andern Reichtum bitt ich nicht,
Weil Geld uns zuviel kostet.

Ein kleines Feuer im Kamin
Magst du mir auch noch geben,
Wenn dunkle Schattenwolken ziehn,
Und Frost klirrt; – und daneben,

Daß ich der Schwermut trotzen kann
Und nicht die Flucht ergreife:
Ein Kind im Zimmer nebenan,
Den Mann mit Buch und Pfeife.

Da ist er wieder, der herbstliche Kampf gegen die Schattenwolken der Einsamkeit. Hier ist die Melancholie eher leise und zurückhaltend. Für mich überwiegen Heiterkeit, Humor, Leichtigkeit. Und es erscheint in dieser beiläufigen Alltäglichkeit auch wieder der liebe Gott. Ist das nicht köstlich: „Herrgott, bewahr uns vor der Gicht, gib dass mein Herz nicht rostet!“ Einerlei, ob wegen des vielen Regens oder wegen der vielen Tränen, die der Herbst mit sich bringen mag.

So verdichtet der Herbst in diesem so üppigen wie morbiden Augenblick angehaltener Zeit* zwischen gestern und morgen, dem kein anderer Augenblick, kein Zeitsprung sonst im Jahr gleicht, die tiefste Frage unseres Lebens! Was bleibt uns überhaupt: siegt letzten Endes die große Einsamkeit oder eine endgültige Gemeinschaft in Liebe?

Der Herbst führt uns also mit tausend Bildern und Empfindungen das Grundthema unseres Lebens vor Augen: Ultimative Einsamkeit oder ultimative Gemeinschaft? Durch alle bleibenden und schwindenden Erfahrungen der Liebe hindurch, bleibt die große Frage: Wenn der Sommer geht, wenn die Jahre gehen, wenn du gehst, wenn ich gehe, wenn also unser aller Gehen endgültig wird, was wird dann bleiben?

Als Antwort mein allerliebstes Herbstgedicht. Nochmal Rilke. Gott wird nicht genannt. Ist gar nicht nötig. Nicht einmal die Liebe. Wunderbare Freiheit der Dichter! Und doch ist es die schönste Form religiöser Antwort, die ich auf die Frage kenne, was uns bleibt und wo wir bleiben?

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke


* Für den Dichter Kurt Tucholsky ist dieser besondere Zeitpunkt „zwischen gestern und morgen“ im Herbst, der aus mehreren Tagen besteht und der eine ganz besonders magische Kraft ausstrahlt, übrigens – jenseits von aller Fastnacht, Fasching, Karneval – die „fünfte Jahreszeit“, wie er sie in der Weltbühne unter Pseudonym Kaspar Hauser am 22.10.1929 liebevoll als seine liebste Jahreszeit beschreibt. https://www.textlog.de/tucholsky-jahreszeit.html (abgerufen 11.10.2019)

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