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Das Staunen des Siegfried Lenz
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Das Staunen des Siegfried Lenz

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Er ist betrübt. Am Ende des Krieges geht der Schriftsteller Siegfried Lenz (1926 – 2014) durch den Hamburger Hafen und ist betrübt. Diese Zerstörung, die Wracks. Überall müssen Taucher Schiffe bergen, damit die Fahrrinne wieder frei wird. Zehn Jahre später ist Lenz wieder im Hafen und staunt. Alles ist aufgeräumt. Schiffe fahren. Man sieht kaum noch Zerstörung. Es wirkt wie ein Wunder. Der Schriftsteller Siegfried Lenz erzählt davon im Hessischen Rundfunk, der Sendung „Abendstudio“, die damals spätabends im Programm war und die heute siebzig Jahre alt wird. Lenz erzählt vom Hafen, von der Zerstörung, dem Wunder der Heilung. Und von den vielen „Stunden der Taucher“, die er beobachtet hat. Lenz kann gar nicht mehr aufhören zu staunen. Über die Teufeleien der Menschen, alles zerstören zu können – und die Begabung der Menschen zur Heilung.
Menschen sind staunenswert, bestimmt. Jeder einzelne. Lenz tut es sein Leben lang und schreibt Geschichten. Andere erzählen davon in Rundfunk und Fernsehen. Nicht immer zur besten Sendezeit. Oft versteckt am Rande des Programms. Früher war mehr Kultur, heute meist Unterhaltung. Der Mensch aber ändert sich nicht, dem Wesen nach. Er kann immer noch zerstören oder heilen, manchmal kurz nacheinander. Der Mensch, jeder Mensch bleibt staunenswert. Und steht jeden Tag vor der Frage, wo er hingehören will. Zerstören oder heilen? Will er retten oder vernichten? Lieben oder verachten?
Es ist nicht sauber sortiert, das Leben. Selten ist es das. Mein Handeln ist oft nicht übersichtlich. Manchmal will ich das Beste und richte Übles an. Oder ich setze Grenzen und überschreite sie selber. Mein Leben und Handeln sind oft nicht sauber zu sortieren. Ich brauche Hilfe. Soll ich die Regel einhalten oder überschreiten. Ist die Regel hilfreich oder ein Hindernis? Es gibt nur eine Hilfe. Die heißt: Was sagt mir mein Gewissen? Liebe ich andere wie mich selbst? Oder liebe ich eher mich? Was sagt mein Gewissen? Menschen mit Gewissen sind staunenswert. Weil sie viel nachdenken, bevor sie reden und handeln Und weil sie einen Fehler nicht fürchten. Dann staune ich, wenn sie um Verzeihung bitten; sogar sagen können: Herr, erbarme dich.

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