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Wünsche

Wünsche

Christoph Wildfang
Ein Beitrag von

Christoph Wildfang,

Evangelischer Pfarrer, Arnoldshain

Viele Menschen leben so, als ob sie ein Zweitleben in Reserve hätten. So kommt es mir zumindest vor. Sie verschieben alles Mögliche, was sie eigentlich machen möchten, auf irgendwann später. Oft erlebe ich das bei Trauergesprächen, wenn die Angehörigen erzählen, wie der Verstorbene gewesen ist. Er hätte fast dieses und jenes gemacht, aber … Es geht um Reisen. Um Länder, die er fast besucht hätte. Um ein neues Hobby, vielleicht Golf, was er beinahe begonnen hätte. Beinahe hätte er sich auch mit seinem Nachbarn Heinz wieder versöhnt.

Manche Menschen verschieben ihre Wünsche und Möglichkeiten immer weiter nach hinten: ja, wenn das Haus frei von Hypotheken ist, wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn ich pensioniert bin. Es scheint so, als ob Menschen von irgendwoher ein zweites Reserveleben herausholen könnten, wenn das erste vorbei ist. Manchmal stimmen mich solche Erzählungen traurig. Hätte er doch mal, denke ich in solchen Gesprächen. Lauter nicht genutzte Chancen. Grad bei den mitmenschlichen Kontakten ist es bitter.

Wenn es nicht gelungen ist, sich vorm Tod zu versöhnen. Wenn der erste Anruf nie gemacht worden ist oder der erste versöhnliche Brief nie geschrieben worden ist. Auch viele Rosen auf einem Grab können das dann nicht mehr retten. Auch der größte Kranz nicht. Weil das Leben endlich ist, ist es kostbar. Zeit ist kostbar. Manchmal ist es irgendwann zu spät zu einer beschwerlichen Reise – ob in ein anderes fernes Land oder zu meinem fernen Nächsten. Ich habe mir vorgenommen, dass ich – so gut es geht – mein momentanes Leben auch nach meinen Wünschen und Tagträumen gestalte. Heute ist der wichtige Tag. Ich will meine Möglichkeiten ausschöpfen.

Jeder Tag hat seine eigene Plage. Der morgige wird vielleicht andere Aufgaben bringen und den gestrigen Tag kann ich nicht noch einmal gestalten. Wichtiger als manche große Reise oder der Start in ein neues tolles Hobby ist bestimmt der Weg zum Mitmenschen. Ihn erhalten und pflegen, wo es ihn gibt. Ihn wieder aufnehmen, wo der Weg nicht weiter gegangen worden ist. Egal, wer Schuld hatte. Heute fange ich wieder an. Weil ich kein Zweitleben in Reserve habe.

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