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Biometrisches Passbild
Bildquelle Pixabay

Biometrisches Passbild

Dr. Joachim Schmidt
Ein Beitrag von

Dr. Joachim Schmidt,

Evangelischer Pfarrer, Darmstadt

Mund bitte zu, Augen auf! Ich brauche ein Passbild und lese mir die Anleitung durch, wie das aussehen soll. Bloß nicht lachen, möglichst neutral genau geradeaus schauen, Kopf mittig, mindestens ein Ohr bitte sichtbar. 45 Millimeter hoch und 35 Millimeter breit wird am Ende das offizielle Bild sein, scharf, kontrastreich und gleichmäßig ausgeleuchtet, Hintergrund einfarbig, egal, ob es ein Profi oder man selbst zuhause macht. Ein biometrisches Passbild. Seit 2010 für Personaldokumente vorgeschrieben.

„Auf Gewitterflügen werden die Menschen ihren Passbildern immer ähnlicher“, hat einst Robert Lembke gespottet. Dabei kannte er die biometrisch starren Wachsfiguren-Gesichter auf unseren heutigen Pässen und Personalausweisen noch gar nicht. Ich kenne kaum jemanden, der sein solcherart abgelichtetes Konterfei nicht schrecklich findet. Aber die Bilder sollen maschinenlesbar sein, bei der Passkontrolle und wo sonst man seinen Ausweis zücken muss. Ruckzuck ist man und frau identifiziert.

Maschinen brauchen Standards und haben Null Sinn für Persönlichkeit. Man könnte ihnen den ja vielleicht einprogrammieren, aber du lieber Himmel: Was für ein Aufwand, wenn da jeder mit einem eigenen, wirklichen Gesicht käme! Hallo, sagt der uns alle behütende und erfassende Staat, wir brauchen doch nur die entscheidenden Kopf-Merkmale! Dann haben wir Sie erfasst! Aha. Frisur, Stirn samt Falten, Augenstellung, Nase, Mund, Kinnpartie, die Wangen, naja. Sie könnten zugenommen haben, aber die Maschine macht das schon.

Das mag ja alles so sein und seinen arbeitserleichternd-sicherheitstechnischen Sinn bei Grenzübertritten haben. Aber erfasst, wirklich erfasst? Ein uraltes, aber vertrauensvolles Erfassungs-Protokoll des Glaubens ist in Form eines Gebets im Psalm 139 überliefert: „HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“

Die grausigen biometrischen Passbilder von Ihnen und mir sind vielleicht technisch notwendig, um uns vor Bedrohungen zu schützen und uns nicht endlos bei der Passkontrolle warten zu lassen. Ein Bild unserer selbst sind sie, weiß Gott, nicht. Mich erleichtert das sehr. Seitdem es diese Bilder gibt, schneide ich persönlich auf privaten Fotos besonders gerne Grimassen. Sie und ich, wir sind doch keine Masken, die nur maschinenlesbaren Standards genügen müssen!

„HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Dieses alte Psalmwort, entstanden aus uralter Glaubenserfahrung, tröstet mich immer wieder, wenn ich mein entsetzliches Passfoto mit dem starren Blick und den Segelohren anschaue. Nichts wissen sie, gar nichts, die dieses Foto verlangen. Aber Du, mein Gott, kennst mich und verstehst meine Gedanken von ferne. Mein Aussehen ist Dir so was von egal. Das ist gut.

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