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Wofür Halsweh gut sein kann

Wofür Halsweh gut sein kann

Martin Vorländer
Ein Beitrag von

Martin Vorländer,

Evangelischer Pfarrer und Theologischer Redakteur im Medienhaus Frankfurt

Schon beim ersten Schlucken ist klar: Halsweh. Bei jedem Atemzug meldet sich empfindlich die entzündete Kehle. Sie fühlt sich wund an. Jedes Wort tut weh. Immer wieder erstaunlich: Bin ich gesund und munter, funktioniert das Zusammenspiel in meinem Körper reibungslos, dann nehme ich gar nicht wahr, dass ich eine Kehle und einen Hals habe. Ist doch selbstverständlich… Von wegen! Ganz und gar nicht selbstverständlich! Das merke ich schon bei so kleinen, harmlosen Beschwerden wie Halsweh. Um wie viel mehr sehnt sich nach diesen scheinbaren Selbstverständlichkeiten, wer ernst erkrankt ist.

Man sagt, das Leben hinge an einem seidenen Faden. In Wahrheit ist noch viel, viel dünner, woran unser Leben hängt. Am Atemhauch hängt das Leben. Am Anfang der Bibel steht geschrieben: „Gott der Herr (…) blies dem Menschen den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7)

Odem, Atem ist Leben. Alles, was wir brauchen, damit wir leben können, geht durch den engen Kanal zwischen Kopf und Brust, geht durch Hals und Kehle: die Luft zum Atmen, Essen und Trinken. Unsere Kehle ist der Knotenpunkt des Lebens. Atem – Kehle – Seele – im Hebräischen sind diese drei ein Wort: näfäsch. Das Wort ist lautmalerisch: Man soll geradezu das Wehen und Zischen des Atems hören: näfäsch. Ähnlich wie bei dem griechischen Wort für Seele: psyche. Seele hat in der Welt der Antike mit Kehle und Atmen zu tun.

Die Seele eines Menschen. Wir tun uns schwer zu sagen, wo sie zu finden ist. Für die Menschen des Alten Testaments war das klar: Die Seele sitzt in der Kehle. Denn hier geht der Lebensatem durch. Die Kehle steht für unser Verlangen nach Leben. Wir atmen ein und atmen aus. Wir brauchen Atem. Wir wollen Anteil haben an diesem Leben. Wir wollen haben – und wir müssen loslassen, so wie wir nicht immer nur Luft einsaugen können, sondern ausatmen müssen, den Atem loslassen müssen. Der Atem – die Kehle – die Seele, sie alle drei sind eingebunden in die Grundbewegungen des Lebens: Nehmen und geben, bekommen und loslassen. Mit jedem Atemzug. Die Sprache des Alten Testaments kennt deshalb keine Trennung von Körper und Seele. Die Seele ist ja das: die Kehle, der Lebensatem. Ohne den Körper ist die Seele im Alten Testament nicht denkbar.

Wenn jemand glucksend lacht, dann hüpft der Kehlkopf auf und nieder. Das biblische Halleluja meint genau das: Eine Kehle, die vor Freude gluckst, hopst und trällert. Halleluja, das ist der glückliche Zustand eines Menschen, dem nichts die Kehle zuschnürt, dessen Stimmbänder frei schwingen. Mit Halsweh bin ich natürlich von diesem „Halleluja-Zustand“ etwas entfernt. Aber es ist ja nur Halsweh. Das geht vorüber. Wenn es schon mal da ist, dann kann es mich daran erinnern: Mit jedem Atemzug durch meine Kehle habe ich Verbindung zum Leben. Jeder Atemzug lässt mich aufleben mit Leib und Seele.

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