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In Sektlaune
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In Sektlaune

Johanna Fröhlich
Ein Beitrag von

Johanna Fröhlich,

Evangelische Pfarrerin, Gießen
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Heute wird gefeiert. Und zwar alles auf einmal. Seit Wochen haben wir alle guten Anlässe gesammelt und aus Vorsicht vor zu vielen Kontakten vor uns hergeschoben. Aber jetzt stoßen wir endlich darauf an.

Endlich wieder unbeschwert zusammen sein können - zumindest draußen

Mit einer Freundin und einem Freund ziehe ich in den Park um die Ecke. Eine gekühlte Flasche Sekt und ein paar Becher im Gepäck. Wir stoßen auf die neue Wohnung an und auf ein gelungenes Geschäft der Freunde. Und dass wir endlich wieder unbeschwert zusammen sein können. Zumindest draußen. Das fühlt sich so schön an, wir tanzen über die Wiese und schweben richtig vor Freude. Und natürlich auch wegen des Schwipses.

"Was wird der wohl von uns denken?"

Da kommt ein älterer Nachbar mit seinem Hund um die Ecke. „Oh nein“, sage ich, „was wird der wohl von uns denken?“ Meine Freundin und ich versuchen uns unauffällig zu verhalten. Unser Freund sieht das anders. Er fängt plötzlich an wild zu winken und ruft zum Nachbarn: „Huhu, hierher.“ Wir versuchen ihn zu stoppen. „Lass das, das wird peinlich.“

"Wollen Sie was mit uns trinken?"

Doch er winkt immer auffälliger und der Nachbar kommt langsam zu uns rüber. Verzieht keine Miene. Unser Freund sagt: „Wollen Sie was mit uns trinken? Wir feiern.“ Der Nachbar zögert. Wir warten gespannt. Dann nickt er bedächtig, nimmt den ausgestreckten Becher und stößt mit uns an.

Am Ende kennen wir uns alle ein bisschen besser

Was für eine Überraschung. Wir Mädels sind baff. Wir hatten den Nachbarn völlig falsch eingeschätzt. Die Einladung unseres Freundes hat alle Knoten im Kopf gesprengt. Aus der Begegnung wird ein wunderbarer Nachmittag. Wir sitzen gemeinsam im Park, trinken und erzählen lange. Über große und kleine Unglücke, über das, was uns im Leben wirklich interessiert und darüber, was wir heute Abend kochen. Am Ende kennen wir uns alle ein bisschen besser.

Auch Jesus ist unbefangen auf Menschen zugegangen

Diese einladende Gastfreundlichkeit unseres Freundes nehme ich mir zu Herzen. Das hatte er so gemacht, wie es auch von Jesus erzählt wird: Er ist ganz unbefangen auf Menschen zugegangen. Auch auf Fremde. Nicht geleitet durch Vorurteile. Ohne Schere im Kopf. Ich möchte nicht gleich denken, der andere hat kein Interesse. Ich will wenigstens ab und zu Menschen tiefer begegnen, die ich sonst vorbeigehen lasse. Menschen, die mir fremd sind, näher kennen lernen.

Was mir bleibt: In einer Zeit, in der alle auf Abstand bleiben, sind wir uns an diesem Nachmittag nähergekommen. Dank des mutigen Freundes und seines offenen Herzens.  

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