Standhaft - Luther vor dem Reichstag
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Standhaft - Luther vor dem Reichstag

Eugen Eckert
Ein Beitrag von

Eugen Eckert,

Evangelischer Stadionpfarrer in der Commerzbank-Arena und Referent der EKD für Kirche und Sport

„Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen.“ Das sind Worte, wie in Stein gemeißelt. Sie sind geflügelte Worte in der deutschen Sprache geworden. Sie stehen für den erklärten Willen eines Menschen und eine unbeugsame Standhaftigkeit. Martin Luther hat diesen Satz am 18. April 1521 gesagt, am Ende seiner Verteidigungsrede vor dem Reichstag in Worms. Drei Tage Tauziehen waren vorausgegangen, spannend wie ein Psychokrimi.

Auf der einen Seite des Taus zogen die Gefolgsleute von Papst Leo X. Sie fühlten sich im Vorteil, denn für die Exkommunikation des Augustinermönchs hatten sie bereits gesorgt. Nach mittelalterlicher Rechtsanschauung erwarteten sie von Kaiser Karl dem Fünften: Auf den päpstlichen Bann hatte die Reichsacht zu folgen. Kaiser Karl hatte Luther zu verurteilen, ihn zu einem Vogelfreien zu erklären, zu einem, der gefangen, der auch ermordet werden durfte, ohne Folgen für die Täter.

Auf der anderen Seite des Taus zog Martin Luther. Friedrich der Weise, der einflussreiche Kurfürst von Sachsen, unterstützte ihn insgeheim. Auch Teile des Adels, viele Geistliche und vor allem die Mehrheit der Bevölkerung. So standen sie sich am 18. April 1521 gegenüber, der 21jährige spanische Kaiser und der 37jährige Wittenberger Theologieprofessor. Es prallten zwei Welten aufeinander, „wie sie unterschiedlicher kaum vorstellbar sind“. Hier der prunkvolle Kaiser. Dort der spartanische Mönch.

Ein Duell mit dramatischer Vorgeschichte Es geht um Flüchten oder Standhalten. Es geht um Angst, und darum, die Angst zu überwinden. Luthers Auftritt in Worms ist fünfhundert Jahre her. Doch auch heute gibt es das Dilemma: In einer Auseinandersetzung zur eigenen Meinung stehen und standhalten, selbst wenn das mit Nachteilen verbunden ist. Wie überwindet man in solchen Situationen die Angst? Luther konnte das, weil es ihm um die „Liebe zur Wahrheit“ ging und den unbändigen Willen, „sie ans Licht zu bringen“. Als Luther Anfang 1521 erfuhr, dass sein Beichtvater und Freund Staupitz auf päpstlichen Druck seine Lehre öffentlich als Ketzerei verurteilt hatte, schrieb er ihm empört: „Es ist jetzt nicht die Zeit, Angst zu haben, sondern zu schreien.“

Musik:Silvestre Revueltas, Sensemayá (Philharmonisches Staatsorchester Hamburg)

Der Historiker Heinz Schilling hat gesagt: „Luther wurde nicht mit einem Schlag zum Reformator“. Am Anfang stehen die fünfundneunzig Thesen gegen den Ablasshandel. Luther stellt sich gegen die marktschreierische Bußpredigt des Dominikanermönchs Tetzel, der seinen Zuhörern für einen entsprechenden Geldbetrag verspricht: „O ihr Wucherer, ihr Räuber, Mörder, Verbrecher!… O ihr Kritiker, ihr Verleumder.. Ihr könnt jetzt Beichtbriefe haben, durch deren Kraft ihr im Leben und in der Todesstunde (…) sooft wie nötig den vollkommenen Nachlass der für die Sünden schuldigen Strafen haben könnt!“

Vehement widerspricht Luther dem Gedanken, sich von bereits begangener und sogar von zukünftiger Schuld freikaufen zu können: „Menschentand predigen die, die sagen, sobald der in den Kasten geworfene Groschen klinge, die Seele (aus dem Fegefeuer) emporfliege. Sicher ist, dass wenn der Groschen im Kasten klingt, Gewinn und Geiz zunehmen können, die (Erhörung der) Fürbitte der Kirche aber steht allein in Gottes Wohlgefallen.“

