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Pilgern macht demütig
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Pilgern macht demütig

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim
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Am Ende des Sommers habe ich meine Wanderstiefel gepackt und meinen Rucksack. Eine Woche bin ich im Odenwald mit Kolleginnen und Kollegen gewesen. Zum Glück konnten wir, bevor es richtig losging, noch überflüssiges in der Herberge lassen, in die wir nach einer Woche zurückgekehrt sind.

Die ersten Tage waren nicht so einfach. Die Schuhe haben gedrückt, an den Füßen haben sich Blasen gebildet. So sind wir Kilometer um Kilometer mal in der heißen Sonne, mal im Schatten des Waldes gelaufen. Manchmal habe ich mich gefragt: Wieso tue ich mir das an? Hätte es nicht auch etwas einfacher gehen können? Ein bisschen spazieren gehen statt eine Woche mit dem Rucksack unterwegs sein?

„Pilgern macht demütig!“ Mit diesem Satz begrüßte uns die Pfarrerin, die wir sonntags im Gottesdienst als Gruppe besuchten. Wie recht sie hat, habe ich mir gedacht und war froh, für eine Stunde sitzen zu dürfen.

Die ersten Tage waren noch voll von Gedanken darüber, was ich alles noch hätte erledigen müssen, was ansteht, wenn ich zurück komme, und manchmal habe ich einfach nur überlegt, wie viel Kilometer es wohl noch sein werden, bis wir die nächste Herberge erreichen.

Doch nach dem dritten Tag hat sich was verändert. Die Fragen wurden kleiner, ich konnte mich mehr und mehr auf das hier und jetzt konzentrieren. Es war, als hätte ich viele Gedanken einfach auf dem Weg gelassen. Es ist das, was manche Pilger beschreiben, ob sie sich nun auf einen weiten Pilgerweg nach Santiago de Compostela oder sich in ihrer Region auf einen Pilgerweg machen. Einer hat es mal so beschrieben: Die Pilger haben alle zwei Rucksäcke auf. Einen äußerlichen und einen innerlichen. Und oft ist der unsichtbare und innerliche Rucksack schwerer als der, den man auf dem Rücken trägt. Das stimmt. Beim Pilgern merkt man ganz gut, wie viel man mitschleppt, auch innerlich. Obwohl wir in einer Gruppe gelaufen sind, gab es doch viele Momente, in denen jeder für sich gegangen ist, oft auch schweigend.

Wenn man sich äußerlich unterwegs aufmacht, bricht man auch innerlich auf. Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Und es war wohltuend zu merken, wie wenig ich eigentlich brauche, wenn ich mich auf den Weg mache.

Pilgern macht demütig. Ja, das stimmt. Fragen werden kleiner. Vieles lasse ich auf dem Weg zurück. Was mir groß vorkam, spielt kaum noch eine Rolle. Aber erstaunlich: Manches, was klein war, wird auf einmal groß. Der gedeckte Tisch, der am Ende des Tages wartet, der Brunnen, an dem die Wasservorräte aufgefüllt werden können, die Blasen, die nicht mehr schmerzen.

Pilgern ist wirklich ein Unterwegs sein mit allen Sinnen. Und es schärft die Sinne. Auch für die Kleinigkeiten, die ich auf dem Weg mehr und mehr geschätzt habe und für die ich Gott dankbar sein kann. Ich jedenfalls habe beschlossen: Das war nicht das letzte Mal.

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