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Wasser in Wein
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Wasser in Wein

Lisa Neuhaus
Ein Beitrag von

Lisa Neuhaus,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt am Main
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Zwei Geschichten treffen an einem Esstisch aufeinander. Ich bin in Gedanken mit einer biblischen Geschichte für die heutige Morgenfeier beschäftigt – dazu später mehr. Mein Mann hat gerade eine Trompete bei E-Bay verkauft und erzählt davon: Er hat einen Käufer im Bayerischen Wald gefunden, und jetzt geht es um den Preis. Die Trompete soll 1000 Euro kosten. Der Käufer fragt ihn, ob er mit 950 zufrieden wäre. Ein bisschen Handeln und Feilschen muss anscheinend sein. Mein Mann erklärt, er habe eigentlich an 1200 Euro gedacht, das Instrument sei sogar einiges mehr wert. Plötzlich kommt ihm die Idee, den Käufer nach seinem Alter zu fragen. Der antwortet: Er sei 23. Darauf mein Mann: „Dann bekommen Sie die Trompete für 900. Weil Sie so jung sind.“ Der Käufer ist erst einmal sprachlos, und dann will er doch den vollen Preis bezahlen. Aber mein Mann bleibt bei seinem Angebot, und der junge Trompeter bedankt sich überschwänglich. Er bekommt ja jetzt „gefühlt“  300 Euro geschenkt. Und das nicht, weil er so hart und gekonnt gefeilscht hat, sondern einfach weil er so jung ist.

Geschichten ohne Moral, aber zum sich wundern

Die Geschichte vom Verkauf einer Trompete hat keine Moral. Ich gebe sie nicht als Appell weiter oder weil ich meinen Mann so vorbildlich finde. Mich verwundert die kleine Begebenheit einfach, und ich staune darüber, wie sich durch eine persönliche Frage eine Geschäftsbeziehung mit einem Mal verwandelt. Verwandlung! Das ist das Stichwort, mit dem ich Zugang zur biblischen Geschichte für den heutigen Sonntag finde.

Musik: Johann Pezelius, Courante (Bayrischer Landesposaunenchor)

Zwei Geschichten treffen an einem Esstisch aufeinander: Die vom Trompetenverkauf über E-Bay und die Geschichte, die ich für heute Morgen ausgewählt habe. Da wird auch geschenkt und verwandelt. Im Johannesevangelium steht:

Am dritten Tag war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war auch dort. Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger waren ebenfalls eingeladen. Als der Wein für die Gäste ausging, sagt die Mutter Jesu zu ihm:„Sie haben keinen Wein mehr!“ Jesus antwortet ihr: „Was sagst du mir das, Frau? Noch ist meine Stunde nicht da.“ Seine Mutter sagt zu den Bediensteten: „Was immer er euch sagt, das tut.“ Nun standen dort sechs steinerne Wasserkrüge für die jüdischen Reinigungsriten. Die fassten jeweils zwischen 80 und 120 Liter. Jesus sagte zu den Bediensteten: „Füllt die Krüge mit Wasser.“ Sie füllten sie bis oben. Danach forderte Jesus sie auf: „Schöpft jetzt etwas davon und bringt es dem Speisemeister.“ Und sie brachten es. Als aber der Speisemeister das Wasser kostete, das Wein geworden war, und nicht wusste, woher es kam  – die Bediensteten, die geschöpft hatten, die wussten es – da ruft der Speisemeister den Bräutigam und sagt zu ihm: „Alle setzen zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste betrunken sind, den schlechten. Du hast jedoch den guten Wein verwahrt bis jetzt.“Das tat Jesus als Anfang seiner Zeichen, in Kana in Galiläa. Und er zeigte seinen göttlichen Glanz, und die Jünger und Jüngerinnen glaubten an ihn. (Johannes 2, 1 – 11, eigene Übertragung in Anlehnung an die Zürcher Bibel)