Luther sagt: Macht Euch klar: Ihr seid als Menschen fehlbar. Jederzeit kann man von Fehlern und Schuld eingeholt werden. Deshalb ist nach Luther die richtige Grundhaltung des Lebens Demut. So lautet seine erste These: „Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort ‚Tut Buße‘, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“

Die 95 Thesen werden als Flugschrift verbreitet und machen Luther im ganzen Land bekannt. Viele sind davon begeistert und stimmen ihnen zu. Aber auch die Kritiker formieren sich. Bereits im November 1517 schwört Tetzel: „Der ketzer sol mir in 3 wochen ins feur geworfen werden (…).“

Der Historiker Heinz Schilling schreibt: „Luther hörte wenige Wochen später davon und lebte fortan unter dieser Drohung, die alles andere als abstrakt war. Vor allem in kirchenkritischen Kreisen war das Konstanzer Ketzerfeuer noch sehr präsent, das rund hundert Jahre zuvor den tschechischen Reformer Jan Hus zum Schweigen gebracht hatte."

Musik:Mauricio Kagel, Marsch Nr. 10, aus 10 Märsche um den Sieg zu verfehlen, (Philharmonisches Staatsorchester Hamburg)

Ab 1518 beginnt der Streit um Luther zu eskalieren. Der päpstliche Hoftheologe Silvester soll den Mönch aus Wittenberg zum Schweigen bringen. Er tut das mit einer Streitschrift. Sie behauptet: Es gibt Fundamente der Kirche, die man nicht hinterfragen darf. In ihr heißt es: „Wie die Gesamtkirche nicht irren kann, wenn sie über Glaube oder Sitte entscheidet, so kann auch ein wahres Konzil, wenn es sein Bestes tut, um die Wahrheit zu erkennen, nicht irren… Wer sich nicht an die Lehre der römischen Kirche und des Papstes hält als an die unfehlbare Glaubensregel, von der auch die Heilige Schrift ihre Kraft und Autorität bezieht, der ist ein Ketzer.“

Zum ersten Mal scheint Luther zu erschrecken, als ihm die möglichen Folgen seiner Lehre vor Augen stehen. Im Rückblick auf jene Tage sagt er in einer Tischrede: „Der Papst hat mir nie wehgetan, mit Ausnahme des ersten Mals, als Silvester gegen mich schrieb (…). Da dachte ich: (Potz) Leichnam, will es dahin gelangen, dass die Sache vor den Papst kommt? Dennoch gab mir unser Herrgott die Gnade, dass ich lachen musste, als dieser Taugenichts so böse Dinge schrieb.“

Innerhalb von zwei Tagen entgegnet Luther Silvester: „Christus ist die Kirche, und wenn die Kirche eine irdische Vertretung hat, dann ist diese nicht der Papst, sondern das Konzil, obwohl auch ein Konzil irren kann.“ Und doch hat er mit seiner Angst zu kämpfen. Im Sommer 1518 nimmt der Ketzerprozess gegen ihn Fahrt auf. Er soll zum Verhör in Rom erscheinen. Fast zeitgleich wird ein päpstlicher Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Luther bittet seinen Kurfürsten um Hilfe.

Friedrich der Weise ist bereits beim Reichstag in Augsburg. Dort umwirbt der alternde Kaiser Maximilian die deutschen Kurfürsten. Maximillian ist der Vorgänger von Karl dem Fünften, der drei Jahre später Luther in Worms verhören wird. Er will die Kurfürsten für die Wahl seines Enkels Karl als Thronfolger gewinnen. Der Einfluss des Kurfürsten ist darum groß. Friedrich der Weise setzt durch, dass das Verhör in Augsburg stattfindet. Vom päpstlichen Legaten Cajetan verlangt er: „Luther väterlich zu verhören und ihn … ungehindert nach Wittenberg zurückkehren zu lassen.“ 

Seine Stimmung auf dem Weg nach Augsburg aber beschreibt Luther so: „Während der Reise war mein Gefühl: Nun muss ich sterben! Und ich stellte mir den gerüsteten Scheiterhaufen vor Augen und sagte oft: Ach, welche Schande werde ich meinen lieben Eltern sein! Dergestalt ängstigte mich das Fleisch.“

Aller Angst zum Trotz schreibt er jedoch im Oktober 1518 an Mitreformator Melanchthon: „Ich gehe hin, mich für Euch und für sie opfern zu lassen, wenn Gott will. Lieber will ich zugrunde (gehen)… als dass ich widerrufe, was ich recht lehrte."

