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Alte Bomben und neues Leben
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Alte Bomben und neues Leben

Vera Langner
Ein Beitrag von

Vera Langner,

Evangelische Pfarrerin, Ober-Ramstadt

„Gewaltige Bombe bedroht Frankfurt“, so lautete die Schlagzeile in meiner Tageszeitung am 31. August 2017. Das Bild darunter zeigte eine tiefe Baugrube; in der waren ein blaues Zelt zu sehen und ein Polizist, der die Baustelle bewachte. Mehr als 60.000 Menschen waren von der Räumung betroffen. Der Kampfmittelräumdienst, die zuständigen Behörden, Polizei, Feuerwehr und andere Hilfsorganisationen waren beteiligt am folgenden Septembersonntag. Mitten in Frankfurt wurde eine Bombe aus dem Zweiten  Weltkrieg entschärft.

So was kommt immer mal wieder vor. Aber in dieser Größenordnung übertraf es alle anderen Bombenentschärfungen. 72 Jahre nach Kriegsende müssen wir immer wieder und immer noch mit großem Aufwand die Folgen des Krieges entschärfen. Immer noch sind Leib und Leben von Menschen bedroht durch Reste, die unter der Erde schlummern.

Heute am Volkstrauertag möchte ich das aufgreifen. Denn ich glaube, dieser Tag lädt ein, in die Tiefe zu schauen. In die Tiefe der Baustellen, wo unerwartet alte Bomben gefunden werden, gefährliche Reste des Krieges! Wie gut, dass es Fachleute gibt, die zur Entschärfung beitragen können. Aber wir dürfen an diesem Volkstrauertag 2017 auch in die Tiefe schauen in Lebensschichten von Menschen. Denn auch da stoßen wir manchmal unerwartet auf bedrohliche Reste. Auch da sind manchmal Fachleute gefragt, die uns helfen, diese Reste zu entschärfen.

Zum ersten Mal klingelte ich an seiner Tür. Eine Urkunde zum 80. Geburtstag hatte ich in der Hand, eine Segenskarte der Kirchengemeinde und ein kleines Geschenk mit frischen Blumen aus meinem Garten. Ich kannte Herbert K.nicht, den ich besuchen wollte. Aber er schien zu wissen, wer ich bin. „Sie brauchen hier gar nicht erst reinzukommen!“, schnauzte er mich an, als er mir die Tür öffnete. „Mit Gott brauchen Sie mir erst gar nicht zu kommen. Der hat´s verschissen bei mir!“ Mit solchen und anderen Formulierungen explodierte er förmlich vor mir, voller Wut und ich wusste nicht warum. Ich blieb vor der Schwelle stehen, wartete, bis sich das donnernde Grollen bei meinem Gegenüber etwas gelegt hatte und suchte nach Worten, die diese unheilvolle Begegnung entschärfen könnten.

„Sie haben Schlimmes erlebt“, vermute ich. Er stutzte. „Das kann man wohl sagen!“, raunte er und wollte mir die Tür vor der Nase zuschlagen. Da meldete sich im Hintergrund eine sanfte Frauenstimme: „Ach Herbert, lass doch die Frau Pfarrer wenigstens kurz rein kommen“, und er öffnete die Tür – wiederwillig – mit den Worten: „Na dann kommen Sie halt rein, wenn Sie sich trauen!“ Nach einer Stunde saßen wir immer noch im kleinen dunklen Wohnzimmer auf der altmodischen Couch. Vor uns auf dem Tisch lagen inzwischen Fotos von einem kleinen lachenden Kind. Sein Enkel. Er war mit vier Jahren an Krebs gestorben. „Ich hab so gebetet damals, aber er ist trotzdem gestorben“, sagte Herbert K. vorwurfsvoll, und seine Stimme war tränendurchtränkt. Seit zwölf Jahren war dieses Kind tot, aber der Großvater betrauerte es wie am ersten Tag mit Tränen, die wohl keiner sehen sollte.

Nach diesem ersten Zusammentreffen sind wir uns immer mal wieder begegnet auf der Straße oder auf dem Friedhof. Seine polternde Sprache prägte unser Zusammentreffen nach wie vor. Irgendwann erwähnte er ganz nebenbei, dass sie ja damals als Konfirmanden nach Darmstadt geschickt wurden zwei Tage nach der Brandnacht im September 1944, und dass sie die Keller ausräumen mussten. Mir war nicht sofort klar, was das bedeutete. Mein fragender Blick gab ihm Zeit, mehr davon zu erzählen. Es waren die verkohlten Leichen, die sie aus den Kellern holen sollten, Frauen, Kinder, alte Menschen, zur Unkenntlichkeit verkohlt, verstümmelt zum Teil und zusammengeschrumpft. „Das muss ja schrecklich gewesen sein“, stammelte ich nur und konnte eigentlich nicht fassen, was ich da hörte. Sie hatten 13 und 14-jährige Jungs in das Inferno einer ausgebrannten Stadt geschickt mit einem Auftrag, der alle überfordern musste.