Keine Rettung in der Not

Auch diese Geschichte hat keine Moral, genau wie die vom Trompetenkauf. Wer sie erzählt, will vor allem staunen und sich wundern. Wäre die Geschichte im Stil von Wilhelm Busch geschrieben, zum Schluss mit dem Satz „Und die Moral von der Geschicht‘“, dann wäre sie leichter auszulegen. Aber so wie sie in der Bibel steht,  ist sie anscheinend schwer zu verstehen und erregt immer wieder Anstoß. In einem theologischen Lehrbuch heißt es zum Beispiel streng: Jesus bringe hier nicht Rettung in einer Not, sondern helfe bloß in einer Verlegenheit aus. So eine Hilfe sei ja keineswegs notwendig. Ja, sie sei sogar bedenklich. Mit evangelischem Ethos habe sie jedenfalls nichts zu tun. Puh, was für ein hartes Urteil über Jesus! Er wollte ja nur bei einem unbedeutenden Alltagsproblem helfen, und damit schafft er es anscheinend nicht auf die Höhen des evangelischen Ethos unserer Tage.

Und nicht nur Theologen tun sich schwer mit der Geschichte von der Verwandlung des Wassers in Wein. Ein Kollege erzählt von einer Frau, die nach einer Predigt über unsere Hochzeitsgeschichte an der Kirchentür sagt: „Von dem Wein, den Jesus da aus Wasser gemacht hat, ist aber bestimmt niemand betrunken geworden!“ 

O je, denke ich. Früher, auch zur Zeit Jesu, war der Rausch Teil religiöser Riten. Vermutlich gab es dafür weniger Alkoholmissbrauch im Alltag. Ich finde, das ist eine Art Geiz des Glaubens, wenn man sich nicht vorstellen kann, dass Jesus einfach das Herz der Feiernden erfreuen wollte und fröhlich mitgefeiert hat.

Ein Ausflug mach Kana in Galiläa

Solche Einwände verhindern, dass Menschen über die Geschichte von der Hochzeit zu Kana staunen können. Die Distanz zu Jesus bleibt  groß, als müsse man sich vor ihm schützen. Wie schade! Dabei ist Jesus selber aus dem Staunen und Wundern wohl Zeit seines Lebens nie herausgekommen. Gehen wir also ein wenig in der Geschichte spazieren und machen einen Ausflug nach Kana in Galiläa.

Musik: Bernard Andrès, Zimt  (Bearbeitung und Interpretation poco più, Cordula Poos, Markus Reich)  

Von einem Dienstag im Frühling, so um das Jahr 30, wird im Johannesevangelium erzählt, und von einem Fest unter Dorfbewohnern und Gästen in dem Ort Kana. Es gäbe genug Besorgniserregendes zu berichten von so einem  Dienstag, das ist sicher. Römische Militärpatrouillen haben bestimmt wieder einmal ein paar junge Männer schikaniert. Eine Händlerin konnte die Steuer auf ihre Waren nicht bezahlen, weil die Zöllner sie schon wieder erhöht haben. Und vielleicht waren in der Nacht ein paar Aufständische im Dorf und  haben heimlich vom Hochzeitswein getrunken, bevor sie sich wieder in ihre Verstecke zurückgezogen haben.

Der Wein geht aus

Aber alles hat seine Zeit, auch die schlechten Nachrichten aus dem Alltag. Jetzt ist Hochzeit,  jetzt wird gefeiert. Ein junger Mann kommt mit ein paar Freundinnen und Freunden dazu. Sie essen und trinken und tanzen. Und was geschieht? Der Wein geht aus. Wie peinlich! Der junge Mann hilft den Gastgebern aus der Patsche. Sie sollen nicht beschämt werden, als wären sie zu arm oder zu geizig, um genug Wein für die Gäste anzubieten.

Der Anstoß zur Abhilfe kommt von der Mutter Jesu. Maria sieht, dass der Wein zu Ende geht, und will dafür sorgen, dass ihr Sohn Jesus etwas tut, noch ehe alle das mitbekommen. Was sie da genau von ihrem Sohn erwartet, sagt sie nicht. Soll er schnell im Nachbardorf Nachschub holen? Das wäre ja eine kluge Lösung. Oder ahnt sie als Mutter schon etwas von seinen besonderen Gaben?