Als Luther in Augsburg vor Kardinal Cajetan steht, stellt dieser drei Forderungen. Luther soll erstens seine Irrtümer widerrufen. Zweitens sie nicht mehr lehren. Und drittens sich aller Umtriebe gegen die Kirche enthalten. Luther beharrt darauf, nicht zu widerrufen, solange er nicht widerlegt sei.

„Ich protestiere auch heute, dass ich mir nicht bewusst bin, etwas gesagt zu haben, was wider die Heilige Schrift… ist, sondern dass alles, was ich gesagt habe, mir ganz richtig, wahr und katholisch erscheint.“ Da herrscht der päpstliche Legat Cajetan ihn an: „Geh und komme mir nicht wieder unter die Augen, wenn du nicht widerrufen willst.“ Weil die Stadttore bereits geschlossen waren, verlässt Luther Augsburg am 20. Oktober 1518 in der Dunkelheit durch eine kleine Schlupftür, die ihm ein Anhänger öffnet.

Musik:HK Gruber, Tammany Hall aus Manhattan Broadcasts, (Philharmonisches Staatsorchester Hamburg)

1520 erscheinen die großen Kampfschriften Luthers. In ihnen spricht der Reformator „dem Papst die Legitimität zum Urteil über Glaubensfragen“ ab und erklärt „die jahrhundertealte Rechtsbasis der römischen Kirche für nichtig“. Der Papst droht an, Luther zu bannen. In der Bannandrohung heißt es wörtlich: „Weil nur … Irrtümer… in den Schriften und Büchern …enthalten sind, so verdammen, verlegen und verwerfen wir gänzlich die Bücher und alle Schriften und Predigten Martin Luthers… Nach Kundgebung dieser Bulle sollen sie an allen Enden… durch die Bischöfe fleißig gesucht und in Gegenwart der Geistlichkeit und der Laien öffentlich und prächtiglich verbrannt werden.“

Auch Luther tritt ans Feuer. Auf die Verbrennung seiner Bücher antwortet er im Dezember 1520 mit der Verbrennung der Bannandrohungsbulle. Er tut das mit offenbar nur zaghaft gesprochenen Worten: „Weil du die Wahrheit Gottes verderbt hast, verderbe dich heute der Herr. Hinein ins Feuer!“

Er habe das zuerst zitternd und betend getan, bekennt er später seinem Freund Spalatin. Aber er habe sich dazu entschlossen, „damit die papistischen Brandstifter merken, es sei keine große Kraftleistung, Bücher zu verbrennen, die sie nicht widerlegen können.“ Bemerkenswert verhält sich Luthers Kurfürst Friedrich der Weise angesichts dieser Eskalation von Gewalt. Geistliche und weltliche Fürsten werfen ihm vor, Luther im Lande zu dulden. Friedrich antwortet:

„Ich weiß nichts Böses von ihm… Tut er etwas Unrechtes, so disputiert und unterredet euch mit ihm zu Wittenberg. Da habe ich meine Universität. Er soll euch Antwort stehen. Ich habe so viele gelehrte Leute zu Wittenberg; täte er etwas Unrechtes, sie würden ihn nicht dulden.“

Friedrich fordert: Man soll Luther vor angesehenen Gelehrten und unvoreingenommenen Richtern seine Sache vertreten lassen. Es ist diese Haltung des Kurfürsten, die Luther vor den Reichstag in Worms führt. Sie sichert dem durch den Papst verurteilten Ketzer Martin Luther auch freies und sicheres Geleit zu.

Musik: Johann Sebastian Bach, Fox Trot, (Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Im März 1521 erhält Luther die Vorladung nach Worms. Wenig später bricht er in Wittenberg auf. Den Pferdewagen hat der Stadtrat für ihn angemietet. Die Universität zahlt 20 Gulden Reisegeld. Luthers Fahrt durch Deutschland gleicht einem Triumphzug. Längst ist er, was wir heute einen „Medienstar“ nennen würden. Wo er Station macht, strömt das Volk zusammen. „In Erfurt empfängt ihn die gesamte Universität“. Als er am Folgetag in der Augustinerkirche predigt, droht diese aus den Nähten zu platzen. Gleiches geschieht in Gotha und Eisenach.