Aber diese Jungs hatten als Hitlerpimpfe und Hitlerjungen Gehorsam geschworen und den Auftrag ausgeführt. Sie hatten die Brandleichen entsorgt und waren als seelisch verwundete Menschen zurückgekehrt.
Sie durften nicht weinen und niemand hat sie getröstet. Es gab keine Worte und keinen Raum für die Trauer, die Ohnmacht und die Wut, die sie überschüttet hatte als Jungs im Konfirmandenalter. Oder doch?Mir fiel die erste Begrüßung wieder ein. Da hatte ich sie ja gespürt, die Wut und die Ohnmacht und die Trauer. Ich hatte sie über mich ergehen lassen, obwohl ich eigentlich gar nichts damit zu tun hatte. Aber vielleicht war es wichtig, das zu spüren, auszuhalten, stellvertretend für ihn, der dann auch noch seinen kleinen Enkel zu Grabe tragen musste.

Vor 20 Jahren dachte ich, wir könnten den Volkstrauertag langsam mal abschaffen mehr als 50 Jahre nach Kriegsende. Die Zeitzeugen und Redner wurden immer älter, die Rituale schienen mir allmählich sinnentleert. Aber dann habe ich als Gemeindepfarrerin bei Trauergesprächen erlebt, dass in vielen Familien die Geschichten des Krieges ja noch eine Rolle spielen und nachwirken bis heute. Wenn ich frage, sind da unterschiedliche Antworten: „Über den Krieg hat der Vater nie gern geredet. Das war kein Thema“, erzählen die einen. Die anderen sagen: „Ewig hat er diese alten Geschichten erzählt von damals im Krieg. Wir konnten es nicht mehr hören!“ Frauen berichteten, dass es schwer war nach dem Krieg mit dem Mann weiterzuleben, der so anders geworden war. Und Kinder erzählten, dass sie erst mit fünf Jahren nach dem Krieg diesen fremden Mann zum ersten Mal gesehen hatten, der ihr Vater sein sollte. Und dass er ein schwieriger Mensch gewesen sei.

Und Herbert K. lebte nun mit über 80 Jahren im Streit und Unfrieden mit vielen Menschen, war einsam geworden, weil niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte, dem alten Griesgram. Selbst dran schuld? Oder Schuld der anderen? Oder gehört beides immer zusammen? Nicht auf alle Fragen finden wir zu Lebzeiten eine eindeutige Antwort. Aber wichtig ist es, sich diesen Fragen zu stellen.

Manche Menschen erleben dankbar, wie gut es ist, über diese alten Geschichten noch einmal ganz in Ruhe reden zu können mit einer Person, die von außen in die Familie kommt. Da darf auch das benannt werden, was lange verschwiegen wurde. Es gibt Lebensgeschichten, die Sprengkraft in sich tragen. Manchmal stoßen wir auf vergrabene Schuld und Scham. Manchmal können wir diese Sprengkraft entschärfen. Es ist für viele eine neue Erfahrung: Sich beim Erzählen noch einmal der Angst und der Schuld von damals bewusst zu werden und nicht verurteilt zu sein. Als Seelsorgerin brauche ich oft nur aufmerksam hinhören, wenn die alten Fotos rausgeholt werden und Stück für Stück Lebensgeschichten wieder auftauchen und Gefühle, die damit verbunden sind. Manchmal entwickelt sich fast so etwas wie ein Beichtgespräch. Dann suchen wir in unserem Glauben nach Worten, die uns den Weg zeigen, zu vergeben und versöhnt leben zu können.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das ist eine doppelte Bitte aus dem Vater Unser, die uns alle betrifft. Denn wir werden schuldig aneinander, bewusst oder auch unabsichtlich. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Das bringt diejenigen zusammen, die sich getrennt, zerstritten, gehasst haben. Jesus hat diese Bitte seinen Freunden überlassen. Sie steckt in diesem alten Gebet. Jesus wendet sich so vertrauensvoll an Gott. An Gott, den er wie einen liebevollen Vater anspricht: Vater Unser im Himmel. Damit kommt der Himmel ins Spiel bei all den unheilvollen Beziehungen, die Menschen zu Tätern und Opfern werden lässt.

Egal, was passiert ist, wir können darüber reden mit Gott. Uns dieser Kraft der Liebe anvertrauen und hoffnungsvolle Sätze nachsprechen. Die eigene Schuld ist dabei auch im Blick. Wie wunderbar ist der Gedanke, dass diese Schuld nicht als ewige Last getragen werden muss, sondern vergeben werden kann. Wer in dieser Weise erlöst, froh und dankbar neu anfangen darf, hat schon etwas erlebt von dieser heilsamen Übung im Gebet: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Vergebung annehmen zu können ist ein Geschenk. Anderen vergeben zu können ist eine geistliche Übung. Es geht nicht auf Knopfdruck. Aber es kann gelingen, wenn wir uns selbst und den anderen die notwendige Zeit geben. Tiefe Wunden heilen nicht von einem Tag auf den anderen. Und manchmal ist Vergeben über den Tod hinaus wichtig.