Ein schwieriges Mutter - Sohn - Verhältnis

Der Sohn beschämt allerdings ausgerechnet seine Mutter, während er anderen die Scham erspart. Es gibt keine heilige Familie, wie es die Krippenspiele an Weihnachten vielleicht vorführen. Jesus ist nicht lieb. Ziemlich hart gegenüber seiner Mutter stellt er klar: „Ich mache, was ich zu tun habe, und du tust das Deine. Ich werde jedenfalls nichts tun, nur um dir als Mutter Ehre zu machen.“

Ach ja! Jedes Mutterherz fühlt mit. Maria wird natürlich immer Mutter bleiben. Aber der Sohn sagt jetzt „Frau“ zu ihr: „Frau, was gibst du mir Anweisungen! Ich bin kein Kind mehr. Das ist vorbei.“ So ist das wohl: Der Nachwuchs muss über die Eltern hinauswachsen und eigene Wege gehen. Nur so geht das Leben weiter.

Das Wunder

Was passiert, als Jesus dann doch aktiv wird? Er sagt nur ein paar Worte:„Füllt die Wasserkrüge, schöpft daraus und bringt es zum Speisemeister.“Der griechische Autor Nikos Kazantsakis spottet über das, was da geschieht: „Das Wasser sah seinen Herrn und errötete, wie eine Braut vor ihrem Bräutigam.“ Der Evangelist Johannes in der Bibel erklärt gar nicht, wie dieses Wunder zustande kam. Er erzählt einfach: Erst war kein Wein mehr da, und dann war da plötzlich wieder Wein. Sogar besonders guter Wein.

Die Bibelkundigen unter den Feiernden schöpfen Hoffnung, als sie das erleben. Sie werden an die Zukunftsbilder der heiligen Schriften gedacht haben, vom Leben mit Gott. Sie haben diese Bilder aufgenommen mit der Muttermilch, von klein auf:  Was jetzt vor Augen ist, das ist nicht alles, da kommt noch etwas. Gott wird auf dem Berg Zion für alle Völker von nah und fern ein Festmahl ausrichten, mit reichlich feinen Speisen und erlesenen Weinen. Der Gastgeber Gott ist selbst dabei. Und an seinem Tisch wird den Menschenkindern endlich nichts Göttliches mehr fremd sein. Bei Jesus ist das anscheinend schon jetzt so: Ihm ist Gottes wunderliche Güte und Lust am Feiern immer schon vertraut.

Musik: Georg Friedrich Händel, Vivace (Bayerischer Landesposaunenchor)     

„Alle Dinge können verwandelt werden...“

Im Judentum heißt es: „Alle Dinge können verwandelt werden, wenn sie im Namen Gottes gebraucht werden.“ Bei der Hochzeit in Kana hat sich so manches verwandelt, nicht nur Wasser in Wein. Es ist eine Hochzeit, und das heißt: Zwei Menschen lassen sich segnen. Aus zwei Einzelnen wird ein Ehepaar. Jesus hat ein Fest gerettet und einer Sippe aus großer Verlegenheit geholfen. Sie stehen nicht da wie begossene Pudel, sie können sogar ungewohnten Luxus bieten, nämlich ausgezeichneten Wein, der sogar den Kellermeister staunen lässt. Und sicher wird danach noch fröhlicher gefeiert.

„Alle Dinge können verwandelt werden, wenn sie im Namen Gottes gebraucht werden.“  Ein Sohn verwandelt sich in einen jungen Mann mit eigener Bestimmung. Und die Mutter wird aus der Rolle entlassen, ihr Kind zur Verwirklichung seiner Gaben zu drängen. Sie kann sich wieder in eine eigenständige Frau verwandeln, und der Sohn geht seinen eigenen Weg. Beide als freie Gotteskinder. So geschieht das zwischen Jesus und seiner Mutter Maria.

Wenn wir die biblische Geschichte von der Hochzeit zu Kana so lesen, erscheint es plötzlich merkwürdig, dass Maria durch die Jahrhunderte in Statuen und Bildern immer neu als „Mama“ abgebildet wird, ewig nährend, ewig duldsam. Und selten fröhlich. Warum eigentlich? Darf die Verwandlung im Namen Gottes nicht alle Rollen sprengen?

