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Am Anfang die Geburt
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Am Anfang die Geburt

Karl Waldeck
Ein Beitrag von Karl Waldeck, Direktor Evangelische Akademie, Hofgeismar

„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ so fragt der Beter des 8. Psalms Gott. Am kommenden Samstag beginnt das Weihnachtsfest. Es berichtet davon, wie Gott und Mensch so eng wie nie zuvor zusammenkommen.

Die Eckpunkte des Lebens sind Geburt und Tod. Daran hat sich seit biblischen Zeiten, seit Beginn der Menschheit nichts geändert. Doch fällt die Antwort nach dem Anfang und Ende des Lebens in unseren Zeiten unsicherer aus – trotz, nein wegen des technischen, auch medizinischen Fortschritts. Der Weg von der Empfängnis zur Geburt ist zwar der gleiche geblieben; er war, ist und bleibt ein Wunder. Die Möglichkeiten jedoch, wie der Kinderwunsch erfüllt werden kann, haben sich vervielfältigt: Vor einigen Wochen war zu lesen, dass in Deutschland die erste Gebärmutter verpflanzt wurde, künstliche Befruchtung ist gängige Praxis, vergleichsweise neu ist das sogenannte „social freezing“: Eizellen werden für eine spätere Schwangerschaft eingefroren.

Geburt und aktuelle Medizintechnik scheinen gar nicht zur Weihnachtsidylle zu passen, zum Kind in der Krippe und der Heiligen Familie. Doch die Geschichte, wie Maria ihr Kind empfängt, das sie Jesus nennen wird, ist alles andere als normal; auch romantisch wird man sie nicht nennen können. Das junge Mädchen Maria, ein Teenager, so berichtet es die Bibel, ist verlobt – mit Josef. Die Intimität beider hat Grenzen; kein Sex vor der Ehe. Lange war das auch hierzulande moralischer Standard; in anderen Kulturen ist das noch heute so. Umso mehr muss Maria die Nachricht überraschen, die ihr eines Tages ein himmlischer Bote, ein Engel, überbringt: „Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.“ Eine große Zukunft wird diesem Sohn verhießen: Des Höchsten, also Gottes Sohn wird er genannt werden. Gottes Kraft ist es, die Maria schwanger werden, die sie ein Kind gebären lässt. Maria stimmt diesem kühnen Projekt zu.

Von der Jungfrau Maria sprechen die Glaubensbekenntnisse der christlichen Kirchen: Orthodoxe, römisch-katholische und evangelische. Die Geschichte vom jungen Mädchen Maria und den wundersamen Umständen der Empfängnis und Geburt wurde aber auch zum fragwürdigen Leitbild der Jungfräulichkeit umstilisiert: Verzicht auf erotisches Glück, Enthaltsamkeit sei demnach höher zu schätzen als erfüllte Sexualität. Das hat fatale Folgen gehabt – vor allem für das Frauenbild: Lange Zeit hatte es sich auch in der Kirche etabliert; in nicht wenigen Gesellschaften hat sich das Gegensatzpaar „Heilige oder Hure“ erhalten, dem eine Frau nur durch die Mutterschaft entgehen kann. Uneheliche Mütter wurden dabei geächtet, ja bestraft, die weibliche Sexualität dämonisiert. Und es waren Männer, die hier über Gut und Böse entschieden.

Tatsächlich lehrt die Geschichte von Maria, dass Gott für das Heil der Menschheit keinen Mann braucht. Männlichen Machtvorstellungen, gar Omnipotenz-Phantasien schiebt die Geschichte der Maria einen Riegel vor. Ein junges Mädchen, eines unter vielen, soll auf wundersame Weise den Heiland der Menschheit zur Welt bringen. Ein Wunder – und eine ungewöhnliche Emanzipationsgeschichte. Doch in ihr zeigt sich Gottes Wille. Gott hat die Macht, jeden Menschen auch auf ungewöhnlichen Wegen zu seinem Ziel zu führen.

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