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Ein Zimmer mit nichts
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Ein Zimmer mit nichts

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Mal angenommen, sagt Sascha, die Seele wäre wie eine Wohnung mit Zimmern. Dann müsste, sagt Sascha, ein Zimmer sein - mit nichts. Ein kleines Zimmer, weiß gestrichen, ein Fenster. Wenn die Seele wie eine Wohnung wäre, soll da ein freier Platz sein für alles und nichts. Ein Ort fürs Andere, Ungewohnte. Da setze ich mich hin, sagt Sascha, auf den Boden, und nichts ist wie immer. Ich komme auf andere Gedanken, sehe alles in einem anderen Licht. Und überlege, was war und wie es weiter geht. Stelle mir Fragen nach Glück und Unglück. Schaue auf mich wie auf einen Fremden. Das müsste sein, sagt Sascha. Ich darf nicht immer derselbe sein. Es muss ein Plätzchen in meiner Seele geben, ein Zimmerchen, wo ich mir unvertraut bin. Ein Raum für meine Fragen. An mich und Gott. 
So war er nicht immer, der Sascha. Als ich ihn kennenlernte, war er in einer Bank. Immer wie aus dem Ei gepellt. Und wie er duftete. Nach ziemlich teuer. Kundenberater heißt der Beruf. Viel wissen vom Geld und viel reden mit Kunden. Viel überzeugen, wenn möglich. Manchmal auch überreden. Das ging lange gut und brachte viel Geld auf sein Konto. Bonus heißt das. Bis es vorbei war. Und die Krise kam. Mit ihr kam auch ein alter Herr, dem er etwas verkauft hatte. Eine Art Windei. Der alte Herr hatte plötzlich kein Geld mehr. Und Sascha schämte sich. Erst hat er sich verteidigt, der alte Herr sei selbst schuld. Aber je länger er sich das einredete, desto weniger glaubte er es. Nein, sagt Sascha heute, das war mir eine Lehre. Ich will niemand mehr über den Tisch ziehen, wie er das nennt. Ich muss nicht der bleiben, der ich war.
Das ist Jahre her. Und Sascha ist anders. Hat noch den gleichen Beruf, aber weniger Geld. Dafür ein besseres Gewissen. So könnte er heißen, sagt Sascha, mein freier Platz in der Seele: Gewissenszimmerchen. Dann lacht er. Und spielt mit dem Bleistift. Gewissenszimmerchen. Wo ich nicht der bleibe, der ich bin. Wo mich niemand sieht, mein Gesicht nicht oder mein Grübeln. Wo ich mir Fragen stelle. Will ich so bleiben? Wem tue ich weh? Die Fragen gibt es, sagt Sascha. Wenn ich dann im Gewissenszimmerchen sitze und mich viel frage, kriege ich manchmal eine Antwort.
Eine leise. Woher auch immer. Vermutlich von Gott.

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