Auch Jesus wird verwandelt

„Alle Dinge können verwandelt werden, wenn sie im Namen Gottes gebraucht werden.“ Irgendwie ist in den Wasserkrügen mit einem Mal guter Wein statt Wasser. Menschen, die im damals von den Römern besetzten Land eine Hochzeit feiern, erinnern sich an die große Vision vom Festmahl bei Gott. Sie erinnern sich an die Kraft der Hoffnung. Und auch Jesus wird verwandelt. Am Ende der Geschichte heißt es: „Er zeigte seinen Glanz. Und sie vertrauten ihm.“ Jesus kommt bei einem Fest vorbei. Er geht weiter und hinterlässt doch bleibenden Eindruck. Bei manchen bleibt ein wenig Glanz zurück. Und damit werden sie Teil einer großen Erzählgemeinschaft, die zum Staunen und Wundern anregt. Die Textur des Glaubens wird aus vielen Fäden gewebt, aus Geschichten, die immer wieder neu und anders erzählt werden, und aus lebendigen Beziehungen. Und die besonders wunderlichen Geschichten glänzen wie Goldfäden im großen Gewebe und lassen unverhoffte Fülle aufleuchten, maßlose Gaben, den Glanz Gottes und den Luxus des Glaubens. Und darüber freuen sich wohl vor allem diejenigen, die nicht eh schon in Fülle und Überfluss leben.

Was traue ich mich zu hoffen?

Mich bringen die Geschichten von großen und kleinen Wundern immer wieder zu der Frage: Was traue ich mich zu hoffen? Gegen herrschende Mächte und Stimmungen, gegen den Geist der Resignation und des Schlechtmachens von allem und jedem. Soll das meine Maxime sein: Nur nicht zu weit ausschweifen mit der Hoffnung, immer schön auf dem Boden der Tatsachen bleiben? Ich habe den Eindruck, so denken viele. Ich frage dagegen: Wie viel Hoffnung darf sein? Wie viel Verwandlung traue ich Gott zu, auch bei mir selber? Wozu inspiriert mich der Geist Jesu?

Ein Pianist bring Hoffnung

Der syrische Pianist Aeham Ahmad sagt es ganz schlicht: „Hoffnung gibt es immer.“ Mitten im Krieg hat er in einem Flüchtlingslager am Rand von Damaskus auf der Straße Konzerte gegeben. Er brachte sein Klavier auf öffentliche Plätze, spielte klassische Musik und nährte unter verzweifelten Menschen die Hoffnung: Was jetzt vor Augen ist, das ist nicht alles! Ahmad ist erst geflohen, als Terroristen sein Instrument zerstört haben. Inzwischen hat er ein Buch geschrieben, es hat den Titel: „Aber die Vögel werden singen.“  Die Vögel werden singen! Und Ahmad  gibt jetzt auch in Hessen Konzerte.

Musik: Robert Schumann, Fantasiestück, aus Albumblätter (Friederike Richter, Klavier)

Zu dem Sonntag heute gehört die biblische Erzählung von der Hochzeit zu Kana. Da hat Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. Nicht aus Not, sondern um den Gastgebern aus der Verlegenheit zu helfen, als der Wein ausging. Das Fest wäre sonst viel zu früh zu Ende gewesen. So aber geht das Feiern weiter.

Ein Wunder aus purer Lust am Leben

Wasser in Wein: Ein Wunder aus purer Lust am Leben. Welche anderen Verwandlungen könnte es anstoßen?

In dem kleinen Dorf Kana in Galiläa wird die Geschichte der Verwandlung von Wasser in Wein bis heute in Ehren gehalten. Es gibt dort eine Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die sogenannte Hochzeitskirche. Ab und zu kommen Pilgergruppen und wollen sehen, wo das spielt, was in der Bibel erzählt wird. Sie suchen nach Spuren des Wunders. Und dann wollen sie auch essen und trinken. Die Einnahmen durch diese Besucher ermöglichen ein paar Bewohnern von Kana manchmal ein bisschen Luxus.

Ich war auch ab und zu mit Gruppen in Kana. Und bis heute sehe ich die riesige Bougainvillea-Hecke vor mir, die neben der Kirche dort wächst. Diese Pflanze blüht in allen Farben, fast ohne Wasser, fast ohne Erde. Sie verwandelt dieses bisschen Wasser und Erde in ein Blütenmeer. Auf Arabisch heißt sie Maschnuni: die Verrückte, die Maßlose. Sie gehört zur Familie der Wunderblumengewächse. Die gibt es wirklich: Wunderblumengewächse!

Musik: Michael Praetorius, Wie schön leuchtet der Morgenstern (Dorothee Mields (Sopran), Paul Agnew (Tenor), Lautten Compagney unter Wolfgang Katschner)

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