Wenn wir beim Abschied eines Menschen mit diesen Gedanken in die Tiefe gehen, spüren wir oft, wie sich Frieden und Ruhe ausbreitet. Es tut gut, die Last des Lebens abgeben zu können. Damit behält die Schuld ihre Bedeutung. Sie wird nicht schöngeredet oder unter den Teppich gekehrt. Aber sie bleibt auch nicht als drückende Last lebensbehindernd zurück. Dass Menschen Schuld erkennen, benennen und loslassen, das ist für mich ein Geschenk des Himmels. Heute bin ich froh, dass wir den Volkstrauertag immer noch als gemeinsamen und öffentlichen Gedenktag begehen können. Er hält das Gewissen wach für alle Schuld und alles Elend, das durch Krieg, Terror und Vertreibung in unserem Land auch heute noch und wieder neu spürbar ist. Es ist ein deutscher Gedenktag, der uns in der Trauer verbindet mit so vielen Menschen in Europa und der ganzen Welt. Denn die Toten werden überall betrauert, wo Menschen einander lieben. Diese Trauer kann verbinden und neue Ideen fürs Leben freisetzen.

Drei Frauen sind mir begegnet, die mir dazu Mut machen mit ihren Erfahrungen und ihrer Lebensfreude. Jedes Jahr treffen sie sich wieder am Volkstrauertag, die drei älteren Damen, Martha, Berta und Gisela. Sie gehen gemeinsam in den Gottesdienst und dann zur Gedenkstätte für die Opfer des Krieges. Da sind auf einer großen Wand die Namen der Menschen aufgeschrieben, die als Soldaten gestorben sind. Die drei Frauen kennen einige dieser Namen. Brüder sind dabei, ein Vater, ein Onkel. Es kommen die Erinnerungen hoch, sie werden sich bewusst, dass sie um Menschen getrauert haben von Kindesbeinen an. Aber sie sind darüber nicht verbittert. Sie haben sich gegenseitig getröstet damals, beigestanden in schwierigen Zeiten.

Am Volkstrauertag treffen sie sich jedes Jahr wieder in der Kirche. Anschließend gehen sie miteinander Essen und erzählen sich die neuesten Geschichten aus ihrem Leben. Auch mit mir als Pfarrerin haben sie gesprochen nach dem Gottesdienst. Im letzten Jahr hörte ich, dass die eine, Martha heißt sie, aktiv in der Flüchtlingshilfe ist. Sie hilft Kindern aus Afghanistan und Syrien bei den Hausaufgaben, sie backt Kuchen für Begegnungsfeste und freut sich, wie sie sich ausdrückt, dass die Augen der Flüchtlingskinder heller geworden sind. Sie weiß, wie es war als Kind auf der Flucht. Heute hört sie von Granateinschlägen in Damaskus, Flüchtlingstrecks auf der Balkanroute und Angst in den Zwischenlagern.

Und dann erzählt auch sie manchmal ihre Geschichte, dass sie damals über die zugefrorene Ostsee geflohen sind in ständiger Angst vor Tieffliegern. Die Kinder von heute und die Kinder von damals begegnen sich in ihren Fluchtgeschichten und kommen sich dabei ganz nah. Martha macht diese Arbeit gerne, sagt sie. Und sie freut über den neuen Begriff der „Willkommenskultur“, denn den gab es damals nach dem Krieg noch nicht in Deutschland. Flüchtlingskinder seien in ihrer Kindheit manchmal als „Kartoffelkäfer“ beschimpft worden, weil sie als Plage empfunden wurden. Martha will dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

Berta dagegen erzählte mir von Projekten im Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge. Da ist sie schon seit über 50 Jahren Mitglied und begeistert, was die alles anbieten, vor allem die Jugendbegegnungen. „Junge Leute aus verschiedenen Ländern pflegen zusammen die alten Kriegsgräber“, erzählte sie mir. „Außerdem überlegen die auch, was heute getan werden kann, damit Hass und Gewalt nicht wieder die Oberhand gewinnen. Das ist doch wichtig, dass die jungen Leute sowas machen. Wir Alten sind doch bald nicht mehr da. Dann weiß ja niemand mehr, wie schrecklich das war mit dem Krieg.“

Martha, Berta und Gisela machen mir Mut. Sie zeigen mir, wie das Leben trotz traumatischer Erfahrungen gelingen kann; wie man gemeinsam, froh und aktiv alt werden kann, auch und gerade, wenn es schwere Erinnerungen gibt. Sie haben gemeinsam in die Tiefe geschaut, auch in Abgründe des Lebens. Aber den Himmel haben sie dabei nicht aus dem Blick verloren. Es kommt mir vor, als hätten sie so die bedrohlichen Reste des Krieges entschärft. Ihr Lebenshaus steht wohl auf gutem Grund. Lichtdurchflutet und offen scheinen mir die Räume ihres Herzens zu sein.

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