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Tracy Chapman: Talking about a revolution
Bild: Gerd Altmann/Pixabay

Tracy Chapman: Talking about a revolution

Pia Baumann
Ein Beitrag von

Pia Baumann,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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Eine junge Frau betritt die Bühne im Wembley Stadion in London. Dort findet gerade das Konzertereignis des Jahres 1988 statt. Anlass ist der 70. Geburtstag des südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela. Berühmte Musikerinnen und Musiker aus aller Welt fordern, dass er aus dem Gefängnis freigelassen wird. Sie sind Teil der weltweiten Anti-Apartheit-Bewegung und wollen auf das schreiende Unrecht in Südafrika aufmerksam machen. Unter ihnen Joe Cocker, Whitney Houston und Phil Collins.

Tracy Chapman als Pausenfüller

Eigentlich sollte als nächstes Steve Wonder auftreten. Doch es gibt technische Probleme. Ein Pausenfüller wird gesucht und gefunden. Es ist Tracy Chapman, die bis dahin noch recht unbekannt ist. Sie tritt an den Bühnenrand. Hält einen Moment inne. Atmet durch. Dann nimmt sie ihre Gitarre zur Hand und beginnt zu singen.

Don't you know
They're talking about a revolution?
It sounds like a whisper
Don't you know
Talking about a revolution?
It sounds like a whisper

While they're standing in the welfare lines
Crying at the doorsteps of those armies of salvation
Wasting time in the unemployment lines
Sittin' around waiting for a promotion

Don't you know
Talking about a revolution?
It sounds like a whisper

Hörst du es denn nicht,
dass sie von Revolution reden?
Es klingt wie ein Flüstern
Während sie Schlange stehen bei der Fürsorge,
Vor den Türschwellen der Heilsarmeen klagen
Ihre Zeit in der Arbeitslosigkeit totschlagen
Herumsitzen und auf den Aufstieg warten.

Hörst du es denn nicht,
dass sie von Revolution reden?
Es klingt wie ein Flüstern

Tracy Chapmans Leben

Tracy Chapman ist an diesem denkwürdigen Tag gerade einmal 24 Jahre alt. Aber sie weiß, worüber sie singt. Chapman stammt aus sehr einfachen Verhältnissen. Aus einem Armenviertel in Cleveland. Der Vater ist alkoholkrank. Die Mutter alleinerziehend. Geld war in der Familie Chapman immer knapp. Es reichte gerade mal für die Miete und für Essen im Kühlschrank. Chapman ist eine gute Schülerin. Sie bekommt ein Stipendium. Das ist ihr Weg aus dem Ghetto. Sie geht an die Uni. Nebenbei macht sie Musik. Schreibt ihre Songs selbst. Tritt in kleinen Bars und Cafés auf. Zum Spaß, als Hobby. In ihren Liedern singt sie immer wieder über das, was sie gesehen und erlebt hat. Sie singt über den Alltag in den Elendsviertel Amerikas. Von Menschen die auf der Schattenseite des Lebens wohnen. Die arm sind, keinen Beruf und auch keine Perspektive haben. Ausser, die Dinge ändern sich:

Don't you know
Talking about a revolution?
It sounds like a whisper

Poor people gonna rise up
And get their share
Poor people gonna rise up
And take what's theirs

Hörst du es denn nicht,
dass sie von Revolution reden?
Es klingt wie ein Flüstern

Die armen Leute, sie werden aufstehen
Sie werden ihren Anteil bekommen
Die armen Leute werden aufstehen
Und sich holen, was ihnen gehört.

Die Revolution beginnt leise - wie ein Flüstern

Es klingt wie ein Flüstern. Die Revolution von der Chapman singt, sie beginnt leise. Nicht mit einem Paukenschlag. Sie fängt klein an, doch sie wird alles verändern. Umwälzen. „Die armen Leute werden sich holen, was ihnen gehört.“ Mit ihrem Song trifft Tracy Chapman damals einen Nerv. Er wird ein Welthit. Ich erinnere mich. Ich war damals nur wenige Jahre jünger Als Tracy Chapman. Eigentlich trifft der Song so gar nicht meinen Musikgeschmack. Doch ich habe ihn "rauf und runter" gehört. Die Melodie, die kraftvoll samtige Stimme der Sängerin, das ging mir nicht aus dem Kopf. Vor allem: die Vision von einer anderen, besseren Welt. Das wollte ich auch. Eine andere, eine gerechte Welt. Eine Welt, in der alle ihren Anteil bekommen.

Cause finally the tables are starting to turn
Talkin' about a revolution
'Cause finally the tables are starting to turn
Talkin' about a revolution, oh no
Talkin' 'bout a revolution, oh

Am Ende wird sich das Blatt wenden.
Also: Lass uns über eine Revolution reden.