Aber – je näher er Worms kommt, desto größer werden auch die Hindernisse. Da ist eine Erkrankung, die in Eisenach beginnt und in Frankfurt anhält, wo er am 14. April eintrifft. Darüber hinaus bekommen auch Luthers Unterstützer Angst. Luther schreibt: „Wie ich nun nicht weit von Worms (entfernt) bin, schickt mir Spalatin … (einen) Boten unter (vier) Augen und lässt mich warnen, ich solle nicht hineinkommen und mich nicht in solche Gefahr begeben. Aber ich entbot ihm wieder, wenn so viele Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, so wollte ich dennoch hinein.“

Nichts und niemand soll Martin Luther mehr aufhalten können, sich dem Duell mit dem Kaiser in Worms zu stellen. Für ihn ist es längst zur Gewissensfrage geworden, Gott mehr zu gehorchen als irgendeinem Menschen. Die Stimme des Gewissens, gebunden an das Wort Gottes, versteht Luther als höchste Instanz. „Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir“, lautet seine Haltung vor dem Reichstag in Worms – im Widerstand gegen geltende kirchliche Normen und staatliche Machtansprüche.

Bis heute gilt das als Maßstab für Menschlichkeit: Auf das Gewissen zu hören, auf die innere Stimme, die vor falschen Handlungen warnt. Philosophisch hat das Immanuel Kant zweihundertfünfzig Jahre nach Luther so begründet: „Jeder Mensch hat ein Gewissen und findet sich durch einen inneren Richter beobachtet, bedroht und überhaupt im Respekt gehalten. Und diese über die Gesetze in ihm wachende Gewalt ist nicht etwas, was er sich selbst macht, sondern es ist in seinem Wesen einverleibt.“

Das hat politische Konsequenzen bis in die Gegenwart. So sind Abgeordnete im Deutschen Bundestag in wesentlichen Entscheidungsfragen nur ihrem Gewissen verpflichtet und dürfen nicht durch Fraktionszwang gebunden werden. Überhaupt misst das Grundgesetz dem individuellen Gewissen eine hohe Bedeutung bei. Artikel 4, Absatz 3 sagt deshalb: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“

Für den christlichen Glauben bedeutet es viel, vor ethischen Entscheidungen das eigene Gewissen zu befragen, auf die innere Stimme zu hören. Denn darin kann sich auch die Stimme Gottes vernehmen lassen. Allerdings mahnt der Theologe Markus Buntfuß: „Daraus folgt nicht, dass das Gewissen eine unfehlbare moralische Instanz ist und dass die Berufung auf die Freiheit der persönlichen Gewissensentscheidung unüberprüfbar und letztgültig ist. Geschichte und Erfahrung lehren vielmehr, dass sich das Gewissen auch irren kann.“

Denn das Gewissen ist immer verbunden mit der Lebensgeschichte, dem sozialen Umfeld und dem historischen Kontext von Menschen. Ob ich fähig bin, zu ethischen Entscheidungen zu kommen, das hängt davon ab, ob und wie ich erlernt habe, mein Gewissen zu bilden. Dazu gehört, mir lebenslang klar zu machen, wem oder was ich mich verpflichtet fühle.

Weder Martin Luther noch Immanuel Kant vertreten die willkürliche Gewissensfreiheit. Für beide ist das Gewissen gebunden und verpflichtet. Maßstab kann das Wort Gottes sein und die menschliche Vernunft. Immanuel Kant jedenfalls wollte Religion und Vernunft als Ursprünge für Gewissensbildung nicht gegeneinander ausspielen. Darum legt er jeder Gesellschaft ans Herz: „Eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündigt, wird es auf Dauer gegen sie nicht aushalten‘…. Aber es gilt auch umgekehrt: Eine praktische Vernunft, die der Religion unbedenklich den Krieg ankündigt, wird auf Dauer an Orientierungs- und Motivationskraft einbüßen.“

Es ist gut, wenn Kinder und Jugendliche Religion oder Ethik in der Schule lernen und Erwachsene ein Leben lang mit ihrem Gewissen im Gespräch bleiben. Es ist gut, wenn eine Gesellschaft sich immer wieder vergewissert und auch streitet, was ihre Grundlage ist. Für mich sind das gute Folgen der Worte von Martin Luther in Worms: „Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir. Amen.“ 

Musik:Berthold Goldschmidt, Komödie der Irrungen, (Philharmonisches Staatsorchester Hamburg)

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