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Das Evangelium im Hauptbahnhof
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Das Evangelium im Hauptbahnhof

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf

Am 18.8.1888, also heute vor 130 Jahren, wurde der Frankfurter Hauptbahnhof eingeweiht, übrigens mit 18 Gleisen. Die Frankfurter waren mächtig stolz auf diesen prunkvollen Bau außerhalb der Stadt auf der grünen Wiese – auf den Zentralbahnhof, wie man ihn damals nannte. Eine Kathedrale der Technik, so sagten die verantwortlichen Ingenieure und Architekten damals.

Aber viele Menschen unkten auch: „Ach, in 10 Jahren weiden da wieder die Schafe!“ Keiner konnte sich vorstellen, dass ein so großer Bahnhof irgendwann wirklich gebraucht würde. Aber es kam anders: Heute kommen etwa 400 000 Menschen dort täglich durch, auf 25 Gleisen fahren die Bahnen ab, von den vielen U-, S- und Straßenbahnen gar nicht zu reden.

Ich bin auch oft dort, und wenn ich nicht gerade sehr hetzen muss, um den Zug oder die S-Bahn noch zu erwischen, dann mag ich das geschäftige Treiben am Bahnhof gerne.

Viele Lebensgeschichten spielen sich hier ab.

So wird zum Beispiel erzählt, dass die ersten ausländischen Gastarbeiter in den 60er Jahren dort ankamen - und auch, dass sie sich dann voller Heimweh und Sehnsucht am Wochenende immer am Bahnhof trafen, wo die Züge abfuhren in Richtung Süden.

Und vor nicht langer Zeit, manche erinnern sich bestimmt, da gab es am Gleis 23 ein Aufnahmezelt, in dem Flüchtlinge einen Moment der Ruhe, aber auch Beratung oder etwas zum Essen finden konnten.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahnhofsmission auf Gleis 1 können jede Menge Geschichten erzählen von Menschen, die Hilfe brauchen oder am Frankfurter Bahnhof gestrandet sind.

Und dann die vielen Gefühle am Gleis! Banges Warten und Hoffen, Vorfreude, Glück und manchmal auch Enttäuschung, dramatische Abschiede - das kennen vor allem all die, die schon einmal eine Fernbeziehung geführt haben.

Und auch im Zug ergeben sich immer wieder interessante Begegnungen – wieviele große Freundschaften, ja sogar Liebesgeschichten haben da begonnen?

Der Bahnhof ist also nicht nur einfach ein Verkehrsknotenpunkt, wie es so schön heißt, sondern ein Ort voller Geschichten und voller Leben. Immer wieder und regelmäßig an Weihnachten finden hier auch Gottesdienste statt, mitten im Bahnhof.

Und ich finde, das passt gut.

Schließlich sind die Menschen in der Bibel auch oft in Bewegung und unterwegs. Das Volk Israel im Alten Testament zum Beispiel macht sich auf den langen Weg durch die Wüste Und auch Jesus ist meistens unterwegs, zu Fuß, auf dem Boot, mit dem Esel - Und auf all diesen Wegen begegnet er Menschen, unterhält sich, heilt Kranke, vermittelt etwas von Gottes Liebe.

Mit etwas Fantasie kann ich mir vorstellen: Jesus würde heutzutage bestimmt auch öfters die Bahn nehmen. Ich male mir aus, wie er seinen Freundinnen und Freunden beim Abschied am Gleis noch einiges Wichtige sagt und dann wohl auch unterwegs, im Zug so manche bedeutende Begegnung hat.

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