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Spaziergang mit Zigarren
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Spaziergang mit Zigarren

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Sie treffen sich immer mittwochs. Seit zwanzig Jahren. Drei Männer auf dem Weg zur Kirche. Einer hat den Schlüssel. Die Drei setzen sich in eine Bank. In immer die gleiche, vorne links die zweite. Da sieht man den Heiland am Kreuz besser. Der lächelt sie an, denken sie. Hoffen sie. Im Winter sind die drei Männer dick angezogen. Es ist eiskalt in der Kirche. Im Sommer ist es herrlich kühl. Die Kirche liegt außerhalb ihres Dorfes. Man hat einen kleinen Spaziergang zum Heiland. Ein Spaziergang mit Zigarren. Alle drei, immer mittwochs. Seit zwanzig Jahren.
Sie wollen danken, die Männer. Jede Woche. Vor Jahren sind sie aus Kasachstan gekommen, wie viele. Mit ihren Frauen. Die Kinder kamen erst viel später und wohnen weit weg. Leider. Jetzt sind die drei Männer alt. Und nicht so gesund. Einer ist Witwer. Danken aber geht immer. Danken für den Frieden, die Familien, die Ernte, die Nachbarn, die Toten. Und für das schöne Dorf, in dem sie leben. Alle waren freundlich zu ihnen, als sie damals ankamen. Sie konnten unbedrängt leben. Vor zwanzig Jahren hat einer der drei gesagt: Wir könnten doch mal zur Kirche gehen. Damals gingen sie hin und wieder, später einmal die Woche. Erst Spaziergang mit Zigarren, dann Kirche. Und Beten.
Danken und Bitten. Gott beim Wort nehmen. Wenn ihr mich sucht, sagt Gott, wenn ihr mich von ganzem Herzen  sucht, will ich mich von euch finden lassen. Wo sonst sollen wir Gott suchen und finden als beim Beten. Also beten sie. Nach dem Rauchen. In der schönen Kirche. Keiner der drei sagt ein Wort, eine halbe Stunde etwa. Ihre Augen sind geschlossen. Oder sie sehen zum Heiland, der über dem Altar hängt. Vielleicht lächelt er sie an. Und freut sich über ihren Besuch. Dann sagen die drei im Stillen, was sie auf dem Herzen haben. Geben ab, was ihre Herzen schwer macht. Erst danken sie für alles Gute. Dann bitten sie: um Frieden für die Welt, um Glück für Kinder und Enkel, um ewige Ruhe für die Toten und um ein Sterben ohne Schmerzen. 
Wenn die Kirchenglocke vier schlägt, geht’s wieder heim. Mit Zigarren. Und leichteren Herzen. Als sei der Heiland neben ihnen. Bis nächste Woche, könnte der Heiland ihnen noch gesagt haben. Er kennt die drei ja schon lange. Und sie ihn.

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