Der Lobgesang der Maria, der Mutter Jesu

Wenn ich den Song heute wiederhöre, dann erinnert er mich an eine andere junge Frau. Sie hat ebenfalls ein Lied gesungen, das zum Welthit wurde. Das Magnificat. Auf deutsch: Lobgesang. Der Name der Sängerin: Maria. Wir kennen sie aus der Weihnachtsgeschichte. Sie ist die Mutter von Jesus. Doch als sie damals ihr Lied singt, kennt sie niemand. Sie war nur irgendein junges Mädchen aus einem jüdischen Dorf. Unverheiratet, schwanger und ohne jeden politischen oder gesellschaftlichen Einfluss. Aber auch sie träumt von einem anderen Leben. Sie singt:

Ich lobe Gott aus tiefstem Herzen.
Alles in mir jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter.
Denn er wendet sich mir zu, obwohl ich nur eine unbedeutende Dienerin bin.
Gott stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor.
Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben
Und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.
So wie er es versprochen hat.

Wie Tracy Chapman weiß auch Maria, wovon sie singt

Genau wie Tracy Chapman weiß auch Maria, wovon sie singt. Der größte Teil der Menschen um sie herum ist extrem arm. Sie haben keinen Einfluss, keine Macht. Die Römer regieren damals mit harter Hand. Hunger, Gewalt und Unterdrückung, das ist Marias Alltag. Aber so wird es nicht bleiben. Das Blatt wird sich wenden. Da ist Maria sich sicher. Sie ist zwar jung, aber sie ist Gottes Prophetin. Gott wird sich zeigen. Das hatte er ihr selbst gesagt. Nicht als König mit einem Streitwagen und einem Heer. Nicht mit Glanz und Gloria. Gott zeigt sich in einem Kind, das sie zur Welt bringen wird. Und mit diesem Kind wird alles ändern. Die Reichen und Mächtigen werden nicht länger bestimmen.

Die Veränderung fängt klein an

Die Veränderung wird klein anfangen, mit einem Baby, aber sie wird die ganze Welt erfassen. Also singt Maria: Hört gut zu, die ihr reich und mächtig seid. Überlegt euch, auf wessen Seite ihr steht und vielleicht ist es besser, ihr nehmt die Beine in die Hand. 

Don't you know you better
Run, run, run, run, run, run
Run, run, run, run, run, run
Oh, I said you better
Run, run, run, run, run, run
Run, run, run, run, run, run

'Cause finally the tables are starting to turn
Talkin' about a revolution
'Cause finally the tables are starting to turn
Talkin'…

Am besten, du rennst,
rennst, rennst …..
Denn am Ende wird das Blatt sich wenden.
Lass uns über eine Revolution reden.

Haben die Lieder von Maria und Tracy die Welt verändert?

Maria singt vor über zweitausend Jahren. Tracy Chapman vor mehr als dreißig Jahren. Und ich frage mich, was haben sie erreicht? Hat die Welt sich verändert? Hat das Blatt sich gewendet?

Für Nelson Mandela und die Anti-Apartheid-Bewegung, ja. Mandela kommt einige Jahre, nach dem großem Konzert im Wembley Stadion in London, aus dem Gefängnis frei. Dank des weltweiten Protestes endet die Apartheit in Südafrika. Mandela wird der erste schwarze Präsident seines Landes. Und Chapmans Lied hatte einen Anteil daran.

Maria bringt einen kleinen Jungen zur Welt. In ihm zeigt sich Gott der ganzen Welt. Maria zieht ihn auf, begleitet und unterstützt ihn, so gut sie kann. Auch als er hingerichtet wird, lässt sie ihn nicht allein. Nach seinem Tod sorgt Maria zusammen mit anderen dafür, dass seine Geschichte weitergeht. Bis heute erklingt ihr Lied.

Frauen wie Maria und Tracy haben dennoch etwas erreicht

Die ganz große Veränderung aber, die alles auf den Kopf stellt, sie steht noch aus. Trotzdem, ich finde, Frauen wie Maria und Tracy haben etwas erreicht. Sie sind Vorbilder. Sie haben Nachfolgerinnen. Weltweit. Junge Frauen, die heute ihre Stimme erheben. Sie setzten sich ein für das Klima, für soziale Gerechtigkeit und sauberes Trinkwasser. Sie legen sich in den USA mit der Waffenlobby an. Sie kämpfen dafür, dass jedes Kind auf der Welt, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, ein Recht auf Bildung hat. Sie heißen - um nur einige zu nennen: Emma Gonzalez, Malala Yousafzai, Greta Thunberg, Lisa Neuhaus oder Amanda Goreman. Sie sind "Change-Maker". Und sie sind viele. Junge rebellische Frauen, die die Welt nicht hinnehmen, wie sie ist. Die daran glauben, dass die Welt besser sein könnte.

Bleibt die Frage: Wo stehe ich?

Und ich? Ich bin schon lange nicht mehr jung und rebellisch. Aber wenn ich diese jungen Frauen betrachte, dann macht mich das froh. Und es bringt mich dazu neu zu fragen: Wo stehe ich eigentlich? Wie verhalte ich mich? Gehöre ich zu denen, die anderen Unrecht tun oder schweigen, wenn es ungerecht zugeht. Sollte ich meine Beine in die Hand nehmen, weil das Blatt sich wendet? Ich hoffe nicht. Ich möchte mit den jungen Frauen zusammen meine Stimme erheben. Für Frieden und Gerechtigkeit, so wie Gott es Maria versprochen hat. Und von Veränderung singen. Und wo es geht, meinen Teil dazu beitragen. Selbst wenn es nur wie ein Flüstern klingt.

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