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In mir zu Hause
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In mir zu Hause

Carmen Jelinek
Ein Beitrag von

Carmen Jelinek,

Evangelische Dekanin, Kirchenkreis Kaufungen
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„In my Room“ heißt ein Film über den Kameramann Armin. Er ist Anfang vierzig und wohnt seit Jahrzehnten in derselben kleinen Wohnung in Berlin. Er lebt allein und den Job als Nachrichten-Kameramann könnte er professioneller machen. Sonst würde er professioneller vorgehen. Als ein Fernsehteam O-Töne von Politikern sammelt, verwechselt er den Ein- und Ausschaltknopf der Kamera. So wird alles Mögliche wie  Fußboden und Hosenbeine gezeigt. Es ist zu sehen, wie sich Politiker zurecht machen. Das, worauf es ankommt, ist nicht aufgenommen.
Armin verliert seinen Job. Er besucht seinen geschiedenen Vater und dessen neue Lebensgefährtin, die zu Hause die Oma pflegen. Eine kleinbürgerliche Wirklichkeit, mit ihrer Wärme, ihren Werten, aber auch mit ihrer Langweiligkeit.
Die Oma stirbt. Sie war der einzige Mensch, zu dem er wirklich eine Beziehung hatte, Armin betrinkt sich – und wacht am nächsten Morgen in einer menschenleeren Welt auf.
Motorräder liegen verlassen auf der Straße. Die Tankstelle, in der sich Armin Zigaretten kaufen will, ist unbesetzt. Es ist, als wären alle Menschen weggebeamt worden.
Armin erhält durch diese Katastrophe eine Chance, frei von Zwängen noch einmal von vorn anzufangen.
Wohin gehst du, wenn du gehen kannst, wohin du willst? Willst du ohne Mitmenschen überhaupt weiterleben? So fragt er sich. Es gibt einen radikalen Wendepunkt im Film: Armin verwandelt sich: vom ziellos dahintreibenden Großstadtmenschen zum drahtigen Naturmann. Wie in einem Bilderbuch erlebt man die verspätete Menschwerdung eines Mannes. Die Krise setzt in ihm viel Kreativität frei.
Sein Paradies findet er in der ländlichen Gegend, wo er ursprünglich herstammt. Er lässt sich nieder, baut ein Haus, er hält Tiere, beackert ein Feld. Er richtet sich in der entvölkerten Welt gut ein.

Es sind meistens Krisen, die einem Menschen Grenzen aufzeigen. Hier geht es nicht weiter. Die äußeren Bedingungen funktionieren nicht mehr. Und man könnte meinen, es gibt keinen anderen Weg. Aber den gibt es.
Es gibt immer einen Weg. Und es ist mehr als ein Weg. Es geht darum, in mir zu Hause zu sein. Nicht mehr nur funktionieren in einer Welt, in die ich hineingeraten bin. Sondern hören, was in mir klingt. Was ist stimmig für mich? Was hat Gott mit mir vor?
Da öffnen sich plötzlich Türen, wo ich keine gesehen habe.

Ich habe in meiner Jugend, zwar nicht von einen Tag auf den anderen,  mein Zuhause und alles Materielle verloren -  auch Menschen – So wie der Kameramann Armin im Film.
Wie soll es nun weitergehen, war meine große Frage, auf die es erst einmal keine Antwort gab. Aber gerade in dieser Situation  war der Neuanfang wie ein Quantensprung für meine Entwicklung. Ja, es war das Ende eines Weges, aber auch der Anfang von ganz anderen Möglichkeiten. Heute bin ich überzeugt davon,  dass mich Gott geführt hat.  Seitdem habe ich weniger Angst, loszulassen und neue Wege zu entdecken.

 

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