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Mal andersrum sehen
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Mal andersrum sehen

Monika Dittmann
Ein Beitrag von

Monika Dittmann,

Katholische Seelsorgerin im Altenheim, Flörsheim am Main

Seit vielen Jahren fahre ich morgens und abends die gleiche Strecke zu meinem Arbeitsplatz. Ich kann die Strecke vor meinem inneren Auge fast malen – wenn ich malen könnte. Ich kenne die alten Fassaden, die krummen Wände der alten Häuser und finde dabei so manches Häuschen hässlich. Vor einiger Zeit nun habe ich meine Strecke verändern müssen. Die beiden Einbahnstraßen, die heimwärts in die eine, morgens in aller Frühe in die andere Richtung führen, wurden umgepolt. Schon wieder Baustellen, dachte ich.

Und dann habe ich Staunen gelernt: Ich kannte die beiden Straßen nur aus einer Perspektive. Am Anfang hab ich mich sogar gefragt, ob ich nicht irgendwie falsch bin, weil ich die Häuser gar nicht erkannte. Allmählich habe ich ganz andere Hausansichten entdeckt Wo ich nur die hässlich verputzte Front kannte, hat mich nun eine wunderbare Fachwerkwand von der fremden Seite aus gegrüßt. Eine Häuserfront mit wenigen kleinen Fenstern zeigte mir von der Westseite nun – bislang verborgen – eine große Panoramascheibe mit vielen Blumen. “So habe ich das noch nicht gesehen“, habe ich gedacht. Die Welt ist immer nur ein Ausschnitt, es gibt immer noch mehr zu entdecken. Zuerst habe ich mich über die Baustellensituation geärgert – jetzt fand ich es ganz amüsant, Neues zu entdecken. Manchmal sogar einen Blick in einen Hof mit vielen Pflanzen zu erhaschen.

Mir ist aber auch klar geworden: Das gilt nicht nur für Häuserfassaden! Auch mein Blick auf Menschen könnte durchaus manchmal eine andere Perspektive bekommen: Mit einem andere Blick wird aus dem fremden Nachbarn ein Nächster, aus dem Quälgeist von nebenan ein Kind Gottes und aus dem stummen alten Mann im Obergeschoss ein Mensch, der viel zu erzählen hat, wenn ich ihn wirklich in den Blick nehme, ihn anspreche. Wer mit dem Herzen sieht, sieht nicht nur die Fassade. Er entdeckt auch Menschen mit ihrer tieferen Wahrheit.

Auf einem Kalenderblatt habe ich einmal gelesen: „Wenn du Neues entdeckst und darüber staunst, so ist das auch ein Gebet“. So gesehen, sind meine kleinen Überraschungen auf den Umleitungswegen auch eine Anleitung zum Gespräch mit Gott. Jeden Tag wieder neu.

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