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Das Ziel im Blick
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Das Ziel im Blick

Ein Beitrag von

Dr. Christine Lungershausen,

Evangelische Pfarrerin, Eschborn
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Beim Umzug habe ich mich verhoben. Die Bücherkisten waren einfach zu schwer. Ja, ich weiß: immer in die Knie gehen und mit dem ganzen Rücken heben, aber es ist trotzdem passiert. Jetzt habe ich schlimme Rückenschmerzen und bin ich in der Praxis einer Osteopathin.

Osteopathen behandeln vor allem mit den Händen

Osteopathie ist eine eigenständige Form der Medizin. Osteopathen behandeln vor allem mit den Händen. Sie wollen den Ursachen von Beschwerden auf den Grund gehen und haben das Ziel, den Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen.

Doch was die Osteopathin zu mir sagt, passt mir erst mal nicht. Sie sagt: „Ich befasse mich nicht mit Ihren Schmerzen. Ich habe Sie und Ihre Gesundheit im Blick.“

Das Ziel im Blick und nicht die Krankheit im Mittelpunkt

Doch ich will die Schmerzen loswerden! Sie lächelt mich an und sagt: „Widerspruch später. Wir schauen jetzt erstmal, wie Sie wieder heben und hüpfen können, in Ordnung?“ Ich nicke. Etwas entspannt sich in mir, weil sich meine Blickrichtung ändert: Die Rückenschmerzen stehen nicht mehr im Mittelpunkt. Sondern, dass ich wieder heben will und meine Wohnung einrichten und den Garten bearbeiten, ohne dass mich etwas schmerzt.

Die Blickrichtung der Osteopathin zielt auf das, wo ich hinwill: Zu Schränken mit sauber gereihten Büchern und meinem Garten mit Sonnenblumen.

Jesus und Bartimäus

Das Ziel im Blick und nicht die Krankheit im Mittelpunkt. Das ist es, warum ich an die biblische Geschichte von Jesus und Bartimäus denke. Es ist eine Heilungsgeschichte. Bartimäus war blind und Jesus hat ihn geheilt.

Eigentlich ärgern mich solche Heilungsgeschichten der Bibel oft. Weil sie so klingen, als wäre Heilung eine einfache Sache. Als müsse man nur glauben und schon wird alles gut. Das spricht gegen meine Erfahrung.

Wie Jesus den Menschen begegnet ist

Seit der Begegnung in der Praxis denke ich an diese Geschichte. Die Osteophathin ist keine Wunderheilerin und auch nicht Jesus. Doch sie hat mich daran erinnert, wie Jesus Menschen begegnet ist. Sie hatte gesagt: „Ich sehe nicht zuerst Ihre Schmerzen, sondern Sie.“

"Ich sehe Dich, nicht die Krankheit"

Ich stelle mir vor, dass Jesu Worte ähnlich waren. Vielleicht hat Jesus zu Bartimäus gesagt: Ich weigere mich, Dich nur als kranken Menschen zu sehen. Ich sehe mit Dir dahin, wie es sein wird, wenn es gut ist für Dich. Ich sehe Dich, nicht die Krankheit.

Wie Jesus Bartimäus geheilt hat und andere Frauen und Männer, bleibt für mich ein Geheimnis. Aber ich kann jetzt nachvollziehen, wie gut es tut zu hören: Ich sehe Dich, nicht die Krankheit.

Mir hat das geholfen: Mich anders sehen. Ich will nicht als erstes meine Schmerzen und Probleme sehen. Zuerst meine Wünsche und Ziele sehen. So kann ich mich ansehen. Und andere.

Aufmerksam werden auf das, was werden kann

Dabei geht‘s nicht drum, das Schwere zu ignorieren. Sondern aufmerksam zu werden auf das, was werden kann. Denn es ist schon da.  

Das macht etwas mit meinem Lebensgefühl. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie ich in der neuen Wohnung die gefüllten Bücherschränke und genieße im Garten die Sonnenblumen.

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